Im Verordnungs-Dschungel

Beyhartinger Kita ratlos: Gilt die Corona-Anordung des Familienministeriums oder die des Landratsamtes?

Wie geht es weiter in den Kindertageseinrichtungen? Seit Montag sind sie per Erlass des Bayerischen Familienministeriums eigentlich dazu verpflichtet, die Regelöffnungszeiten einzuhalten. Doch wie in Beyharting ist das in vielen Kitas aufgrund des Widerspruchs zwischen Corona-Regeln und Fachkräftemangel gar nicht möglich.
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Wie geht es weiter in den Kindertageseinrichtungen? Seit Montag sind sie per Erlass des Bayerischen Familienministeriums eigentlich dazu verpflichtet, die Regelöffnungszeiten einzuhalten. Doch wie in Beyharting ist das in vielen Kitas aufgrund des Widerspruchs zwischen Corona-Regeln und Fachkräftemangel gar nicht möglich.
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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Ein Newsletter aus dem Bayrischen Sozialministerium sorgt in den Kindereinrichtungen für Verwirrung. Darin werden der Regelbetrieb angeordnet und das Prinzip fester Gruppen aufgeweicht. In der Region gilt weiterhin die Allgemeinverfügung des Landratsamtes. Wie gehen die Verantwortlichen vor Ort damit um?

Tuntenhausen – „Die neue Verordnung des Bayerischen Familienministeriums würde bedeuten, dass wir ab sofort wieder unsere regulären Öffnungszeiten einhalten müssten. Das ist uns aber unter den gegebenen Umständen gar nicht möglich“, kritisiert Barbara Reiser, die Leiterin der Kindertageseinrichtung „Klostermäuse“ in Beyharting. Noch gilt in der Region zwar die Allgemeinverfügung des Landratsamtes. Doch die Hiobsbotschaft aus München wirft wieder neue Fragen auf: nach mehr Personal, nach der Vermeidung von Ansteckung, nach der Umsetzbarkeit der veränderten Regeln.

Herausforderungen werden immer größer

Erst im Oktober wandte sich die Pädagogin mit einem Hilferuf an Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey und die bayrische Familienministerin Carolina Trautner.

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Am 4. November traf eine Antwort aus München ein. „Die Bekämpfung des Fachkräftemangels sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, heißt es da. Und natürlich habe dieser auch Auswirkungen auf die Möglichkeiten, wie der Kita-Alltag in Zeiten der Corona-Pandemie gestaltet werden könne. Doch: „Wir müssen uns bewusst machen, dass die Pandemie uns alle vor große Herausforderungen stellt.“

Bald gelten wieder neue Regeln

Nur sieben Tage später – am 11. November – erlässt das Familienministerium einen Erlass, der „ab sofort“ gelten soll. Die Herausforderungen werden noch größer: Der Regelbetrieb wird angeordnet. Die Einhaltung der Öffnungszeiten. Der Drei-Stufen-Plan wird bis 30. November ausgesetzt.

„Der neue Rahmenhygieneplan eröffnet die Möglichkeit, wieder in den Regelbetrieb zu gehen“, relativiert Michael Fischer, Pressesprecher des Landkreises Rosenheim. „Wir müssen die Vorgaben des Rahmenhygieneplans beachten, können jedoch gemäß der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung per Allgemeinverfügung schärfere Regelungen erlassen, soweit dies aus infektionsschutzrechtlicher Sicht erforderlich ist.“

Betreuungszeiten mussten angepasst werden

Auf Grundlage der Allgemeinverfügung des Landratsamtes hatten die Beyhartinger Erzieher im September mit den Eltern Pläne für eine Reduzierung der Betreuungszeiten schmieden müssen. Von den zwölf Beyhartinger Pädagoginnen arbeiten zehn in Teilzeit. Da feste Gruppen mit festen Erzieherinnen vorgeschrieben sind, blieb trotz der Bereitschaft zu vielen Überstunden kein anderer Ausweg mehr, als die Öffnungszeiten zu reduzieren. Haben die „Klostermäuse“ dienstags bis donnerstags normalerweise von 7 bis 16 Uhr geöffnet, kann jetzt nur von 7.30 bis 14.30 Uhr eine Betreuung gesichert werden.

Am 16. November verschickte das Familienministerium einen Newsletter, der die Vorgaben vom 11. November wieder ein wenig relativiert: Wie bisher müssen die Kinder in festen Gruppen betreut werden. Ihre Größe darf von der personellen und räumlichen Ausstattung abhängig gemacht werden.

Dürfen Personal und Kinder jetzt wieder „springen“?

Um die Öffnungszeiten aufrechtzuerhalten, dürfte das Personal jetzt sogar gruppenübergreifend tätig werden. Und auch die Kinder „in Randzeiten“ – also am frühen Morgen und am späten Nachmittag – dürften in einer Gruppe zusammengeführt werden.

Ein Widerspruch für die Praktiker: „Wenn wir das machen, können wir auch unser offenes Konzept zulassen, denn bei Wechseln der Erzieher und der Kinder würde bei einem möglichen Ernstfall sowieso die ganze Kita in Quarantäne gehen“, macht Reiser klar.

Doch noch müssen die neuen Regeln des Familienministeriums nicht umgesetzt werden. Für die Kindertagesstätten in der Region gilt nach wie vor die Allgemeinverfügung des Landkreises: „Damit fühlen wir uns geschützt, denn sie ist gut durchdacht“, betont Sabine Suitner-Miller, die Verwaltungsleiterin des Kita-Verbundes Beyharting. Aufgrund des hohen Infektionsgeschehen im Landkreis gelte es zudem, genau zu hinterfragen, ob künftig Erzieher oder Kinder in Randgruppen tatsächlich wieder wechseln sollten.

