Bruckmühler TeamGym-Mädels für EM qualifiziert: Und nun?

Home-Training der besonderen Art:Marina Eder hat die heimische Küche kurzerhand auch für Spagatübungen umfunktioniert. Neuwirth

Zum ersten Mal in der über 100-jährigen Vereinsgeschichte des SV Bruckmühl haben die TeamGym-Mädels der Sparte Turnen mit der Deutschlandauswahl die Tür zu den Europameisterschaften in Kopenhagen im Oktober aufgestoßen. Doch wie sollen sie dafür in der Corona-Krise trainieren?

Von Torsten Neuwirth

Bruckmühl– Das ganze Leben wird vom Coronavirus auf den Kopf gestellt. Auch am Sporthimmel stehen derzeit nur schwarze Wolken: Die 32. Olympischen Sommerspiele von Tokio und die Fußball-EM sind verschoben, die Eishockey-WM wurde ersatzlos gestrichen, die Fußball- und Handball-Bundesligen sind bis auf Weiteres ausgesetzt. Doch wer meint, dass sich nur der weltweite Sport in einem Ausnahmezustand befindet, der irrt.

TeamGym-Mädels auf dem Weg zur EM

Die Coronavirus-Welle schlägt auch über dem regionalen Spitzensport zusammen. Ein Beispiel: Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte nehmen die TeamGym-Mädels vom Sportverein Bruckmühl mit der Deutschlandauswahl an den Europameisterschaften in Kopenhagen im Oktober teil. Doch plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war.

Eine Achterbahn der Emotionen

„Wir befinden uns auf einer Achterbahnfahrt der Emotionen, in einer Endlos-Looping-Schleife“, beschreibt Andrea Eder, SVB-TeamGym-Trainerin die Gefühlslage. „Wir hängen total in der Luft. Die Sporthallen sind zu, das Einzeltraining findet notgedrungen zu Hause statt, geplante Kaderlehrgänge haben wir bereits gestrichen, künftige Maßnahmen stehen auf der Kippe. Ob und wie die EM stattfindet, kann uns keiner sagen. Die Sponsoren-Akquise ist auf Eis gelegt“, bringt es dazu Lebens- und Trainer-Partner Rudi Schuster auf den Punkt.

TeamGym – ein Sport von hohem Stellenwert

Der TeamGym-Sport hat seinen Ursprung in den skandinavischen Ländern, besteht aus den drei Disziplinen Bodengymnastik, Mini-Trampolin und Tumbling, also Sprünge und Überschläge auf einer Akrobatikbahn. „Der Stellenwert dieser Sportart ist dort so hoch wie bei uns der des Fußballs“, erklärt Schuster.

Trainerteam der ersten Stunde

Seit 2013 wird diese anspruchsvolle Sportart beim SVB betrieben. Die beiden Bruckmühler gehören zum Trainerteam der ersten Stunde. Seitdem hat sich bei den SVB-Turnern neben dem Breitensport kontinuierlich auch ein leistungsorientiertes Team etabliert.

Trotz allem hochmotiviertes Training

Derzeit trainieren zwölf hoch motivierte Sportlerinnen im Alter von 13 bis 18 Jahren mehrmals wöchentlich unter dem Trainerduo. Die Erfolge sprechen für sich. Die SVB-TeamGym-Mädels sind unter anderem sechsfache Bayerischer Meister und sechsfacher Bayern-Open-Sieger.

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Beim Deutschen Turnfest 2017 unter Beteiligung von starken Teams aus Österreich, Tschechien und Frankreich belegten die Bruckmühlerinnen als bestes deutsches Team den Silber-Rang.

Acht Bruckmühler Mädels bei EM dabei

Durch diese Erfolgsstatistik und viele Top-Leistungen bei den jüngsten nationalen Wettkämpfen schoben sich die SVBlerinnen wiederholt in den Fokus des Deutschen Turnerbundes. Die Folge, zu den zwölf nominierten Sportlerinnen des deutschen Teams für die diesjährigen TeamGym-Europameisterschaften in Dänemark vom 12. bis 18. Oktober gehören sage und schreibe acht Athletinnen aus Bruckmühl.

