Ein Brief kann helfen, wo Nähe und Berührungen nicht möglich sind

Noch blüht die Steinspirale nicht.Es braucht Geduld und Zuversicht, ehe die ersten Blüten den Rasen in ein buntes Blütenmeer verwandeln. Diese Metapher empfiehlt Trauerbegleiterin Annemarie Schmid auch für Krisen. RE

Bruckmühl. – Letzte Hilfe oder ein Lebewohl sind in Zeiten der Corona-Krise nur noch bedingt möglich.

Wie Angehörige damit umgehen könnten, erklärt Trauerbegleiterin Annemarie Schmid aus Bruckmühl.

Menschen am Ende ihres Lebens Zuwendung zu schenken, ist aufgrund der coronabedingten Kontaktbeschränkungen nicht möglich. Was raten sie Angehörigen?

Leider ist vieles, was bei der Begleitung eines Angehörigen in einer schweren Krankheit und im Sterben hilfreich sein kann, jetzt gerade nicht möglich. Deshalb ist der Abschied von einem lieben Menschen in dieser Krise noch viel schwerer auszuhalten. Nähe oder Berührungen sind nicht immer möglich. Selbst in einer häuslichen Gemeinschaft muss man den Patienten schützen, denn keiner weiß, ob er das Virus trägt. Das ist enorm belastend für alle Beteiligten. Es gibt so vieles, was im Moment unklar ist. Es gibt keine Antworten. Deshalb kann man nur versuchen, neue Wege zu finden, um Nähe und Verbundenheit zu schenken.

Welche zum Beispiel?

Wie wäre es mit einem Brief? In ihm dürfen alle Gefühle und Unsicherheiten aufgeschrieben werden: Sorgen, Ängste, unendliche Trauer, Wut oder auch der Wunsch nach Versöhnung mit dem Lieben. Es kann sehr befreiend sein, die Dinge, die schwer auf dem Herzen lasten, im Schreiben loszulassen.

Nicht jeder schreibt gern Briefe...

Das ist mir bewusst, aber in einer solchen Situation tut es gut und kann auch der eigenen „Ohnmacht“ Ausdruck verleihen. Aufzuschreiben, was einen bewegt, ist in allen Lebens situationen hilfreich. Im Krankenhaus oder Pflegeheim könnten Schwestern oder Pfleger dem Angehörigen diesen Brief dann beispielsweise vorlesen.

Und wenn es dafür schon zu spät ist?

Dann könnte der Brief auch vom Bestatter in den Sarg gelegt werden, dem Lieben sozusagen mitgegeben werden. Geht auch das nicht mehr, gibt es immer noch die Möglichkeit, den Brief am Grab vorzulesen oder bei einem bewussten Feuerritual zu verbrennen und zuzuschauen, wie der Rauch zum Himmel steigt. So wie der Weihrauch zu Gott steigt – mit meinen Bitten, meinem Dank und meiner innigen Liebe.

Was bedeutet der fehlende Abschied für die Hinterbliebenen?

Er kann die Trauer verlängern. Deshalb ist es für Angehörige von Verstorbenen sehr wichtig, einen Menschen an ihrer Seite zu wissen, der im Notfall erreichbar ist, wenn Sorgen und Trauer sie überwältigen, und sie es allein nicht mehr aushalten. In solchen Situationen tut es gut, dass jemand zuhört. Allein das kann schon ungemein entlastend sein.

Wann setzt das Gefühl von Trauer ein?

Trauer spüren wir alle in vielen Alltagsituationen, ganz besonders jetzt in dieser Krisenzeit. Denken wir an unsere Trauer um die Freiheit oder das Sich-Nicht- Sehen-Dürfen. Oder vergegenwärtigen wir uns unsere Angst, sich anzustecken, plötzlich keine Aufgabe mehr zu haben oder den Arbeitsplatz zu verlieren. All das sind Gefühle, für die wir als Trauerbegleiter ansprechbar sind.

Das Bruckmühler Trauercafé pausiert wegen der Corona-Krise. Wie beraten Sie im Moment?

Die Trauernden aus der Gruppe rufe ich an, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und zu hören, wie es ihnen geht. Aber auch Hilfesuchenden mit verschiedenen Verlusterfahrungen, die nicht zur Gruppe gehören, stehe ich als Beraterin gern telefonisch und in der Krise auch kostenlos zur Seite. Sie erreichen mich immer von 8 bis 11 Uhr unter der Nummer 0 80 62/67 59 oder können auf den Anrufbeantworter sprechen. Zudem bin ich jederzeit per E-Mail erreichbar unter annemarie.schmid @trauerwege.eu.

Interview: Kathrin Gerlach

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