Eine Bad Aiblingerin Krankenschwester hilft sonst im Ausland und jetzt vor ihrer Haustür

  • vonKathrin Gerlach
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„Jetzt erleben wir, was gute Nachbarschaft bedeutet“, schreibt Gertrud Vogl aus Willing. Sie war eine der ersten Leserinnen, die auf den Aufruf reagierte, den OVB-Heimatzeitungen ihre persönliche Corona-Geschichte zu erzählen, um damit auch anderen Menschen Mut und Zuversicht zu geben.

Bad Aibling – Mit der Geschichte von Gertrud Vogl aus Willing ist auch die einer ganz besonderen Frau verbunden: die ihrer Nachbarin Claudia Weidenbrück.

Gemeinschaft von vier Risikopatienten

Die 78-jährige Gertrud Vogl lebt mit ihrem Mann Ludwig (83), mit Schwester Renate (74) und Schwager Reinhard Hauser (69) in einem Doppelhaus. „Wir alle sind zwar medizinisch gut versorgt, aber natürlich trotzdem Risikopatienten. Der eine wegen einer Altersdiabetes, der andere wegen des Herzens oder des Blutdrucks“, erklärt sie.

Für Senioren ist Corona gefährlich

Von ihren Bekannten aus Kitzbühel – beide schon über 80 Jahre alt – weiß sie, was es bedeutet, den Coronavirus auszukurieren. „Sie haben sich bei ihrem Sohn angesteckt, der in München war, sind nun in Quarantäne, haben aber zum Glück kein Fieber und auch mit dem Schnaufen keine Probleme“, ist sie beruhigt. Trotzdem ruft sie regelmäßig an, weil sie sich Sorgen macht.

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Sohn kann nicht zu Besuch kommen

Sorgen, die auch ihren Sohn Martin in München plagen, der täglich anruft, aber aus Sicherheitsgründen nicht nach Bad Aibling kommt, um seine betagten Eltern nicht unwissentlich anzustecken.

Hilfe aus dem Postkasten

Sorgen, die sich auch eine Bad Aiblinger Nachbarin um die Senioren macht. „Jetzt lag ein Brieflein im Postkasten, und uns wurde von einer bislang unbekannten Nachbarin Hilfe angeboten“, ist Gertrud Vogl dankbar und gerührt zugleich.

Melden Sie sich gern!

Auf dem Brief steht: „Ich jogge öfter bei Ihnen vorbei und habe gesehen, dass Sie schon etwas älter sind. Wenn Sie also in dieser anderen Coronazeit mal was zum Einkaufen oder sonst Unterstützung brauchen, melden Sie sich gern.“

Ein Apfelkuchen vor der Tür

Tags darauf läutete es bei den Vogls. Vor der Tür stand ein frisch gebackener Apfelkuchen. „Wir sind überwältigt! Vergelt’s Gott allen!“, sind die Senioren dankbar. Sie selbst brauchen im Moment noch keine Hilfe. „Die Birgit Baader und die Agnes Pledl versorgen uns“, erzählt Gertrud Vogl, „Aber man weiß ja nie, wie lange die Pandemie dauert. Da ist es gut, noch ein paar gute Bekannte mehr um sich zu haben.“

Netzwerk an Helfern wächst

Zu denen zählt nun auch Claudia Weidenbrück, die gute Seele von nebenan. „Wir sind erst im November in den Binderweg gezogen, haben uns in der Nachbarschaft umgeschaut und denen Hilfe angeboten, bei denen keine jungen Leute im Haus wohnen“, erzählt sie.

Unterwegs für „Ärzte ohne Grenzen“

Was helfen bedeutet, was die Krankenschwester und Pädagogin für Pflegeberufe aus langer Berufserfahrung, 18 Jahre davon in der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Die humanitäre medizinische Organisation wird aktiv, wenn das nationale Gesundheitssystem nicht mehr in der Lage ist, den Betroffenen zu helfen und bildet zudem vor Ort Fachleute aus.

Weltweit im Einsatz

Und so war Claudia Weidenbrück schon in vielen Kriegsgebieten dieser Welt im Einsatz, vor allem in Syrien, Afghanistan, im Jemen, in Nigeria oder im Sudan. „Dort mangelt es an allem, geht es um eine medizinische Grundversorgung“, berichtet sie. Dort kommt zu Unterernährung, Masern-Epidemien oder fehlenden Medikamenten noch die Angst vor Bombardierungen oder Terroranschlägen hinzu.

Ignoranz ist gefährlich

„Was vergleichbar ist mit der Lage in diesen Ländern und unserem Land ist die Ignoranz“, sagt die 56-Jährige. „Den Menschen fällt es schwer, mal die eigene Lebensstruktur zum Wohle der Gemeinschaft zurückzustellen und füreinander da zu sein, auch wenn das bedeutet, dass man Dinge tun muss, die man nicht tun möchte.“

Etwas nie Dagewesenes

Angst hat die „Krankenschwester ohne Grenzen“ davor, dass das Virus sich auch in Afrika ausbreitet. „Dann wird es ganz schlimm.“ Und doch sieht sie in der Corona-Krise auch eine Chance: „Es ist etwas Weltverbindendes, etwas noch nie Dagewesenes, etwas, was uns alle betrifft, egal, ob Industrienation oder Entwicklungsland.“

Ein Segen kommt zurück

Als Gertrud Vogel erfährt, dass ihre hilfsbereite Nachbarin für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet, ist sie überwältigt: „Ich freue mich jetzt umso mehr, dass ich diese Organisation seit vielen Jahren finanziell unterstütze. Scheinbar kommt hier ein Segen zurück!“

Nun wieder vor Ort im Einsatz

Eigentlich sollte Claudia Weidenbrück Mitte März nach Jordanien fliegen, um dort Management-Trainings zu leiten. Doch dieser Einsatz wurde abgesagt. Deshalb wird die Bad Aiblingerin nun im heimischen Krisengebiet tätig.

Versorgung von Intensivpatienten

Sie hat sich auf den Aufruf der RoMed Klinik Rosenheimgemeldet. Die sucht „Heldinnen und Helden“ als Unterstützung . Und da sie bereits auf Intensivstationen gearbeitet hat, hilft Claudia Weidenbrück nun bei der Versorgung von Intensivpatienten.

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