Baupläne des Vereins „Katzentraum“

Einschläfern oder helfen: Wird der Bruckmühler Gnadenhof gebraucht oder ist er dekadent?

Renate Holland engagiert sich als Vorsitzende des Vereins Katzentraum nicht nur für Tiere. Sie hilft auch dem Kinderschutzbund und der Kinderkrebshilfe.
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Renate Holland engagiert sich als Vorsitzende des Vereins Katzentraum nicht nur für Tiere. Sie hilft auch dem Kinderschutzbund und der Kinderkrebshilfe.
  • Kathrin Gerlach
    vonKathrin Gerlach
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Am 30. November rollen die Bagger in Götting/Ried an, um die Baugrube für den künftigen Gnadenhof des Vereins „Katzentraum“ auszuheben. Während sich die meisten über den Erfolg des Vereins freuen und das Projekt begrüßen, gibt es auch kritische Stimmen. Die Frage ist: Wie weit soll Tierschutz gehen?

Bruckmühl – So schreibt Hans Pingel aus Bad Aibling: „Gnadenhof Katzentraum? Um Himmels Willen, was ist denn das? Für alte behinderte Katzen soll in Bruckmühl so eine Art Hospiz gebaut werden.“ Für ihn ist das Projekt ein „Fehlgriff“, denn: „Es braucht keine Gnadenhöfe für Miezen. Wahrer Tierschutz sieht anders aus.“

Kranke Tiere, die keiner mehr will

Seit 18 Jahren gibt es den Gnadenhof nun schon – bislang ist er in Sonnenham in der Gemeinde Bad Feilnbach beheimatet. Etwa 58 Katzen verbringen hier pro Jahr ihren Lebensabend. Sie haben einen Platz, ein Körbchen, Auslauf, Futter und medizinische Betreuung. Viele Katzen haben im Gnadenhof schon ihr Leben ausgehaucht – in einem sicheren Umfeld und umgeben von Menschen, die sie liebevoll versorgen. Für Streuner, die so scheu sind, dass sie sich nicht mehr domestizieren lassen, wurden in den Revieren der Tiere Futterstellen errichtet.

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Die Bewohner des Gnadenhofes sind Katzen, die unvermittelbar sind, weil sie keiner mehr haben will. Viele wurden ausgesetzt, weil sie alt sind, ihnen ein Auge fehlt oder eine Pfote. Weil sie aufgrund von Qualzuchten verkrüppelt sind. Weil sie missbraucht oder misshandelt wurden und völlig verstört sind.

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Kater Gubi ist das beste Beispiel

Ein Bild des Grauens: Kater Gubi wurde in einem fürchterlichen Zustand aufgefunden.

Auch Kater Gubi gehört dazu. Als er gefunden wurde, war er in einem jämmerlichen Zustand, mehr tot als lebendig. Der Verein hat auch für seine veterinärmedizinische Behandlung gezahlt und das Tier aufgepäppelt. Heute ist Gubi ein prächtige Kater.

Ein Bild der Freude: Mit tierärztlicher Behandlung und guter Pflege hat sich Gubi gut erholt.

„Es ist der Grundgedanke des Tierschutzes und unseres Gnadenhofes, Tieren zu helfen, die Hilfe brauchen“, betont Vorsitzende Renate Holland. „Menschen, denen es egal ist und die wegschauen, wenn ein Tier leidet und es jämmerlich verenden lassen, kann ich nicht verstehen.“

Neuer Gnadenhof für 2,4 Millionen Euro

So wie Renate Holland denken 429 Mitglieder sowie unzählige Freunde und Förderer des Vereins Katzentraum. Sie unterstützen mit ehrenamtlicher Hilfe vor Ort, mit Sach- oder Geldspenden die Arbeit des Gnadenhofes und auch den Neubau in Ried. 2,4 Millionen Euro wird er kosten. Finanziert wird er über einen Kredit von 1,5 Millionen Euro und Spenden.

