Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Spielerisch zum Erfolg

Karin Waidner ist blind und Musiklehrerin – Wie die Bruckmühlerin ihr Leben meistert

Aus welchen Teilen besteht eigentlich eine Blockflöte? So beginnt Karin Waidner den Unterricht mit ihren Schülern. Die 52-jährige Bruckmühlerin ist blind und arbeitet trotzdem als Musiklehrerin.
+
Aus welchen Teilen besteht eigentlich eine Blockflöte? So beginnt Karin Waidner den Unterricht mit ihren Schülern. Die 52-jährige Bruckmühlerin ist blind und arbeitet trotzdem als Musiklehrerin.
  • VonJohann Baumann
    schließen

Karin Waidner ist von Geburt an blind. Doch davon lässt sich die 52-jährige Bruckmühlerin nicht behindern. Sie lebt selbstständig in ihrer eigenen Wohnung und arbeitet sogar als Musiklehrerin. Hier schildert sie ihren Alltag.

Bruckmühl – Etwa 40 000 Menschen sind in Deutschland von der Augenkrankheit Retinitis Pigmentosa betroffen – auch Karin Waidner aus Bruckmühl. Die Erkrankung ist erblich und bislang nicht heilbar. „Ich war von Geburt an blind“, erzählt Waidner und erklärt: „Die Krankheit zerstört die Netzhaut, die dadurch keine Bilder weiterleiten kann.“ Da kaum ein Sehender nachvollziehen kann, was blinde Menschen sehen, erklärt die 52-Jährige: „Ich erkenne hell und dunkel und nehme Bewegungen wahr.“ Karin Waidner hat sich von ihrer Blindheit nicht unterkriegen lassen – ganz im Gegenteil: Sie nahm ihr Leben in die Hand und ist heute als Musiklehrerin für Blockflöte tätig.

Schwerer Start ins Leben

Ihr Start ins Leben war alles andere als ideal: Sie wurde in München geboren, doch ihre ebenfalls blinde Mutter konnte sich nicht um die kleine Karin kümmern. So verbrachte sie die ersten Monate in Kinderheimen. Mit 19 Monaten wurde sie von der Familie Waidner aus Ottobrunn adoptiert. Das war ihr Glück, denn bei ihnen fand sie ein harmonisches Zuhause. Ab ihrem achten Lebensjahr besuchte Karin Waidner die Blindenschule in München. Danach absolvierte sie eine Lehre als Bürotechnikerin und wollte sich anschließend zur Physiotherapeutin ausbilden lassen. Wegen immer wieder auftretender Gleichgewichtsstörungen brach sie dieses Vorhaben aber ab.

Im Rahmen einer Musiktherapie, an der sie schon als Kleinkind teilnahm, lernte sie Getrud Orff, die Witwe des 1982 verstorbenen Komponisten Carl Orff, kennen. Diese vermittelte ihr 1995 einen Studienplatz am Münchener Konservatorium für Musik, wo sie bis 1999 Klavier und Blockflöte studierte. Seit 23 Jahren arbeitet Karin Waidner als Musiklehrerin und bringt überwiegend Kindern ab circa sechs Jahren, aber auch Erwachsenen das Musizieren auf der Blockflöte bei. Aufgrund ihrer Blindheit bietet sie den Unterricht in ihrem Zuhause an.

„Ich erkläre immer erst einmal die Bauweise des Instruments“

Bis vor zwei Jahren lebte sie im Haus ihrer Adoptiveltern in Ottobrunn. Nach deren Tod zog sie in die Nähe ihrer Schwester nach Bruckmühl. Der Mangfall-Bote stattete ihr einen Besuch ab, bei dem natürlich vor allem eine Frage interessierte: Wie kann ein blinder Mensch Musikunterricht für Blockflöte geben? „Ich erkläre immer erst einmal die Bauweise des Instruments, das aus Kopf, Körper und Fuß besteht“, schildert sie. Dann macht sie Zungenübungen vor, ehe Fingerfertigkeit und Koordination geübt werden. Die Musiklehrerin spielt vor und ihre Schüler machen es ihr nach – blasen zu Beginn beispielsweise mit kurzen und langen Tönen Namen. Mit dem Flötenkopf können unter anderem Vogelgezwitscher oder Hahnenschreie nachgemacht und spielerisch der Unterschied zwischen Drei- und Viervierteltakt vermittelt werden. Dabei werden auch Kärtchen mit Tierbildern mit der Taktlänge verwendet.

Während die Lernhefte für die Schüler in Normalschrift – also „sehender Schrift“ – verfasst sind, benutzt die Lehrerin ein Heft in Blindenschrift, der sogenannten Brailleschrift. Zum Erklären der Noten benutzt sie ein Spiel, legt kleine Papierkreise als Noten zwischen die fünf Linien des Notensystems. Die Schüler übertragen die Noten dann auf ihre Notenblätter. „Mein Ziel ist es, den Unterricht nicht zu leistungsorientiert zu gestalten, wie es in manchen Musikschulen geschieht“, betont Waidner. Um sich ganz ihren Schülern widmen zu können, findet der Unterricht einzeln oder auch zu zweit statt. Wer eine kostenlose Schnupperstunde wünscht, kann sich unter der 0 80 62/7 76 75 70 an Karin Waidner wenden.

Mit guten Ideen funktioniert alles: Spielerisch übersetzt die Lehrerin die Noten aus der Brailleschrift für ihre kleinen Schüler, die sie auf ihre Notenblätter übertragen.

Die Musiklehrerin steht mit beiden Beinen im Leben und meistert ihr Schicksal auf beeindruckende Weise. Eine persönliche Assistenz steht nach dem das Bundesteilhabegesetz jedem Menschen mit Behinderung zu. Und so hat auch die 52-Jährige eine Assistentin an ihrer Seite, der ihr ein selbstständiges Leben ermöglicht, ihr beispielsweise beim Einkauf oder im Haushalt hilft.

Kochen und Backen für geschärfte Sinne

Karin Waidner kocht und backt mit Leidenschaft, probiert ständig neue Rezepte aus. Neben der Blockflöte spielt sie auch noch immer gern Klavier – mit Vorliebe klassische Musik. Sie hört aber auch andere Musikrichtungen. Außerdem liebt sie Spaziergänge, bei denen sie von ihrer treuen 15 Jahre alten Mia, einer ausgebildeten Blindenführhündin, begleitet wird. „Ich gehe gern auf andere Leute zu und als Hundebesitzerin kommt man mit anderen Menschen noch viel leichter ins Gespräch“, beschreibt die kontaktfreudige Musiklehrerin und bekennt: „Gespräche sind für blinde Menschen besonders wichtig.“

Mehr zum Thema

Kommentare