Circus Boldini gibt wegen Corona erst jetzt in Bad Aibling eine seiner ersten Vorstellungen - und bangt

Nina Selam – und der 14-jährige Danny als Clown „Peppino“ beim Auftritt in Bad Aibling. Er sagt: „Ich wollte schon immer Clown werden“.
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Nina Selam – und der 14-jährige Danny als Clown „Peppino“ beim Auftritt in Bad Aibling. Er sagt: „Ich wollte schon immer Clown werden“.
  • vonJohann Baumann
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„Der Lockdown hat uns finanziell und mental an die Grenzen gebracht“, sagen Philipp Frank, Chef des Circus Boldini, und seine Frau Nina. Seit neun Monaten kämpfen sie sich durch die Krise. Es bleibt erst einmal zäh, wie der Tourneestart jetzt zeigt.

Bad Aibling – Rund 160 Vorstellungen pro Jahr gibt der „Circus Boldini“ an rund 40 Orten innerhalb Bayerns. Doch Corona hat heuer dafür gesorgt, dass exakt zwei Tage vor Saisonbeginn die geplanten Gastspiele abgesagt werden und alle zwei- und vierbeinigen Akteure im Winterquartier bei Trostberg verharren mussten.

„Die Einnahmen fielen weg, die Kosten für Futter, Tierpflege und Tierarzt blieben und so mussten wir unsere Rücklagen massiv angreifen. Es hat uns an die Grenzen gebracht – nicht nur finanziell, sondern auch mental“, erläutern Zirkus-Chef Philipp Frank und seine Frau Nina, Managerin und Tourneeleiterin.

Zirkus-Chef Philip Frank im Stallzelt bei der Körperpflege des Araberhengstes „Aswod“. Baumann

Vorstellungsfreie Zeit eine Qual

„Wir wurden in dieser Zeit oft gefragt, ob wir angesichts der Pandemie nicht unseren Beruf wechseln sollten, aber das käme nie in Frage“, betont Nina Frank. „Wir lieben unseren Beruf, leben dafür und ein Leben ohne Zirkus ist für uns unmöglich. In jeder Winterpause fiebern wir dem Tourneestart wieder entgegen.“ Die vorstellungsfreie Zeit sei eine Qual gewesen, wie ein Entzug.

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Um sich und die Tiere fit zu halten, neue Nummern einzustudieren und sich auf den Tag X nach dem Lockdown vorzubereiten, wurde im Winterquartier ein kleines Zelt mit Manege aufgebaut. „Die Artisten gehen auch täglich für mehrere Stunden ins Fitnessstudio. Denn ein Tag ohne Training bedeutet gleich einen spürbaren Rückstand.“

Nina Selma mit dem mongolische Trampeltier Barbar im Stallzelt.

Tournee startet mit mehreren Monaten Verspätung

Erst in der vergangenen Woche war die harte Zeit für die Zirkus-Familie endlich vorbei: Das Hygienekonzept stand, der Tourneestart in Rohrdorf konnte erfolgen. „Unseren Besuchern Freude zu bereiten und in strahlende Augen zu schauen, dafür leben wir“, betont Nina Frank voller Empathie. Sie kümmert sich unter anderem um Gastspielorte, Behördenkontakte, Zeitpläne und um die Werbung.

Man habe nun damit gerechnet, dass die Menschen regelrecht ausgehungert nach kulturellen Veranstaltungen seien. Doch mit Ankunft in Bad Aibling häuften sich die Meldungen über wieder steigende Corona-Zahlen im Landkreis Rosenheim. Folge: „Es kommen weniger Besucher, telefonische Reservierungen werden wieder abgesagt.“ Doch bei denen, die in die Vorstellungen im Zelt an der Ausstellungshalle kamen, gab es strahlende Augen. Unsere Zeitung hat hinter die Kulissen der Manege geblickt. Zirkus-Chef Philipp Frank (62) treffen wir einige Stunden vor der Vorstellung bei der Pflege seiner vier siebenjährigen Araberhengste an – sie sind neben seiner Familie sein großer Stolz.

Zirkusmanagerin Nina Frank moderiert in der Manege.

Namensgeber war ein italienischer Artist

Gegründet wurde der Zirkus im Jahr 1812 von Adam Frank. Doch schon im 16. Jahrhundert wurde ein Gaukler namens Frank geschichtlich erwähnt. Da „Frank“ kein besonders attraktiver Zirkus-Name sei, wurde der „ambulante Unterhaltungsbetrieb“ mit dem Namen „Circus Boldini“ versehen. „Namensgeber war ein italienischer Artist“, erzählt der Chef. Da die Zirkusleute oftmals sieben und mehr Kinder hätten, könnten die meist kleinen Betriebe die großen Familien auf Dauer nicht ernähren. Daher würden sich die Kinder, die überwiegend in der Branche bleiben, häufig eigene Betriebe aufbauen.

Chiara Maria bei ihrer spektakulären Netznummer unter der Zirkuskuppel.

Kinder sind von klein auf mit dabei

Die weiteren Protagonisten der „Manegen-Familie“ sind die Kinder Philipp Peter (designierter Zirkus-Direktor), Nina Selma, Chiara Maria, Mindy (derzeit verletzt) und Danny. „Die Kinder werden von klein auf spielerisch ins Zirkusgeschehen eingeführt und fiebern schon in jungen Jahren dem Rampenlicht entgegen“, schildert Nina Frank. Alle sind in verschiedenen Funktionen in der Manege zu sehen. Der 14-jährige Danny („Clown Peppino“) gesteht: „Ich wollte schon immer Clown werden.“

Ob die spektakuläre Akrobatik, die Dressuren der Araberhengste und mongolischen Trampeltiere, die pfiffige Hundenummer, die tanzenden Teller und kreisenden Hula Hoops oder die Spaßmacher Beppo, Charlie und Peppino – der kräftige Applaus der Bad Aiblinger Zuschauer belohnte die herausragenden Leistungen in der Manege. Am Dienstag (1. September) findet um 17 Uhr die letzte Vorstellung statt, bevor es nach Griesstätt und Rott weitergeht.

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