„An der Grenze der Belastbarkeit“

Corona und Kinder: „So geht’s nicht weiter“ sagt Barbara Reiser, Kita-Leiterin in Beyharting

Kitaleiterin Barbara Reiser (links) und das Team der „Klostermäuse“ Beyharting geben ihr Bestes, um die Kinder – hier Eva Lechner und Johanna Grabichler (von links) – trotz eines coronabedingten stark reglementierten Alltags liebevoll zu begleiten.
+
Kitaleiterin Barbara Reiser (links) und das Team der „Klostermäuse“ Beyharting geben ihr Bestes, um die Kinder – hier Eva Lechner und Johanna Grabichler (von links) – trotz eines coronabedingten stark reglementierten Alltags liebevoll zu begleiten.
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
    schließen

Ab Montag fährt das öffentliche Leben wieder auf Null. Die Kindertageseinrichtungen bleiben offen. Barbara Reiser, die Leiterin der Kindertageseinrichtung „Klostermäuse“ in Beyharting, erklärt im Interview, warum die Pädagogen „an der Grenze ihrer Belastbarkeit angelangt sind“.

Frau Reiser, Sie haben sich in Schreiben an Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey und an die bayrische Familienministerin Carolina Trautner gewandt. Was brennt Ihnen auf der Seele?

Barbara Reiser: Wir kämpfen schon seit Jahren um mehr Anerkennung für unseren Beruf, um bessere Rahmenbedingungen, einen angemessenen Personalschlüssel und ausreichend Fachkräfte. Doch was jetzt passiert, bereitet mir schlaflose Nächte und raubt mir die Freude an der Arbeit.

Was genau meinen Sie?

Barbara Reiser: Vor allem die Unsicherheit für alle Beteiligten. Da sind die Eltern, die nicht wissen, wie lange eine Betreuung noch stattfinden kann, und dadurch Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Da sind die Kinder, deren Rechte eingeschränkt werden. Und da sind die Pädagogen, die mit der Mehrarbeit durch die Coronaauflagen zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Es werden Vorgaben gemacht, die praktisch nicht umsetzbar sind. Fragen an die Fachbehörden oder das Gesundheitsamt werden oft nur mit Fragezeichen beantwortet. Wir fühlen uns im Stich gelassen.

Lesen Sie auch: Corona-Beschränkungen: Lockdown in Rosenheim angeblich schon ab Freitag

Was bedeutet das in der Praxis?

Barbara Reiser: Wir müssen vom offenen, gruppenübergreifenden Konzept zurück zu einer Pädagogik wie vor 30 Jahren. Festes Personal in festen Gruppen. Unsere pädagogischen Grundsätze werden massiv eingeschränkt. Gemeinsames Spielen im Turnraum oder in der Kunstwerkstatt fällt durch den reglementierten Alltag und die strengen Hygieneauflagen, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, komplett aus. Wir geben unser Bestes, um die Kinder wertschätzend zu begleiten und ihnen einen möglichst „normalen“ Alltag zu bieten. Die Situation zehrt aber an unseren Kräften.

Wie kriegen Sie das mit Ihrem Team hin?

Barbara Reiser: Bei uns arbeiten fast nur Teilzeitkräfte. Jetzt sollen die festen Gruppen an fünf Tagen pro Woche von 7 bis 16 Uhr von festen Erzieherinnen betreut werden. Das sind also 45 Stunden für eine Teilzeitkraft. Sie können sich vorstellen, was das für deren Familien bedeutet. Ich bin so dankbar dafür, dass wir als Team trotzdem gut zusammenstehen, denn nur so kann es überhaupt funktionieren. Um den Betrieb in Stufe zwei – also mit festen Gruppen – aufrechterhalten zu können, müssen wir – trotzdem wir wirklich unser Bestes geben – die Öffnungszeiten kürzen. Das hat natürlich Folgen für die Eltern und deren Arbeitsverhältnis.

Das könnte Sie auch interessieren: Dieser Advent wird besonders stad: Historischer Weihnachtsmarkt in Maxlrain abgesagt

Dürfen Kinder mit Schnupfen derzeit noch in die Kita kommen?

Barbara Reiser: Eine Schnupfennase ist zu dieser Jahreszeit ganz normal. Wichtig ist der Allgemeinzustand des Kindes: Es muss sich gesund und fit fühlen, dann darf es auch in die Kita gehen. Dennoch verunsichern die ständig wechselnden Regelungen die Eltern und auch das Personal.

Acht Monate unter Corona-Bedingungen gehen an die Substanz.

Barbara Reiser: Es kostet so viel Kraft, die Mitarbeiter zu motivieren, den Eltern verständnisvoll zu begegnen und sich auf die Frage „Wo bleiben eigentlich die Bedürfnisse der Kinder?“ die ehrliche Antwort geben zu müssen „Auf der Strecke“, weil wir keine Zeit, keine Kraft und nicht genug Personal haben, um all diese Anforderungen auf Dauer zu stemmen.

Wo tanken Erzieherinnen in dieser angespannten Situation Kraft?

Barbara Reiser: Wir hangeln uns von Tag zu Tag, erholen uns an den Wochenenden, damit wir am Montag wieder parat stehen. Was uns täglich motiviert, sind die Freude der Kinder, der Rückhalt unserer Trägervertreterin und der Zuspruch vieler Eltern.

Lesen Sie auch: Reaktionen auf erwarteten Lockdown: Wirtschaft, Einzelhandel, Kultur und Gastronomen warnen

Sie haben einen Hilferuf an die Familienministerinnen gesandt. Gibt es schon eine Antwort?

Barbara Reiser: Nein. Aber wenn sich nicht schnell und gravierend etwas ändert, verlieren wir motivierte Fachkräfte. Und das in einem System, das eh schon krankt, weil Fachkräfte fehlen und jede dritte Kita erfolglos nach Personal sucht.

Was erwarten Sie von den Ministerinnen?

Barbara Reiser: Wir brauchen ein klares Konzept für die Kitas. Wir können nicht ständig zwischen Stufe eins, zwei und drei wechseln. Wir stehen oft planlos vor der nächsten Woche, ohne zu wissen, welche Stufe kommt und was das konkret für die persönliche Arbeitszeit bedeutet. Das geht so nicht mehr. Wir sind an der Grenze unserer Belastbarkeit angekommen. Wir brauchen Sicherheit und Unterstützung. Zum Wohle unserer Kinder.

Mehr zum Thema

Kommentare