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Bad Aiblinger spricht über den Wandel einer Branche

Von Sex und Rock’n Roll bis Familientrip - Christian Poitsch ist seit 40 Jahren Veranstalter

Bildliche Erinnerung an einen „Herzschlagmoment: der Auftritt in der Arena di Verona mit den drei Künstlern Werner Schmidbauer, Martin Kälberer und Pippo Pollina. Christian Poitsch ist seit 40 Jahren Veranstalter mit Leib uns Seele.
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Bildliche Erinnerung an einen „Herzschlagmoment: der Auftritt in der Arena di Verona mit den drei Künstlern Werner Schmidbauer, Martin Kälberer und Pippo Pollina. Christian Poitsch ist seit 40 Jahren Veranstalter mit Leib uns Seele.
  • Silvia Mischi
    VonSilvia Mischi
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Die Geschichten, die er erzählen könnte, sind filmreif. In 40 Jahren als Veranstalter von Konzerten, Kabaretts und Co. hat er so einiges mit Stars erlebt – Essen um 1 Uhr in der Nacht besorgen, Rotlicht-Milieu, Groupies, alkoholreiche Partys und mehr. Doch das hat sich fast alles verändert.

Bad Aibling/Kolbermoor – „Die Künstler sind professioneller geworden, es ist alles mehr auf Sicherheit ausgerichtet, und die Kräfte sind ausgebildeter“, beschreibt er einen extremen Wandel, wie ihn kaum eine andere Branche in vier Jahrzehnten wohl erlebt hat.

Mit der SMV erstmals ein Konzert organisiert

„Drei Viertel von dem, was heute zu beachten ist, war in den 80er-Jahren noch kein Thema, und das gilt für alle Bereiche des Veranstaltungsmanagements“, schildert Christian Poitsch. Dabei geht es um Fluchtwege, befestigte Stuhlreihen, Versicherungen, Abstände und und und. Die aktuelle Corona-Situation sei gerade für kleine, aber gewerbliche Veranstalter extrem schwierig, belastend und frustrierend. „Regional sind es immer noch die ‚kleinen‘, die viele Veranstaltungen durchführen“, sorgt sich Poitsch um die Zukunft. Viele erfahrende Kräfte steigen auch aus dem Geschäft komplett aus, weil sie ja überleben müssen, ihre Familien durchbringen müssen. Und ganz klischeehaft: Oft ist er Techniker und sie Musikerin oder so.

Anfänge als Ordner und bei der SMV

Dabei hat alles am Gymnasium Aibling begonnen, als Poitsch mit der SMV (Schülermitverwaltung) das erste Konzert in der Aula organisiert hat. „Da hab ich dann irgendwie Blut für diese Branche geleckt und arbeitete zunächst als Ordner, dann als Helfer sowie später als Plakatierer beim Aiblinger Konzertbüro BP-Konzerts von Benno Kretschmann und Peter Imgrund“, erinnert sich Poitsch. Als Junior-Partner sei er dann in die Firma eingestiegen und habe später für das P im Betrieb gestanden. 1981 dann machte sich der Aiblinger zusammen mit Norbert Haimerl mit dem eigenen Konzertbüro „Exorbitan“ selbstständig. Die erste Veranstaltung war der Auftritt des Hänsche-Weiß-Quintetts mit sogenanntem Zigeunerner-Jazz (Gypsy-Jazz, Variante der Musikrichtung Swing).

Nerv der Zeit getroffen

„Das darf man heutzutage gar nicht mehr so nennen“, betont Poitsch. Damals – am Puls der Zeit – wollte man aber diese Form der Musik nach Bad Aibling holen. 200 Besucher gaben den Veranstaltern recht, dass sie den Nerv der Zeit getroffen hatten.

„Ich habe mich immer speziell für das Kulturleben in Bad Aibling engagiert und viele Künstler, die auch woanders in vielleicht sogar größeren Hallen möglich gewesen wären, in die Kurstadt geholt“, so Poitsch. Auch viele Kooperationen mit Aiblinger oder regionalen Künstlern sowie Nachwuchsförderung war ihm wichtig.

Gleich zu Beginn seiner Karriere schaffte es Poitsch, einen besonderen Hochkaräter in die Kurstadt zu holen: Reinhard Fendrich. „Damals rief mich ein Agent an und empfahl mir einen jungen österreichischen Liedermacher, den noch niemand kenne, der aber durchstarten würde“, erinnert sich Poitsch.

Vertrauen in Agenten

Ihm sagte der Künstler damals auch noch nichts. „Wir vertrauten aber dem Agenten. 320 Leute im Kursaal – damals noch erlaubt – und eine beeindruckende Karriere von Fendrich sprechen für sich“, so Poitsch.

„Dass wir gemeinsam mit dem Kurhauspächter Werner Flagl in den 90ern die extrem schwierige und anstrengende Situation rund ums Kurhaus durchgestanden haben“, erinnert sich Poitsch. Die Besucher nahmen Angebote gerne an und genossen die Abende. Heute seien sie oftmals empfindlicher, kritisierender – „aber nicht kritischer“ – sowie manchmal auch respektloser gegenüber dem Künstler und auch dem Veranstalter geworden, hat er im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte festgestellt. Bestes Beispiel dafür: Bei einer Veranstaltung hat es Probleme mit den Lautsprechern in einem kleinen Bereich des Saals gegeben. „Ich bin zu den Konzertbesuchern hin, entschuldigte mich und erklärte, dass wir das Problem direkt beheben würden. Statt eines Danks kam eine Beschwerdelitanei und schwierige Diskussionen“, schildert er.