Corona trübt die Vorfreude

„Das ist einfach nur Wahnsinn, wir haben so hart gearbeitet und sind so heiß auf die Titelwettkämpfe und wollen in Kopenhagen vor gut 4000 Zuschauern ein turnerisches Feuerwerk abbrennen“, freute sich die 15-jährige Marina Eder vor Kurzem noch bei der Nominierungsbekanntgabe des Dachverbandes. Doch jetzt ist alles anders.

Alle Trainingsstätten sind gesperrt

Alle Trainingsstätten, ob Sporthalle oder Sportplatz, sind bis auf Weiteres gesperrt. Acht Stunden wöchentliches sportartenspezifisches Training mit unabdingbaren Geräteeinheiten muss „irgendwie“ kompensiert werden. „Jeder von uns kämpft um seine Motivation und trainiert im Keller, in der Küche, im Wohnzimmer oder in der Garage. Und dabei begleitet dich stets der Gedanke, dass doch bitte die ganze Schinderei nicht umsonst ist“, beschreibt Marina die Ist-Situation.

Trainingspläne für zu Hause

„Jede Sportlerin bekommt von uns einen individuellen Trainingsplan für zu Hause, doch können wir hier nur das Grundlagentraining in Ansätzen abdecken“, schüttelt Trainer Schuster nachdenklich den Kopf. Zudem hänge auch der für Mai geplante und enorm wichtige Qualifikations-Lehrgang in der Luft. Eine Trainingsmaßnahme für Anfang April musste schon gecancelt werden.

Sportler müssen Kosten selbst decken

Eine weitere große Baustelle sind die Finanzen. Für jede Teilnehmerin müssen zwischen 2500 bis 3000 Euro angesetzt werden. Damit werden unter anderem die Kosten für die offizielle Trainings- und Wettkampfbekleidung des Nationalteams, die Reise- und Hotelkosten, Startgelder sowie Aufwendungen für die medizinische Versorgung abgedeckt. Den Großteil davon müssen die Sparte Turnen und die Sportlerinnen selbst abdecken.

Zuschüsse und Sponsoren fehlen

„Mit Zuschüssen sieht es leider eher mau aus“, erklärt Eder. Aus diesem Grund war für die nahe Zukunft eine umfassende Sponsoring-Akquise geplant. „Doch hat das alles noch Sinn, wenn wir nicht mit klaren Daten und Fakten argumentieren können, und nicht einmal der Deutsche Turnerbund weiß, wie es weitergeht“, rauft sich Trainerin Eder die Haare.

Einnahmequellen sind versiegt

Dazu kommt erschwerend hinzu, dass sichere Einnahmequellen wie Auftritte bei der Kulinarischen Nacht, der Bruckmühler Radsportnacht oder aus dem Weinbarbetrieb mit den SVB-Skifahrern beim Bruckmühler Volksfest auf wackeligen Beinen stehen.

Spielball der Entwicklungen

Doch wie steht es um die Eigenmotivation des Trainerduos? Nachdenkliches Schweigen. „Du qualifizierst dich zum ersten Mal für einen internationalen Wettbewerb, und plötzlich zieht es dir den Boden unter den Füßen weg. Dazu kommt noch, dass du nichts selbst beeinflussen kannst und nur Spielball der Entwicklungen bist. Das nervt tierisch“, beschreibt Schuster seine Gefühle.

Engagiert und zuversichtlich

„Wichtig ist zuerst einmal, dass wir alle heil aus dieser ganzen Sache rauskommen“, bringt er es auf den Punkt und ergänzt: „Den Kopf in den Sand zu stecken, das geht gar nicht. Wir bleiben zuversichtlich und gehen die Herausforderungen weiter engagiert an, so gut es eben geht.“

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