Dankbar fürs Überleben - ein Heufelder erinnert sich an das Ende des Krieges vor 75 Jahren

Ihre eiserne Hochzeit feiern Fanny und Bertl Heigl im Frühjahr. Sie sind dankbar dafür, dass es das Leben gut mit ihnen meint. RE

Bertl Heigl ist in Bruckmühl gut bekannt. Immerhin hat er weit mehr als 700 Paaren als Hochzeitslader zum großen Glück verholfen. Aber er ist auch einer der wenigen Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben und sich an sein Ende vor 75 Jahren noch erinnern können.

Heufeld– „Man muss unheimlich viel Glück im Leben haben, um so alt zu werden wie wir“, sagt Rupert Heigl nachdenklich. Er feierte gerade seinen 92. Geburtstag, seine Frau Franziska wird im Mai 91 Jahre alt. Ihre Jugend ist 75 Jahre her. Genau wie das Ende des Zweiten Weltkrieges. Dass sie ihn überlebten, war das größte Glück ihres Lebens.

Mit 16 Jahren geht es zum Einsatz

Am 15. Februar 1945 wird Bertl Heigl „eingezogen“. Er ist gerade erst 16 Jahre alt, hat seine Lehre zum Automechaniker noch nicht einmal abgeschlossen, aber auf den Krieg wurde er vorbereitet. Der Junge hat unzählige „Wehrertüchtigungslager“ hinter sich. Seit seiner Kindheit. Er weiß, wie man ein Gewehr zerlegt und wieder montiert. Er kann mit dem Kleinkaliber schießen, Gelände erkunden, hat eine Kraftfahrerausbildung gemacht. Er weiß, wie man Minen legt und sucht, auch wie man Sprengladungen anbringt.

Böses Erwachen aus einem „Abenteuer“

Im Februar 1945 wird er zum „Arbeitsdienst“ einberufen. Die Niederlage des Dritten Reiches ist nicht mehr abzuwenden. Seit Januar ist die Rote Armee in der Offensive. Im Februar ist die Ostfront an der Oder angekommen. Am 15. Februar kommt Bertl im sächsischen Radebeul an, kaum zehn Kilometer von Dresden entfernt, der sächsischen Metropole, die gerade von Bomben völlig zerstört wurde.

Von Kindheit an auf Krieg gedrillt

„Und doch fühlte es sich für mich wie ein Abenteuer an“, erinnert er sich. „Wir waren jung. Wir wollten kämpfen. Darauf waren wir von frühester Kindheit an getrimmt worden.“ Doch die Ernüchterung kommt schnell. „Wir sollten zu einer Panzernahkampfdivision. Für 20 Leute gab es vier Karabinergewehre, zwei Panzerfäuste, Schaufeln und Schlagstöcke.“

„Unehrenhaft“ nach Hause geschickt

Er begreift, dass der Einsatz sein Todesurteil wäre. „Als menschliches Schutzschild mit einem Schlagstock gegen einen russischen Panzer“, sagt er heute noch fassungslos. Damals trifft er das erste Mal in seinem Leben eine Entscheidung. Er zeigt seine Angst, wird „unehrenhaft“ aus der Truppe entlassen, nach Hause geschickt und von den anderen Jugendlichen verhöhnt.

Kinder als letzte „Verteidigungsbastion“

Zurück in Bruckmühl dauert es keine 14 Tage, als der nächste „Stellungsbefehl“ kommt. Diesmal geht es für Bertl von Bruckmühl nach Moosham im Lungau. Wieder militärische Ausbildung, wieder Gewehre, wieder Drill, wieder Appelle. Tagelang. Am 16. März wird er 17 Jahre alt.

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Am 29. März überschreitet die Rote Armee die österreichische Grenze im Burgenland. Und der „Volkssturm“ aus Kindern wird noch immer für die letzte „Verteidigungsbastion“ vorbereitet. „Wir standen auf dem Appellplatz und sahen die britischen Bomber fliegen“, erinnert er sich.

Fahnenflucht – die einzige Chance auf Leben

Es war der 25. April, der Angriff auf den Obersalzberg, das Ende der ominösen Alpenfestung Hitlers. Und es war der Tag, an dem Bertl und seine Freunde entschieden, dass sie leben wollen. Noch in der Nacht machen sie sich aus dem Staub. „Max Griebl aus Rosenheim, Hans Lettenbichler aus Bad Feilnbach, der Gassner aus Wasserburg, vier Tiroler und ich“, erinnert sich Bertl Heigl auch 75 Jahre später noch an diesen Tag.

„Ich habe Männer hängen sehen“

Im österreichischen Lungau herrschte Chaos. In Tirol standen die Amerikaner, aus dem Süden und Osten näherte sich die Rote Armee. Die Straßen waren voller Flüchtlinge. Und voller Heimkehrer. „Auch die Soldaten waren schon am Abhauen. Ich habe Männer an Bäumen hängen sehen. Sie waren als Deserteure von der SS hingerichtet worden“, sagt er. Dabei war der Krieg entschieden. Doch weite Teile Österreichs standen noch immer unter NS-Herrschaft.

Der SS mit Lügen entkommen

Auch Mauterndorf. „Der Ort war voller SS, weil Hermann Göring sich auf der Burg aufhielt“, erzählt Heigl. „Zum Glück hatten wir Papiere, die uns bescheinigten, dass wir Leute kontrollieren dürfen. So konnten wir uns rausreden und schließlich entkommen.“

Gefährliche Flucht nach Hause

Über die Niederen Tauern gelangen sie bis nach Radstadt, werfen im Wald ihre Gewehre weg, finden bei einer Bäuerin Unterschlupf, schlagen sich weiter bis nach Salzburg durch und werden schließlich von Engländern aufgegriffen. „Das muss alles ins Lazarett, haben sie zu uns gesagt“, beschreibt er das Unfassbare und meint: „Ja, wir hatten wirklich Glück.“

Das Erlebte hat sich ins Gedächtnis eingebrannt

Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands erlebt Bert Heigl am 8. Mai 1945 in Freilassing. Von hier gelangt er auf einem amerikanischen Lkw nach Wasserburg und zu Fuß schließlich endlich nach Hause. Vier Monate seines Lebens, die sich eingebrannt haben.

Und dann kam Fanny

„Danach haben wir so gut wie es nach dem Krieg möglich war, weitergearbeitet“, meint er. Die Lehre brachte er zu Ende. Mit den Lebensmittelkarten und dem, was auf den Feldern übrig geblieben war, konnte er überleben. Und dann kam Fanny und mit ihr das bis heute andauernde Glück.

Im April wird Eiserne Hochzeit gefeiert

„Mein ganzes Leben war ein Abenteuer“, sagt Heigl. Ob als Mechaniker, Heizer in der Wolldecke, als Gemeindearbeiter und Wassermeister, als Hochzeitslader oder Ehemann. „So geht die Zeit rum“, sagt er mit einem Lächeln und nimmt seine Fanny in den Arm. Die beiden sind ein ganzes Leben lang zusammen, kennen sich, schon seitdem sie 15 waren und heirateten vor 65 Jahren.

Dankbar fürs Leben und für die Jahre

Im Frühjahr feiern sie ihre Eiserne Hochzeit: mit ihrer Familie und den Freunden. Und sie fahren zur Wallfahrtskirche Maria Birkenstein, so wie jedes Jahr an ihrem Hochzeitstag. Um Dank zu sagen: Dafür, dass wir so viel Glück hatten und diesen furchtbaren Krieg überlebt haben. Dafür, dass wir alt werden durften.“

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