Damit erst gar nichts passiert – Kathrin Hanses über Gewaltprävention im TV Feldkirchen

Kathrin Hanses ist Mutter, Hebamme, Traumpädagogin, Übungsleiterin der Bambini-Ringer und jetzt auch Präventionsbeauftragte für Fragen der sexualisierten Gewalt im Feldkirchener Sportverein.
+
Kathrin Hanses ist Mutter, Hebamme, Traumpädagogin, Übungsleiterin der Bambini-Ringer und jetzt auch Präventionsbeauftragte für Fragen der sexualisierten Gewalt im Feldkirchener Sportverein.

Der TV Feldkirchen hat jetzt eine Präventionsbeauftragte für Fragen der sexualisierten Gewalt: Kathrin Hanses. Die 42-Jährige ist Mutter von vier Kindern im Alter von acht bis 16 Jahren, freiberufliche Hebamme, Traumapädagogin und Trainerin der Bambini-Ringer.

Von Kathrin Gerlach

Feldkirchen-Westerham – Im Interview erklärt Hanses, wie Sie im und mit dem Sportverein Kinder und Erwachsene schützen will.

Wozu braucht ein Sportverein eine Beauftragte für Fragen der sexualisierten Gewalt?

Kathrin Hanses: In Deutschland hat jeder achte Erwachsene in seiner Kindheit oder Jugend sexuelle Gewalt erlitten. In jeder Klasse sitzen heute mindestens zwei Kinder, die sexuelle Gewalt kennen. Etwa 50 Prozent der Übergriffe finden im sozialen Nahraum statt, zu dem auch Vereine gehören. Sportvereine sind keine Insel. Das heißt: Täter und Opfer leben auch unter uns. Wir kennen sie, und haben mit ihnen zu tun. Man darf es nicht totschweigen: Fakt ist. Wir haben es in der gesamten Gesellschaft, und wir können etwas dagegen tun.

Sind Ihnen Vorfälle im TV Feldkirchen bekannt?

Kathrin Hanses:Nein. Und das soll auch so bleiben. Spitzenverbände sind dazu verpflichtet, einen Beauftragten und ein Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt zu haben. Wir machen es freiwillig, denn wir möchten verhindern, dass es irgendwann zu Übergriffen kommt.

Wie wollen Sie sexuelle Gewalt unterbinden?

Kathrin Hanses:Durch Prävention, durch Schutzkonzepte, umfassende Aufklärung, geduldige Erziehung und natürlich Vorbild. Das hört sich erst einmal nach viel Arbeit an, aber es schützt die Kinder und auch die Übungsleiter und Trainer dauerhaft.

Lesen Sie auch:Coronavirus in Rosenheim: Zwei neue Todesfälle innerhalb weniger Tage

Was gehört dazu?

Kathrin Hanses: Ein Ehrenkodex beispielsweise, den jeder Übungsleiter unterschreibt. Es gibt Regeln für Einzeltrainings, Situationen in Duschen und Umkleiden, für Trainingslager oder die Mitnahme von Kindern in Fahrzeugen. Wir klopfen an, wenn wir die Räume der Kinder betreten. Wir erklären, wenn wir sportliche Hilfeleistungen geben, was wir warum tun. Wir achten auf die Signale der Kinder. Das heißt, wir erziehen das Kind behutsam auch dazu, seine eigenen Grenzen klar zu definieren. Wir beobachten auch die Interaktion der Kinder und Jugendlichen. Das gibt ihnen und uns Sicherheit. Alle Übungsleiter werden diesbezüglich geschult.

Das klingt kompliziert…

Kathrin Hanses:Aber nur am Anfang, weil dieser respektvolle, achtsame Umgang miteinander zur Normalität wird.

Ist das nicht eine pauschale Verdächtigung aller Übungsleiter?

