Aus dem Stadtrat

Bad Aiblings Tourismussektor in Corona-Zeiten: „Noch lange nicht überm Berg“

Als fragil bezeichnet Bad Aiblings Kurdirektor die Lage auf dem Kur- und Tourismussektor: „Es muss auf jeden Fall verhindert werden, dass es zu einem weiteren Reiseverbot kommt. Auch weitere Einschränkungen sind Gift, ebenso wie weiteres Schüren von Angst in der Bevölkerung. Wichtig ist, dass wir uns alle an die Vorgaben ,Abstand, Maske, Hygiene‘ halten – dann kommen wir auch durch die nächsten Monate.“
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Als fragil bezeichnet Bad Aiblings Kurdirektor die Lage auf dem Kur- und Tourismussektor: „Es muss auf jeden Fall verhindert werden, dass es zu einem weiteren Reiseverbot kommt. Auch weitere Einschränkungen sind Gift, ebenso wie weiteres Schüren von Angst in der Bevölkerung. Wichtig ist, dass wir uns alle an die Vorgaben ,Abstand, Maske, Hygiene‘ halten – dann kommen wir auch durch die nächsten Monate.“
  • Eva Lagler
    vonEva Lagler
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„Es war ganz großes Kino, was wir miteinander erfahren haben“ – mit diesen Worten beschrieb Kurdirektor Thomas Jahn vor dem Stadtrat den Weg der Tourismusbranche Bad Aiblings durch die Corona-Krise. Doch über den Berg sei man noch lange nicht.

Bad Aibling – Neben vielen Tiefen gab und gibt es auch einiges an Zuversicht – vor allem, was den großen Zusammenhalt in der Stadt angeht. „Doch beim Rückblick wird es einem trotzdem noch etwas übel und auch jetzt befinden wir uns mit Blick auf Herbst und Winter in einem sehr fragilen Umfeld“, meinte Jahn.

Mit Krisenplan sofort reagiert

Als er von den örtlichen Gastgebern am 2. März von ersten Stornierungen hörte, habe man direkt reagiert und versucht, mit einem Krisenplan gegenzusteuern. Doch mit der ersten Allgemeinverfügung am 17. März habe es eine gigantische Welle an Stornos und Umbuchungen gegeben.

„Für uns kam all das zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Einerseits, weil wir im Jahr 2019 eines der besten Ergebnisse von den Gäste- und Übernachtungszahlen und dem Kaufkraftzufluss in den letzten 15 Jahren vorlegen konnten und alle Vorzeichen erwarten ließen, dass sich dieser Trend fortsetzt. Andererseits, weil wir mit viel Mühe und Aufwand unser Jubiläumsjahr vorbereitet hatten und nach der Eröffnung des Programms am 7. Februar und der Ausstellung am 7. März gerade richtig in Fahrt kommen wollten.“

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Die Auswirkungen reichten bis in die Jetztzeit: „Man hat das gesamte Gesundheitswesen lahmgelegt, die Rehakliniken können nicht gescheit arbeiten, viele Operationen haben nicht stattgefunden – da steht noch eine riesige Welle an.“ Für alle Betriebe sei die Zeit unfassbar anstrengend gewesen, da nach Bekanntwerden der Regelungen selten mehr als 24 Stunden geblieben seien, zu reagieren.

„Dieses Szenario hatten wir nicht auf dem Schirm“

„Das Runterfahren war schwierig, der Lockdown beherrschbar. Aber das Szenario für das Hochfahren hatten wir so nicht auf dem Schirm. Wir hatten gehofft, dass die Kunden bei entsprechenden Angeboten zurückkommen. Aber das, was uns normalerweise so stark macht, nämlich die großen Häuser mit vielen Betten, fiel uns nun auf die Füße“, berichtete Jahn. Gefragt waren bei den Urlaubern hauptsächlich kleine Ferienwohnungen, Campingplätze oder Hausboote. „Viele fuhren an die Küste oder nach Österreich, da ging am Anfang viel an uns vorbei.“ Die Zeit habe man indes genutzt, um den Vertrieb wieder hochzufahren, sich abzustimmen. „Viele haben uns dabei geholfen, ohne gleich die ganzen Rechnungen zu stellen.“

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Bis zum Juni habe man laut Jahn 54 Prozent weniger Gäste und 55 Prozent weniger Übernachtungen verzeichnet: „Wenn man pro Übernachtung von 147 Euro ausgeht, fehlen uns im ersten Halbjahr rund 14 Millionen Euro.“ Im Juli hingegen habe man bei den Übernachtungen – ohne die Kliniken – exakt das Vorjahresniveau wieder erreicht, im August sehe es ähnlich aus, und er haben die Hoffnung, dass auch die noch ausstehenden Septemberzahlen einigermaßen gut aussehen.

Mehr Gäste aus dem Norden

Man habe dieses Mal auch Gäste beispielsweise aus Nordfriesland oder Berlin, die auch für zwei Wochen bleiben: „Wir machen mit weniger Gästen mehr Übernachtungen. Auch das Tagungsgeschäft läuft wieder an“, so Jahn und bescheinigte Hotels und Kliniken, Großartiges zu leisten. Die Kliniken wollen, so Jahn weiter, bis Ende des Jahres aus 70 Prozent hochfahren.

Minus beträgt 40 bis 45 Prozent

„Es war und ist ein unfassbarer Aufwand. Aber da alle zusammengehalten haben, ist es bis hierher wirklich gut gelaufen. Wir sind in einem gewissen Schwung, aber Tatsache ist auch, dass wir noch nicht über den Berg sind“, sagt Jahn mit Blick auf die Jahreszeit, in der sich vieles wieder in geschlossenen Räumen abspielen wird: „Das ist das große Fragezeichen.“ Insgesamt rechnet er damit, dass man das Jahr – „wenn nichts passiert“ – mit einem Minus von 40 bis 45 Prozent abschließen wird. „Besser auf keinen Fall.“

Beliebte Konzerte im Freien

Eingeschränkt, aber trotzdem beliebt: Die Konzertreihen der Aib-Kur im Freien konnten in diesem Sommer unter strengen Auflagen durchgeführt werden. So kamen zur „Volksmusik im Brunnenhof 714 Besucher, zu „Kultur im Park“ (heuer laut Jahn von großem Wetterpech verfolgt) 2170, zu den Frühschoppen vor dem Kurhaus 538 und zum neu im Programm aufgenommenen „Kabarett im Park 778 Besucher – also insgesamt 4200.

Angebote heuer nicht umsonst

Dass man die Reihe, für die heuer wegen der Auflagen und des hohen Aufwands Eintritt verlangt werden musste, nicht mehr mit „Umsonst und draußen“ bewerben sollte, merkte Richard Lindl (Grüne an) im Stadtrat an. Das werde man beachten, versicherte Jahn. Mit Blick auf die Festivitäten in 2021 geht er davon aus, dass man die großen Veranstaltungen zwar nicht so durchführen können werde, wie geplant. „Aber wir können uns was einfallen lassen, wie ein kreatives und vernünftiges Feiern trotz allem möglich sein kann. Denn wir alle müssen uns treffen, dürfen nicht aufhören zu leben“, betonte der Kurdirektor. Die Planungen liefen auf Hochtouren und für alle gefährdeten Programme würden Alternativen entwickelt.

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