Nach dem Baugesetz muss das Gebäude in Größe und Stil so errichtet werden wie das Bauernhaus, das zuvor an dieser Stelle stand. Der Bruckmühler Marktgemeinderat und das Landratsamt haben den Plänen zugestimmt.

Wohnungen refinanzieren Kredit

Integriert sind in den Gnadenhof auch vier Wohnungen. Zwei davon für Mitarbeiter, die rund um die Uhr abrufbar sein müssen. „Die anderen beiden Wohnungen werden im zweiten Bauabschnitt fertiggestellt – dann, wenn das nötige Geld dafür vorhanden ist“, erklärt Holland. Mit den Mieteinnahmen will der Verein nicht nur die Kreditraten finanzieren, sondern auch eine langfristige finanzielle Basis für seine Arbeit schaffen.

Engagement fürs Gemeinwohl

Der Vereinstatus wird davon nicht berührt, denn, so erklärt die Vorsitzende: „Gemeinnützigkeit verbietet es nicht, ein Tierheim oder einen Gnadenhof zu bauen.“ Gemeinnützigkeit bedeute vielmehr, die Allgemeinheit selbstlos zu fördern. „Und das tun wir, indem wir uns ehrenamtlich für den Tierschutz engagieren.“

Auch Erziehung, Jugend- und Altenhilfe gehören dazu. „Da sind wir in coronafreien Zeiten sehr aktiv. Uns besuchen Kinder und Jugendliche – ganze Schulklassen, die im Gnadenhof den Umgang mit Tieren lernen und Tierschutz wirklich begreifen. Auch Senioren kommen regelmäßig zu uns zu Besuch, weil sie Katzen lieben und in ihren Altenheimen keine eigenen halten dürfen.“

Menschen mit Herz helfen, wo immer es ihnen möglich ist

Dort, wo die Mitglieder des Vereins Katzentraum nicht selbst aktiv tätig werden können, helfen sie mit Spenden. Renate Holland beispielsweise engagiert sich nicht nur im Verein und hat behinderte Tiere bei sich zu Hause aufgenommen. Sie unterstützt auch den Kinderschutzbund und die Kinderkrebshilfe – und das schon seit vielen Jahren.

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Oder Angelika und Markus Au aus Rosenheim: Sie spenden ganz bewusst für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, weil „sie weltweit und ungeachtet der Religion oder Nationalität helfen und allein den Menschen in den Mittelpunkt stellen“. Zudem gehört Angelika zum Lesekreis für demenzkranke Menschen, besucht sie in den Einrichtungen und verbringt mit ihnen wertvolle Zeit. „Leider ruht diese Arbeit im Moment aufgrund der Corona-Krise“, bedauert sie.

Sobald es wieder ist, macht sie weiter. Seit vier Jahren ist Familie Au nun auch Mitglied im Verein Katzentraum: „Wir schätzen die Arbeit sehr und packen auch selbst tatkräftig mit an“, sagt Angelika Au. Sie macht sich Sorgen, dass das Soziale und das Mitgefühl immer mehr verloren gehen. „Im Corona-Jahr spüre ich das ganz besonders und möchte gegensteuern.“

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„Wir sind dazu verpflichtet, Tiere zu schützen und für sie zu sorgen“

Im Interview erklärt Dr. Monika Mager, Veterinärmedizinerin aus Bruckmühl die Notwendigkeit von Gnadenhöfen

Bruckmühl – Welche Verantwortung der Menschen gegenüber den Tieren hat, erklärt die Bruckmühler Veterinärmedizinerin Dr. Monika Mager im Interview.

Frau Dr. Mager, ist ein Gnadenhof für Katzen wirklich erforderlich?

Dr. Monika Mager: Der Bedarf ist meiner Ansicht nach absolut gegeben. Die Tierheime sind voll. Wir haben in der Praxis immer wieder das Problem, dass Tiere aufgrund von Krankheiten, Unfällen oder auch wegen des Umstandes, dass sie wegen Altersbeschwerden und vermehrter Kosten den Besitzern „lästig“ werden, und wir sie einschläfern sollen. Das ist ethisch in vielen Fällen nicht vertretbar, denn meist ist die Lebensqualität durchaus wieder erreichbar oder noch gegeben.

