Bio-Gemüse findet seit der Corona-Krise reißenden Absatz in der Region

Die Bio-Produkte der Gärtnerei Colshorn werden im eigenen Hofladen verkauft – hier von Elisabeth Spielmann an Markus Brunnhuber.
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Die Bio-Produkte der Gärtnerei Colshorn werden im eigenen Hofladen verkauft – hier von Elisabeth Spielmann an Markus Brunnhuber.
  • vonJohann Baumann
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Die Nachfrage nach Bio-Produkten ist deutlich gestiegen. Das hat die Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern (LVÖ) festgestellt. LVÖ-Geschäftsführerin Cordula Rutz warf bei einem Vor-Ort-Termin im Bruckmühler Ortsteil Wiechs einen Blick hinter die Kulissen der Bioland-Gärtnerei Colshorn. Auch andere Bio-Erzeuger aus der Region bestätigen den Trend.

Bruckmühl – Im Bruckmühler Ortsteil Wiechs betreibt Harro Colshorn gemeinsam mit Sohn Niko und Tochter Caroline eine Bioland-Gärtnerei mit Hofladen. Vermarktet werden die Erzeugnisse im eigenen Hofladen und über ein Gemüsekisten-Abo für derzeit 250 Haushalte.

„Im ersten Quartal ist die Nachfrage nach Bio-Produkten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 30 Prozent gestiegen“, betont Cordula Rutz, Geschäftsführerin derLandesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern (LVÖ). Dieses Ergebnis reihe sich in die langfristige Entwicklungstendenz ein. Doch besonders in der Corona-Zeit habe sich der Absatz von Bio-Produkten erhöht.

Verbraucher ernähren sich bewusster

Ein Grund hierfür sei, dass die Menschen zurzeit weniger häufig in Kantinen oder Restaurants essen, wo Bio-Lebensmittel selten auf der Speisekarte stünden. „Wenn die Menschen zu Hause kochen und dafür selbst Lebensmittel einkaufen, entscheiden sie sich häufig für Bio-Produkte“, konstatierte die LVÖ-Repräsentantin.

Das bestätigt auch Josef Steingraber, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Rosenheim des Bayerischen Bauernverbandes. „Die Verbraucher kaufen tatsächlich hochwertiger ein. Das Bewusststein, dass wir in der Region die sichersten Lebensmittel haben, wurde durch die Corona-Krise geschärft“, sagt er und hofft darauf, dass der Trend zu mehr Regionalität anhält: „Wir haben eine neue Zeit, gehen neue Wege – hin zu mehr Frische und zu einer regionalen Lebensmittelversorgung. Das ist für uns alle eine Win-Win-Situation.“

Steingraber ist im Nebenerwerb Rinderzüchter und Direktvermarkter, hat die große Nachfrage nach heimischen Lebensmitteln gespürt: „Wir wurden in der Corona-Krise förmlich überrannt.“

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Ähnliche Erfahrungen hat auch Maximilian Schlarb vom Biohof Schlarb in Kolbermoor gesammelt. „Das Interesse an der Herkunft der Lebensmittel war bis zur Corona-Pandemie eher gering. Jetzt haben die Leute zum ersten Mal leere Supermarktregale gesehen und über ihre Nahrung nachgedacht“, erklärt er das neue Bewusstsein.

Der durch Hamsterkäufe entstandene Mangel habe vielen Menschen Angst gemacht. „Doch wir konnten sie beruhigen. Wer sich regional versorgt, muss sich keine Vorräte anlegen, denn bei uns bleibt alles beim Alten. Hier in der Region gedeihen immer gesunde Lebensmittel. Im Jahreslauf gibt es saisonales Gemüse.“

Bio-Produkte aus der Region stehen bei Familie Brunnhuber aus Bruckmühl schon seit 20 Jahren auf dem Speiseplan. „Das ist gut für die Natur und für uns selbst. Wir wissen, wo unser Gemüse wächst und stärken zugleich die regionalen Strukturen“, betont Markus Brunnhuber.

Die Direktvermarktung von Bio-Gemüse biete auch für kleinere Betriebe gute Chancen, betont Tom Braun, Demeter-Gärtner und Gartenbau-Experte der LVÖ Bayern. „Aber auch im Absatz von ausgewählten regionalen Produkten über den Großhandel gibt es Vermarktungschancen“, stellt er fest. Jedoch: „Der von der bayerischen Staatsregierung bis 2030 angestrebte 30-prozentige Anteil von Bio-Produkten kann nicht allein vom Einzelhandel aufgenommen werden“, argumentiert Cordula Rutz.

Mehr Bio-Produkte auch im Catering

Dafür müssten sowohl die Verarbeitung der Produkte ins Spiel kommen wie auch ihre Verwendung in staatlichen Einrichtungen wie beispielweise in Kantinen. Dabei komme auch dem Verbraucher eine nicht unwesentliche Rolle zu, betont Josef Steingraber. „Er kann in seiner Kantine die Herkunft der Zutaten erfragen und nach Gerichten aus regionalen oder Bio-Produkten verlangen.“

Harro Colshorn sieht in den im Vergleich zur konventionellen Bewirtschaftung höheren Preisen von Bio-Produkten ein Hindernis für die Bio-Ausweitung. Er weist auf die im Bio-Anbau schonendere Bodenbehandlung hin – im Gegensatz zum Düngemitteleinsatz bei den „Konventionellen“, der Auswirkungen auf das Grundwasser habe. Die dadurch entstehenden Folgen und Kosten müsse die Allgemeinheit tragen, sie seien nicht in den Preisen enthalten.

Faire Preise für faire Bedingungen

Zudem wären niedrigere Preise insbesondere durch die Tätigkeit von Billigarbeitskräften aus anderen Ländern möglich. „Wer ein Schnitzel für 39 Cent kauft, kann nicht erwarten, dass das Fleisch von einem glücklichen Schwein kommt, und die Menschen in der Produktionskette faire Arbeitsbedingungen haben“, verweist Schlarb auf den Tönnies-Skandal und betont: „Wer Billigprodukte kauft, muss sich darüber bewusst sein, dass er solche Zustände unterstützt.“

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Nur die Preise für Bio-Produkte entsprächen der ökologischen und sozialen Wirklichkeit, unterstreicht Colshorn, der gleichzeitig kritisiert, dass es weder im Landwirtschaftsministerium noch bei den Landwirtschaftsämtern Ansprechpartner für den Öko-Gemüseanbau gebe.

Bei einem Rundgang durch die 1988 gegründete und circa 1,5 Hektar große Gärtnerei in Wiechs verschafften sich die Besucher einen Überblick über die Anbaupalette. Schwerpunkte sind hier unter anderem Frischgemüse, Salat, Kräuter, Mangold, Spinat, Bohnen und Strauchtomaten.

Direktvermarktung über Gemüsekisten

Im Winter wird auf einer Flache von 1500 Quadratmetern in fünf Folientunneln auch Feldsalat angebaut.

Die Gäste erfuhren auch einiges über Schädlinge, wie beispielsweise den Kohlerdfloh und die Wintergetreidemilbe. Da Bio-Gärtner keinerlei Chemikalien zur Bekämpfung einsetzen, entstehe durch die Schädlinge oftmals ein Ernteausfall, erläuterte Colshorn.

Zur Unterstützung des Fruchtwechsels auf den Freiflächen werde unter anderem organischer Dünger aus natürlichen Rohstoffen eingesetzt. Vermarktet werden die Erzeugnisse der Bio-Gärtnerei im eigenen Hofladen und über ein Gemüsekisten-Abo für derzeit 250 Haushalte.

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