Gänsehautmomente in Verona

Ein großes Highlight in der Karriere hat Poitsch nicht. Gänsehautmomente aber. Dazu gehört vor allem 2016 das Grande Finale in der Arena di Verona mit den drei Künstlern Werner Schmidbauer, Martin Kälberer und Pippo Pollina. 10 000 Besucher erlebten diesen besonderen Moment mit. Unvergesslich auch 1994 das Open Air in Maxlrain mit Hubert von Goisern. Noch heute redet man im Mangfalltal darüber. „Das war die erste Freiluft-Veranstaltung dieser Art in dieser Dimension mit knapp 10 000 Besuchern“, erinnert sich Poitsch mit Stolz.

Dabei habe er lange gezögert, ein Open Air auszurichten – aufgrund der Wetter-Unwägbarkeiten, des damit verbundenen Veranstaltungsrisikos sowie des enormen Aufwands. Zehn Jahre zuvor, 1984 gab Goisern sein erstes Konzert im Aiblinger Kurhaus. „Damals noch vor nur 46 Besuchern. Unvorstellbar heute“, zeigt der Veranstalter den Karriereverlauf des Künstlers auf.

Stargast: Udo Lindenberg

Oder beispielsweise hat 1983 die Band „BAP“ in Bad Aibling Halt gemacht und in der Eishalle ein Konzert gegeben. Plötzlich gab es hier einen besonderen Stargast: Udo Lindenberg. Warum? „Die Band sollte in Wackersdorf mit Lindenberg spielen und sie wünschten sich, einmal miteinander zu proben. Das taten sie beim Soundcheck am Nachmittag auch und Lindenberg trat spontan dann auch abends vor Aiblinger Publikum auf“, erinnert sich Poitsch.

„Mein Ziel war es, große Stars in den kleinen Rahmen nach Bad Aibling zu bringen“

Christian Poitsch

In diese Zeit – die 80er-Jahre – fiel auch die Gründung der Aiblinger Saitensprünge, eine über die Landesgrenzen hinaus heute Musikliebhaber anziehende Veranstaltungsreihe. „Mein Ziel war es, große Stars in den kleinen Rahmen nach Bad Aibling zu bringen“, gesteht Poitsch. Dadurch sollte dem lokalen Publikum Unterhaltung geboten werden, die es bis dahin nur in München gegeben hat. „Gerade der kleinere Rahmen hat bei den Auftritten den besonderen Charme ausgemacht“, so Poitsch.

Helge Schneider in Bad Aibling

Helge Schneider beispielsweise verband seinen Auftritt in der Kurstadt mit der Begutachtung eines Oldtimers vor den Toren der Stadt, den er kaufen wollte. Auffallend für den Veranstalter dabei: „Je höher die Qualität eines Acts war, desto bescheidener waren die Künstler.“ Er denkt dabei an Charlie Watts, Hanns-Dieter Hüsch, die Shaolin-Mönche, Thorsten Havener, Erich Fried und und und. „Die Liste ist lang.

Und: Dabei sind auch Freundschaften entstanden“, so Poitsch. In den 40 Jahren seines Schaffens hat er vieles erlebt und merkt auch, dass er empfindlicher geworden ist. So hat die Coronakrise ihn zum Nachdenken gebracht, wie es danach weitergehen wird als Veranstalter.

Bekocht wurden die Stars zu Hause

Von EAV, Monika Gruber, Günter Grünwald, Michael Mittermeier und Co. reicht die Auftrittspalette. Cateringwünsche nachts von der Tankstelle zu holen oder die Künstler privat zu Hause zu bewirten, gehörte damals dazu. „Wünsche, wie ein Fitnessstudiobesuch oder verschwiegene Unterkünfte galt es ebenso zu organisieren wie eine spezielle Schnaps- oder Whiskey-Sorte und Gesellschaft“, so Poitsch. Das hätte sich aber alles geändert. „Die wildesten Rocker sind heutzutage mit ihren Familien on Tour. Es sei alles professioneller geworden. Die Stars achten auf ihre Ernährung, der Lebenswandel ist ein ganz anderer“, beschreibt Poitsch. Sein Motor ist die Lust auf Kunst, Kultur und das Schaffen von Herzschlagmomenten.

Glückliches Publikum als Lohn für Arbeit

Wenn die Tür des letzten Trucks sich schließt und alles gut gelaufen ist. Das sei der Moment des Tiefdurchatmens. Wobei der schönste Moment für einen Veranstalter derjenige sei, wenn das Publikum am Ende des Gastspiels glücklich ist, tobt, jubelt, applaudiert. „Es ist doch wunderschön, Menschen (den Besuchern) einen schönen, erheiternden, nachdenklichen, unterhaltsamen Abend geboten zu haben.“

Zahlen und Fakten

In den 40 Jahren als Veranstalter hat Christian Poitsch circa 3500 Veranstaltungen selbst organisiert und rund 1000 als Dienstleister. Dabei waren in den über 40 Jahren an die 400 Mitarbeiter aktiv. Vier Büroadressen hatte er im Laufe der Zeit und alle in Bad Aibling. Geschäftspartnerschaften gibt es seit Jahrzehnten mit dem Ku‘Ko, Haimerl, RFO und dem OVB. Zu Stars und Weltstars in Bad Aibling: Lionel Hampton im Kurhaus, Willy Astor achtmal ausverkauft im Kurhaus mit dem selben Programm, das brachte sogar eine deutschlandweite Notiz in dem Medien. Nachdem der Ausbildungsberuf zum „Veranstaltungskaufmann/frau“ geschaffen wurde, war Poitsch einer der ersten Veranstalter, der auch ausgebildet hat. Zugleich ist er froh, dass es in 40 Jahren keinen größeren Unfall oder Verletzung bei seinen Veranstaltungen gegeben hat – weder Publikum noch Mitarbeiter.

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