Der Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes regelt ganz klar: „Mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe wird bestraft, wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet.“ Darum sind wir sehr froh, dass die Tiere, die von ihren Besitzern nicht mehr gewollt werden, und die nicht auf anderem Wege einen Platz finden, in Tierheimen und Gnadenhöfen wie dem „Katzentraum“ unterkommen können.

Wäre es nicht weitaus effektiver, die Tiere einschläfern zu lassen?

Dr. Monika Mager: Was bedeutet in diesem Zusammenhang Effektivität? Das ist in meinen Augen eine sehr zynische Ansicht. Wenn es um die ökonomische Komponente geht, ist es sicher „effizienter“, Tiere zu töten, als sie zu pflegen. Die Anschaffung eines neuen Hamsters ist günstiger als die Behandlung einer Augenentzündung des Hamsters.

Die Pflege und Überwinterung von hilfsbedürftigen Igeln kostet enorme Summen und Arbeitsleistungen von vielen Freiwilligen. Aber dennoch ist es unsere Pflicht, denn es dient dem Tier-, Arten- und Umweltschutzschutz.

Angesichts eines Lebewesens über „Effektivität“ nachzudenken, widerspricht absolut dem Grundgedanken des Tierschutzgesetzes. Zweck dieses Gesetzes ist es, „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen.

Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Wir sind dazu verpflichtet, Tiere zu schützen und für sie zu sorgen. Nicht, sie möglichst schnell zu entsorgen.

Werden Katzen mit einem Gnadenhof „vermenschlicht“?

Dr. Monika Mager: Nein. Ihnen wird ein würdevolles Weiterleben mit den Annehmlichkeiten eines sicheren Zuhauses und tiergerechter Versorgung, wie bedarfsgerechtes Futter, eingezäunter Freigang und nötige tiermedizinische Behandlungen ermöglicht.

Das Bedürfnis nach Körperkontakt untereinander – oder mit den ehrenamtlichen Pflegern – dient auch den Katzen zur Stressminimierung und gehört zu einer artgerechten Haltung. Was hat das mit Vermenschlichung zu tun? Ich nenne es Humanität!

Wo beginnt die Vermenschlichung eines Tieres?

Dr. Monika Mager: Wenn Tiere nicht Tiere sein können und dürfen. Wenn sie nach den Schönheitsidealen der Halter getrimmt und gezüchtet werden. Wenn sie nur dazu dienen, dass Tierhalter sich über ihre Tiere definieren, dann kann man durchaus von einer Vermenschlichung der Tiere sprechen. Dies ist aber speziell im Fall des Gnadenhofes für Katzen nicht im Ansatz der Fall.

Die Katze ist das beliebteste Haustier

In 45 Prozent aller deutschen Haushalte leben 34,4 Millionen Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Ziervögel. Hinzu kommen zahlreiche Zierfische und Terrarientiere. Darüber informieren der Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) und der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands.

Das beliebteste Haustier ist und bleibt die Katze. Insgesamt leben 14,8 Millionen Samtpfoten in 23 Prozent aller Haushalte. Demnach hat also jeder fünfte Deutsche eine Katze. An zweiter Stelle haben 9,4 Millionen Hunde die Schnauze vorn und leben in 19 Prozent der Haushalte.

An Position drei folgen 5,4 Millionen Kleintiere. Die Zahl der Ziervögel beträgt 4,8 Millionen. Zudem gibt es 1,9 Millionen Aquarien, 1,5 Millionen Gartenteiche mit Zierfischen und dazu noch etwa eine Million Terrarien.

Angelika und Markus Au aus Rosenheim spenden für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ und helfen außerdem ehrenamtlich im Gnadenhof.
Dr. Monika Mager ist Tierärztin in Bruckmühl.

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