Celine Kutschenreuter verlor mit fünf Jahren beim Bombenangriff auf Westerham ihr Zuhause

Celine Kutschenreuter an ihrem Fenster in der Seniorenresidenz „Vitalis“. Von hier schaut sie ins Land und sehnt sich nach der unberührten Hochgebirgsvegetation, die sie aus ihren Kindheitserinnerungen vom Feldkirchener Berg kennt. Merk

„Solche Tage vergisst man nie“, sagt Celine Kutschenreuter. Am 21. April 1945 war die Tochter des einstigen Bahnhofsvorstehers von Westerham gerade fünf Jahre alt. Und was an diesem Tag geschah, hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Von Kathrin Gerlach

Feldkirchen-Westerham –„Ich habe im Bahnhof gewohnt und alles miterlebt“, erzählt sie. Der Bericht im Mangfallboten hat sie alle wieder an die Oberfläche geholt: die furchtbaren Erinnerungen und auch die schönen.

17-köpfige Familie überlebt den Krieg

Es ist der 80-jährigen Westerhamerin wichtig, davon zu erzählen. Vor allem, weil sie nach 75 Jahren auch eine gute Nachricht überbringen möchte: „Die Kinderärztin Dr. Schallweg hat überlebt, das weiß ich ganz genau“, versichert Celine. „Sie war hochschwanger, kam ins Krankenhaus und hat noch am selben Tag ihren Sohn Paul zur Welt gebracht“, berichtet sie. „Auch ihr fünfjähriger Sohn und die dreijährige Tochter haben überlebt. Und auch wir. Alle 17“, ist die 80-Jährige dankbar.

Mit zwölf Kindern im Luftschutzkeller

Als die Alliierten den Angriff auf Feldkirchen-Westerham flogen, war Celine mit ihrer Familie im Keller. „Wir waren eigentlich 15 Kinder, aber die drei Ältesten waren nicht da.“ Und so saßen Vater und Mutter Kutschenreuter mit zwölf Kindern zwischen einem und 18 Jahren im Keller des Bahnhofes, als die ersten Bomben fielen.

Der Angriff galt dem Zug

„Mein Vater hat so eine Wut auf diesen Zug gehabt“, erinnert sich Celine. „Denn es war nicht irgendein Zug. Es war ein privater Zug von Hitler. Und es waren nicht irgendwelche Fahrgäste, sondern reiche Familien aus Ungarn, die auf der Flucht vor der Front in Westerham steckengeblieben waren“, weiß Celine noch heute.

Der Vater wollte helfen

Ihr Vater wollte den Zug aus Westerham auf ein entferntes Nebengleis rangieren, um den Ort zu schützen. „Er stellte dafür sogar einen Antrag“, erinnert sie sich. „Doch im April 1945 löste sich alles auf. Er bekam keine Antwort und hat es nicht gewagt, auf eigene Faust zu handeln.“ Und so wurden der Zug und mit ihm Westerham zum Ziel alliierter Bomben.

„Das Schlimme war, dass viele Leute aus der Gegend die Flugzeuge gesehen und davon gehört hatten, dass der Zug bombardiert worden war. Sie kamen nach Westerham, weil sie die Hoffnung hatten, in den Resten des Zuges irgendetwas Brauchbares zu finden“, erzählt Celine.

Ein zwölfjähriger Junge verlor sein Leben

„So kam auch der zwölfjährige Junge ums Leben“, erinnert sich die alte Dame. Sie weiß es, weil ihre Mutter damals verzweifelt nach dem elfjährigen Josef, ihrem Bruder, suchte. „Da haben die Leute gesagt: Schau mal am Wald. Da liegt ein toter Junge mit einem Granatsplitter im Rücken.“ Es war nicht ihr Bruder, es ein Kind aus Percha, das dort sein Leben verloren hatte.

