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„Nur Leere in meinem Kopf“

Mittenkirchener erlitt nach Sturzflut Schlaganfall: So kämpfte er sich wieder zurück ins Leben

Sissi und Ralf Lenhart sind dankbar fürs Leben: Der 70-Jährige erlitt nach der Sturzflut einen Schlaganfall und hat sich nun endlich wieder davon erholt. Er ist zurück im Heute, doch die Katastrophennacht ist ausgelöscht. Hündin Lara lebt seit ein paar Wochen bei ihnen, denn ihre alte Hündin ging mit der Flut.
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Sissi und Ralf Lenhart sind dankbar fürs Leben: Der 70-Jährige erlitt nach der Sturzflut einen Schlaganfall und hat sich nun endlich wieder davon erholt. Er ist zurück im Heute, doch die Katastrophennacht ist ausgelöscht. Hündin Lara lebt seit ein paar Wochen bei ihnen, denn ihre alte Hündin ging mit der Flut.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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„Es grenzt an ein Wunder, dass ich heute wieder hier sitze“, sagt Ralf Lenhart. Beinahe hätte der Mittenkirchener seinen 70. Geburtstag nicht erlebt. Kurz nach der Sturzflut vom 26. Juli 2021 erlitt er einen Schlaganfall. Und der löschte alle Erinnerungen an diesen Tag aus. Bis heute.

Bruckmühl – Seine Frau Sissi hat ihn liebevoll ins Leben zurückgeführt. Seit ein paar Monaten ist er wieder der Alte. Und erst seit ein paar Wochen ist das idyllische Grundstück der beiden wieder hergerichtet.

Sissi und Ralf lieben die Natur und ihr Häuschen am Forellenweg. Ihre Wohnung in Wien nutzen sie nur noch selten. Hier in Mittenkirchen fühlen sie sich wohl. In ihrem kleinen Häuschen inmitten betagter Apfelbäume und Kastanien, Sonnenblumen und Gladiolen genießen sie ihr Leben.

Leben an einer gefährlichen Quelle

Sie wohnen unmittelbar am Wald, keine fünf Minuten von der Stelle entfernt, an der sich Hirsch-, Kindler-, Westerlenger und Thalhamer Graben zum Hainerbach vereinigen. Vor einem Jahr schwappte die braune Flut aus Schlamm und Geröll auch in ihr Leben, ergoss sich über den Hof, brach in den Keller ein und floss über die Felder weiter ins Dorf. „Wir hatten Glück. Der reißende Strom war bis wenige Millimeter unter die Türschwelle angestiegen, machte dann aber Stopp. Unsere Wohnung blieb verschont“, erinnert sich Sissi an den Abend des 26. Juli.

Im Keller versanken Erinnerungen an das Leben dreier Generationen im Dreck, auch Möbel und sämtliche Haushaltsgeräte wie Waschmaschine, Kühlschrank oder Staubsauger. Doch die Flut sollte im Leben der beiden End-Sechziger nicht die größte Katastrophe bleiben. „Einen Tag später brach Ralf zusammen“, erinnert sich seine Frau an den Schock. Ein Schlaganfall riss ihn aus dem Leben. Zum Glück waren gerade Männer da, die ihr halfen und den Notdienst riefen. Die Flut war abgeebbt, der Rettungswagen konnte sich seinen Weg durch den Dreck auf der Zufahrtsstraße bahnen.

Am 26. Juli 2021 trat der Hainerbach über seine Ufer und überflutete auch das Grundstück am Forellenweg.

Während Ralf alle Erinnerungen verlor, haben sie sich tief in Sissis Seele eingebrannt. Die schmerzliche Sorge um ihren Mann, das Chaos daheim und der langsame, traurige Abschied von ihrem Hund, der ihr über viele Jahre ein treuer Gefährte war.

„Die Nachbarschaftshilfe war gigantisch“

Doch so abgelegen sie auch leben, Sissi war nicht allein: „Die Nachbarschaftshilfe war gigantisch“, sagt sie, doch ihre Stimme bricht, und die Tränen rinnen über ihr Gesicht. Der emotionale Ausnahmezustand von damals schwingt noch immer in ihr nach. Die Nachbarn halfen, schaufelten den Schlamm aus dem Keller, besorgten Trockner, richteten die zerfurchte Zufahrt zum Grundstück provisorisch her, beschafften ihr eine neue Waschmaschine und schlossen sie an. „Zum Glück waren sie da. Sonst hätte ich das alles nicht geschafft“, blickt sie zurück.

Denn mit der schweren Krankheit ihres Mannes und den Corona-Zutrittsbeschränkungen zu Krankenhäusern und Reha-Kliniken war sie vor eine noch größere Herausforderung gestellt. „Ich durfte ihn nicht begleiten, aber er konnte sich ja nicht artikulieren“, beschreibt sie. Als er aus der Reha-Klinik anrief und am Telefon einfach nur noch weinte, brach sie die Zutrittsregeln. Sie eilte zu ihm und kümmerte sich um ihren Mann. Von nun an täglich – ganz egal, ob sie dafür fünf Stunden am Tag unterwegs war.

„Sie hatten ihm Medikamente gegeben, auf die er bekanntermaßen allergisch reagiert. Sein Zustand hatte sich verschlimmert“, erinnert sie sich. Also nahm sie ihren Mann in der Reha selbst an die Hand und führte ihn mit viel Geduld und Liebe ins Leben zurück: erst mit kleinen Spaziergängen für die Mobilität, dann mit der Konfrontation mit dem Leben für die Erinnerung. „Als er nach Hause kam, sind wir erst einmal ans Grab seiner Eltern gegangen“, erzählt Sissi, „denn er war aus der Zeit gefallen und fragte ständig nach ihnen, dabei sind sie seit vielen Jahren nicht mehr am Leben.“ Schritt für Schritt kamen die Erinnerungen zurück. Mit jeder Begegnung, jedem Möbelstück.

Grundstück gegen die Flut gesichert

„Seit Weihnachten ist er wieder der Alte“, ist seine Frau dem Leben dankbar. Doch die Nacht der Sturzflut kommt nicht zurück. Auch nicht, wenn sie gemeinsam vor den wenigen Erinnerungsstücken aus dem Keller stehen, die bis heute auf der Terrasse liegen. Auch nicht, als sie in ihrem Hof mit einem Kies-Kalk-Schotter eine Abschrägung bauten, die neue Sturzfluten am Haus vorbeiführen soll: „Da ist nur eine Leere in meinem Kopf“, beschreibt der 70-Jährige.

Die Sturzflut vom Juli 2021 hinterließ auf Straßen, Feldern und in den Häusern eine Schlammlawine.

Dafür hat seine Frau Sissi nichts vergessen und kritisiert ein Jahr nach der Katastrophe: „Vor lauter Planungen geht nichts voran. Die Kiesfänge sind beräumt, aber Nadelöhre wie kleine Rohre im Wald, die den Bach aus seinem natürlichen Bett zu einem künstlichen Rinnsal bändigen sollen, gibt es noch immer.“ Sie versteht nicht, dass es so lange dauert, einfache Schutzmaßnahmen für die Menschen am Fuße der Irschenberger Leithen umzusetzen. Sie dagegen haben es längst getan.

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