Ignoranz der Lage vor Ort

„Am empörendsten ist der Kommunikationsstil und die Ignoranz der Lage vor Ort“, kritisiert Christiane Münderlein, Vorständin Bildung und Soziales beim Kita-Verband Bayerns die neue Verfügung aus München. Sie fordert mehr Rückendeckung von der Politik. Die hatte sich auch die Beyhartinger Kitaleiterin von ihren offenen Briefen erhofft.

Doch die Antwort aus dem Bayerischen Familienministerium macht klar: „Zuständig für die Kinderbetreuung sind die Gemeinden. Damit sind diese zuvörderst für eine ausreichende Personalausstattung verantwortlich.“ Auf die Frage, ob die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Kindertagesbetreuung allein auf die Pädagogen abgewälzt werde, verlautet aus München: „Nein. Vielmehr sind die Träger der Kitas als Arbeitgeber für den Arbeitsschutz in den Kitas verantwortlich.“

Das sagen die Praktiker vor Ort

Das Bayerische Ministerium für Familie, Arbeit und Soziales hat den Ball ins „lokale Spielfeld“ zurückgespielt. Dafür, dass die Kita-Betreuung aufrechterhalten werde, seien die Gemeinden und die Träger der Einrichtungen verantwortlich. Sie könnten so viel Personal einstellen, wie es ihnen im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten erlaubt sei. Doch was sagen die Verantwortlichen vor Ort dazu?

Landratsamt Rosenheim: „Die angespannte Personalsituation in den Kindertageseinrichtungen spitzt sich durch die Betreuung der Kinder in festen Gruppen mit festem Personal zu. Die Allgemeinverfügung gilt weiterhin. Der Rahmenhygieneplan gibt nur einen Rahmen vor und ist – im Gegensatz zu einer Rechtsverordnung – in seiner konkreten Umsetzung nicht verbindlich. Kitas können im Rahmen des möglichen Personaleinsatzes ihre Öffnungszeiten bestimmen, da diese vom vorhandenen Personal abhängig sind. Wer kein Personal hat, kann keine Kinder betreuen. Dies ist eine alte Fragestellung, die aufgrund des Fachkräftemangels bereits seit längerem besteht.“

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Georg Weigl, Bürgermeister der Gemeinde Tuntenhausen: „Wir bemühen uns ständig darum, zusätzliches Personal für unsere Kindereinrichtungen zu finden. Aber der Markt ist wie leergefegt: Fachkräfte fehlen. Wir versuchen unser Möglichstes, um die Situation in unseren Kindereinrichtungen zu entspannen. Der Personalschlüssel von 1:10 wird bereits unterboten. Wenn wir Personal finden, stellen wir weiter ein. Die Kosten dafür trägt die Gemeinde, denn die Betriebskostenzuschüsse, die wir vom Freistaat Bayern erhalten, richten sich nach der Zahl der betreuten Kinder und nicht nach der Zahl der Arbeitskräfte. Die Corona-Pandemie macht uns eindringlich klar, dass viel mehr Erzieher und Pädagogen ausgebildet werden müssen, dass ihre Ausbildung verkürzt werden muss, und dass es künftig auch erlaubt sein muss, dass Quereinsteiger mit einer kleinen Zusatzausbildung in Kindereinrichtungen tätig werden dürfen. Wir brauchen neue Konzepte, um dem Personalmangel zu begegnen, da die Gemeinden ab 2025 eine Ganztagsbetreuung verpflichtend anbieten müssen.“

Sabine Suitner-Miller, Verwaltungsleiterin des Kita-Verbundes Beyharting: „Der Personalmangel war schon vor der Corona-Krise enorm. Uns fehlt fast in jeder Einrichtung eine Fachkaft. Wir nehmen jeden guten Mitarbeiter, den wir finden können, aber es gibt zu wenige. Wir schöpfen alle Möglichkeiten aus, auch die der Assistenzkräfte über das Programm „Tagespflege“. Zudem bieten wir Stundenerhöhungen an, was allerdings unsere Pädagoginnen mit eigenen Kindern in Kindertageseinrichtung und Schule jetzt noch weniger umsetzen können als vor der Corona-Pandemie. Erfreulicherweise konnte ich zumindest für Beyharting eine Entlastung erreichen und eine neue Fachkraft gewinnen, die im Januar ihre Tätigkeit aufnimmt.“

Landrat Otto Lederer: „Beschäftigte leisten Großartiges“

„Kindertageseinrichtungen waren und sind ein wesentlicher Bestandteil des täglichen Lebens von Eltern mit Kindern. Gerade in nicht alltäglichen Zeiten, wie wir sie im Moment erleben, zeigt sich, dass Kindertageseinrichtungen mehr sind als nur etwas Selbstverständliches. Corona lässt vieles leider nicht zu. So kann auch manches pädagogische Konzept derzeit nicht – oder nicht in optimaler Weise – umgesetzt werden. Unter diesen erschwerten Bedingungen leisten die Beschäftigten dort Großartiges. Wie in vielen anderen Bereichen ist auch der Betrieb von Kitas derzeit ein Spagat zwischen bestmöglichem Infektionsschutz und idealen Bildungs- und Betreuungsbedingungen. Ich denke aber, den meisten Eltern ist diese Situation bewusst, und sie sind froh darüber, dass die Einrichtungen trotz dieser großen Herausforderung diesmal geöffnet bleiben.“

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