Kathrin Hanses: Nein, denn auch sie werden künftig besser geschützt sein, weil ihnen die Regeln einen sicheren Arbeitsrahmen geben. Beispielsweise dadurch, dass wir nie allein mit einem Kind in einem Raum sind. Einzeltrainings werden mit den Eltern vorher abgestimmt. Sie finden bei offenen Türen statt, es gilt das Mehr-Augen-Prinzip. So gewährleisten wir Transparenz. Sollte es offene Fragen geben, werden diese vorab mit den Eltern und der Präventionsbeauftragten besprochen. So schaffen wir ein sicheres Umfeld und versuchen auch, mögliche falsche Verdächtigungen von vornherein auszuschließen.

Wie sind Sie dem Thema der sexualisierten Gewalt begegnet?

Kathrin Hanses:In meiner Arbeit als Hebamme. Ich habe mich anfangs oft gefragt, warum es Frauen gibt, die sich vor Berührungen scheuen, die nicht natürlich gebären oder stillen wollen. Deshalb habe ich mich mit Traumata beschäftigt, zur traumasensiblen Hebamme qualifiziert und schließlich in Innsbruck Traumapädagogik mit traumazentrierter Fachberatung studiert. Diese Arbeit liegt mir wirklich sehr am Herzen.

Wie geben Sie Ihr Wissen weiter?

Kathrin Hanses:Ganz behutsam in meiner Arbeit als Hebamme. Ich unterrichte gemeinsam mit dem Team der Hebammenpraxis Feldkirchen Sexualkunde in den vierten Klassen. Wir erklären den Kindern beispielsweise, was Liebe ist, wo ihre Grenzen sind, welche Berührungen gut und welche bedenklich sind. Zudem biete ich Fortbildungen für Kollegen und gynäkologische Praxen an.

Zahlen und Fakten des Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

• Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet für das Jahr 2019 in Deutschland mehr als 13 000 den Ermittlungsbehörden bekannt gewordene Straftaten des Kindesmissbrauchs – etwa 1700 davon in Bayern. Davon betroffen waren zu 75 Prozent Mädchen und zu 25 Prozent Jungen. Hinzu kommen Hunderte Anzeigen von sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen und Jugendlichen sowie über 14 000 Fälle sogenannter Kinder- und Jugendpornografie – in Bayern sind es mehr als 2000.

• Nach Informationen des Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik, ist das Dunkelfeld, also die Zahl der nicht polizeilich bekannten Fälle, weitaus größer. Dunkelfeldforschungen aus den vergangenen Jahren haben ergeben, dass etwa jede/r siebte bis achte Erwachsene in Deutschland sexuelle Gewalt in seiner Kindheit und Jugend erlitten hat.

Es ist davon auszugehen, dass etwa ein bis zwei Schüler/innen in jeder Schulklasse von sexueller Gewalt betroffenen waren oder es noch sind. In diese Zahlen fließen die Fälle von sexueller Gewalt, die durch andere Kinder oder Jugendliche verübt wird, nur zu einem kleinen Teil ein. Befragungen von Schülern und Schülerinnen weisen darauf hin, dass Übergriffe durch andere Kinder und Jugendliche häufiger sind als sexuelle Gewalt durch Erwachsene.

Das könnte Sie auch interessieren:Mehr Platz für Höhenrainer Kinder: Jetzt wird ans Gemeindehaus angebaut

• Sexuelle Gewalt findet am häufigsten innerhalb der engsten Familie statt (etwa 25 Prozent) sowie im sozialen Nahraum beziehungsweise im weiteren Familien- und Bekanntenkreis (circa 50 Prozent), zum Beispiel durch Nachbarn oder Personen aus Einrichtungen oder Vereinen, die die Kinder und Jugendlichen gut kennen. Sexuelle Gewalt durch Fremdtäter/innen ist eher die Ausnahme, nicht jedoch im Internet.

• Sexueller Missbrauch findet in etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle durch Männer und männliche Jugendliche statt, zu etwa 10 bis 20 Prozent durch Frauen und weibliche Jugendliche. Sowohl Täter als auch Täterinnen missbrauchen Kinder jeden Geschlechts.

Kommentare