Zuflucht im Wald gesucht

„Wir waren schon nach dem ersten Angriff mit dem wenigen Hab und Gut, das uns geblieben war, in den nahegelegenen Wald geflüchtet“, erzählt Celine. Der Bahnhof hatte ein Telefon. Der Bahnhofsvorsteher war gewarnt worden, dass eine zweite Angriffswelle kommen würde. Also harrten hunderte Menschen im Schutze des Waldes aus. „Es war ein sonniger Tag. Meine Mutter schmierte Butterbrote. Ein Bauer brachte uns Milch“, kommen auch die wenigen schönen Erinnerungen an diesen 21. April 1945 wieder zutage.

Auf der Suche nach einer Bleibe

Irgendwann machte sich die obdachlose Großfamilie schließlich auf die Suche nach einer Bleibe. „Ich erinnere mich noch genau daran, wie die Leute in Oberreit ihre Türen und Fenster zuschlugen und uns zuriefen: Hier kommt ihr nicht rein.“, berichtet Celine.

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Am Abend war es bitterkalt geworden. „So wie wir es auch in diesem April schon erlebt haben, war es tagsüber herrlich warm und am Abend schneite es“, beschreibt Celine, die an diesem Tag nur ein Sommerkleid trug.

Dankbar für ein Dach über dem Kopf

Ein Westerhamer Bauer schließlich gab der Familie ein Obdach. „Diesem Menschen bin ich bis heute so dankbar“, sagt die 80-Jährige, denn „er gab uns eine große Wohnküche und ein Schlafzimmer. Wir haben leben können.“

Zwölf Jahre in einer Baracke

Nach drei Wochen wurde der Familie dann eine Baracke am Feldkirchener Berg zugewiesen. „Vier Schlafzimmer und eine große Wohnküche“, schwärmt Celine. Dass sie das Wasser aus dem Bach im Wald holen mussten, störte sie damals nicht.

Nahrung aus der Natur

Vielmehr sind es die Wunder jener schweren Zeit, die ihr in Erinnerung geblieben sind. Dass alle 17 Familienangehörigen diesen Krieg überlebt haben, und dass die Natur ihnen Nahrung schenkte. „Ich kann mich noch genau an den Geschmack der Walderdbeeren erinnern, die meine Mutter pflückte und uns Kindern gab. Es war der 29. Mai 1945. Alle bekamen einen Löffel voll. Ich bekam zwei, denn ich hatte an diesem Tag Geburtstag.“

17-köpfige Familie mit einem Dach über dem Kopf

Zwölf Jahre lang lebte Familie Kutschenreuter mit ihren Kindern in dieser Baracke. Celine ging erst in die Schule nach Westerham. Dann kam sie als Gastschülerin nach Feldkirchen, später in die Schule nach Rosenheim. „Als ich in der Ausbildung war, habe ich keinem erzählt, dass wir in einer Baracke wohnen, so sehr habe ich mich für unsere Armut geschämt“, gibt Celine Kutschenreuter zu. Ein ganzes Leben später weiß sie: „Ich hätte mich nicht schämen sollen, wir waren doch mit einer 17-köpfigen Familie ausgebombt worden und gut untergebracht.“

Sehnsucht nach unberührter Natur

Wenn sie heute aus ihrem Fenster im Seniorenheim „Vitalis“ schaut, wird sie von einer großer Sehnsucht nach dem Feldkirchener Berg ergriffen. „Es gab dort so eine wunderschöne Hochgebirgsvegetation: Mehlprimeln, Trollblumen, Enzian, Schusternagerl, auch Eidechsen, Blindschleichen und Weinbergschnecken.“

Trotzdem ist sie zufrieden: „Hier im Altenheim komme ich zur Ruhe. Hier bin ich gut versorgt, muss mir keine Sorgen mehr machen.“ Ihr Leben hat sie lange nach dem Bombenangriff auf Westerham der Mutter Gottes anvertraut und weiß: „Ich muss mich nicht mehr fürchten.“

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