Bad Aiblinger Seniorentaxi: Eine Erfolgsgeschichte mit Zukunft

Die ersten neun Monate des Jahres 2020 zeigen auch die rückläufigen Nutzerzahlen beim Seniorentaxi während des Corona-Lockdowns an. Klinger
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Die ersten neun Monate des Jahres 2020 zeigen auch die rückläufigen Nutzerzahlen beim Seniorentaxi während des Corona-Lockdowns an. Klinger

„Das Senioren- und Behindertentaxi ist ein Erfolgsmodell, an dem wir unbedingt festhalten sollten“ – diesem Resümee von Dieter Bräunlich (ÜWG) schlossen sich die Mitglieder des Sozialausschusses in der jüngsten Sitzung an.

Von Eva Lagler

Bad Aibling – Einstimmig beschloss das Gremium, diesen Service auch im Jahr 2021 anzubieten und dafür wieder 70 000 Euro in den Haushalt einzustellen.

1470 Bürger über 70 Jahre – 33 Fahrgäste waren gehbehindert oder blind – nutzten den Service bis Ende September für insgesamt 5340 Fahrten im Stadtgebiet (inklusive „Außenstadt“). Laut Statistik sind im Vergleich zum Vorjahr 75 neue Nutzer hinzugekommen. 2019 hatte man einen Anstieg von 91 neuen Fahrgästen verzeichnet. 32 der bisherigen Fahrgäste hätten keine Fahrscheine mehr gewünscht. 46 der bisherigen Nutzer seien verstorben.

Deutlich mehr Frauen unter den Fahrgästen

Insgesamt nahmen bis September wesentlich mehr Frauen – nämlich 565 – den Service in Anspruch als Männer (189). Unter den Nutzern sind 147 Bewohner aus den örtlichen Seniorenheimen, die die Berechtigung für die vergünstigten Fahrten beantragt haben; der überwiegende Anteil (80) aus dem Novalishaus.

Die Zeiten des Lockdowns und der Ausgangsbeschränkungen lassen sich auch an der Statistik ablesen. Waren es im Januar 216 Fahrgäste mit 777 Fahrten sowie im Februar 716 Personen mit 183 Fahrten, so ging die Anzahl im März auf 162 Personen (522 Fahrten) und im April auf 89 Personen (332 Fahrten) zurück. Von Mai bis Juli nahmen die Fahrgastzahlen dann wieder zu. Von 204 Personen im Juli fielen sie dann im August und September auf jeweils 161.

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„Die Zahlen des Vorjahres haben wir in den zurückliegenden Monaten nicht erreicht“, stellte Bräunlich zwar fest. Dies liege aber an der besonderen Situation im Corona-Jahr. Die Senioren lieben insgesamt mehr zuhause. Zum Teil habe das Taxi auch Einkaufsfahrten ohne Fahrgäste erledigt, und auch durch Aktionen wie „Brot & Rosen“ der evangelischen Kirchengemeinde sei die Versorgung derer, die das Haus nicht verlassen konnten oder wollten, gut geregelt gewesen.

„So richtig erholt hat sich das Ganze immer noch nicht. Die Senioren gehören zur Risikogruppe und trauen sich einfach weniger raus“, hat Bräunlich als Referent festgestellt. In jedem Fall aber bekomme er sehr positive Rückmeldungen bezüglich des Senioren- und Behindertentaxis. Es gebe auch kaum Ärger mit Fahrgästen, nur vereinzelt höre er vom Betreiber von dem ein oder anderen schwierigen Patienten.

„Senioren haben Weiterführung verdient“

Bräunlich konstatierte, dass man heuer noch weit unter dem Ansatz von 70 000 Euro liege, den die Stadt im Haushalt für das Angebot bereit hält (32 766 Euro betrug die Zuschusssumme, die bis Ende September anfiel). Der Seniorenreferent plädierte für die Weiterführung im kommenden Jahr: „Das haben unsere Senioren verdient.“

Abstand nehmen wird man hingegen von der Einführung eines gesonderten Taxis für Rollstuhlfahrer, vor allem für jene, die ihren Rollstuhl für einen Transport nicht verlassen können, also nicht umsetzbar sind. Dies hatte Inklusionsreferent Florian Weber (Bayernpartei) heuer im Sommer beantragt. Es sei sehr wichtig, dass auch diese Personengruppe an allen Angeboten des gesellschaftlichen Lebens teilhaben kann, so seine Begründung. Das Bad Aiblinger Senioren- und Behindertentaxi kann derartige Transporte jedoch nicht durchführen.

Kaum Rückmeldungen auf öffentliche Aufruf

Im Sommer war man so verblieben, dass zunächst abgeklärt werden sollte, welcher Personenkreis diesen Bedarf hat, um eventuell einen zunächst befristeten Versuch zu starten. Doch seien trotz der öffentlichen Aufrufe lediglich zwei Rückmeldungen bei eingegangen. „Zwei von 20 000 Einwohnern, das ist verschwindend gering“, meinte Bürgermeister Stephan Schlier (CSU). Das Gremium war sich einig, auf die Einführung des zusätzlichen Taxis zu verzichten.

Drei Fragen an Sozialreferent Dieter Bräunlich

Herr Bräunlich, wo liegen die Hauptprobleme der Bad Aiblinger Senioren, die in Coronazeiten an Sie herangetragen werden?

Dieter Bräunlich: Das ist ganz schwer zu sagen. Die monatliche Beratungsstunde, die ich bei der Arbeiterwohlfahrt halte und zu der in der Regel drei bis fünf Personen kommen, ist ja coronabedingt heuer einige Male ausgefallen und kann auch im Moment nicht stattfinden. Und bei den Terminen im September und Oktober hatten wir gar keine Anmeldungen.

Worauf führen Sie das zurück?

Dieter Bräunlich: Zum einen denke ich, dass viele Senioren einfach sehr verunsichert sind. Sie halten sich zurück oder haben Angst. Zum anderen werden aber einige Bedürfnisse auch durch Angebote abgefedert, gerade was Besorgungen angeht. Da gibt es zum einen den Service „Brot & Rosen“ der Bad Aiblinger Kirchen und Institutionen, bei dem 70 Personen bereit wären, bei Erledigungen zu helfen. Aber das nehmen nur circa 15 Leute an, habe ich zuletzt gehört. Zum anderen konnte auf dem kurzen Dienstweg mit Bürgermeister Stephan Schlier geregelt werden, dass das Seniorentaxi jetzt auch Einkaufsfahrten für die Bürger mit Berechtigungsschein übernimmt, so dass diese das Haus verlassen gar nicht verlassen müssen.

Das alles lässt aber nicht den Rückschluss zu, dass es gerade auch jetzt in der langen, dunklen Jahreszeit plus grassierendem Virus und Lockdown keine Probleme gibt?

Dieter Bräunlich: Nein. Keiner weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist, wie viele Menschen sich einfach nicht trauen, um Hilfe zu fragen. Wir bieten im Übrigen auch psychosoziale Beratung an. Wer hier Bedarf hat, kann sich gerne über das Sozialamt unter Telefon 0 80 61/4 90 14 45 oder -4 46 melden. Ich nehme dann Kontakt auf.

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