Gemeinsame Herzensangelegenheit

Bad Aibling: Nico Kornhass und sein Tigerhasen-Vermächtnis

Ihr Opa hat’s erfunden, seine Frau Steffi in Wort und Bild umgesetzt: Nando (links) und Keno Kornhass halten das Herzensprojekt der beiden in Händen und haben ihren Spaß daran.  privat
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Ihr Opa hat’s erfunden, seine Frau Steffi in Wort und Bild umgesetzt: Nando (links) und Keno Kornhass halten das Herzensprojekt der beiden in Händen und haben ihren Spaß daran. privat
  • Eva Lagler
    vonEva Lagler
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2019 erlag der vierfache Kickbox-Weltmeister Nico Kornhass (57) der Krankheit ALS. Jetzt hat seine Frau Steffi das gemeinsame Herzensprojekt verwirklicht. Und das lässt nicht nur Kinderaugen strahlen.

Bad Aibling – Bad Aibling – Gemobbt auf dem Schulhof, auf der Straße von einem aufdringlichen Fremden angesprochen, starr vor Angst, wenn etwas Befremdliches passiert. Albtraumszenen eines jeden, der sich für Kinder verantwortlich, zugleich aber hilflos und alleingelassen fühlt. Genau das war der Anstoß für den viermaligen Kickbox-Weltmeister Nico Kornhass aus Bad Aibling, ein Gegenprogramm zu entwickeln: die Tigerhasen-Sicherheitskurse.

Rund 5000 Mädchen und Buben haben seither in über 200 Kursen an Kindergärten und Schulen mit Rollenspielen und Übungen das richtige Verhalten gegenüber aggressiven Schulkindern und fremden Erwachsenen trainiert und dabei den Weg nachgehen können, den das „Angsthäschen“ zurücklegt, um als selbstbewusster „Tigerhase“ den Herausforderungen die Stirn zu bieten. Denn dem Sportler ging es um mehr als die reinen Techniken, als er diese Parabel als Grundlage für seinen Kurs schrieb.

Ein begnadeter Geschichtenerzähler

Nico Kornhass war schon immer ein begnadeter Geschichtenerzähler, voller Ideen, Kreativität und Phantasie. Seine beiden Söhne Nino und Mario, die heute zusammen mit dem engen Freund der Familie, Ben März, sein Kampfsport-Vermächtnis fortführen, brauchten als Kinder nur auszuwählen. „Wollt ihr was Lustiges, was Trauriges oder was Spannendes?“ – und schon tauchten sie gemeinsam mit dem Vater – der ein links im Arm, der andere rechts im Arm – in das Reich der Fabeln, Abenteuer und Sehnsüchte ein.

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Den Tigerhasen stets im Herzen

Doch die Tigerhasen waren sein ganz spezielles Projekt. Der Plan, zusammen mit seiner Frau Steffi, gelernte Mode- und Kommunikationsgrafikerin, ein Begleitbuch zu den Kursen herauszubringen, wurde jedoch durch eine Erkrankung an ALS durchkreuzt, der er bis zu seinem frühen Tod im Mai 2019 im Alter von 57 Jahren mutig und unbeirrt die Stirn bot.

Jetzt hat Steffi Kornhass das gemeinsame Herzensprojekt ihrem Mann zu Ehren verwirklicht. Vor wenigen Tagen hielt sie das erste Exemplar in den Händen. „Für Nico Kornhass – den stärksten aller Tigerhasen. Für immer in unseren Herzen“ heißt es auf der ersten Seite unter einem Porträtfoto, das ihn mit seinem offenen Lächeln zeigt.

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Tico heißt der Protagonist, ein Häschen mit rötlichem Fell, nicht von ungefähr. „Darin vereinen sich der Tigerhase und der Name Nico“, sagt Steffi Kornhass, die aus den losen Aufzeichnungen und hinterlassenen Sprachnachrichten ihres Mannes die Geschichte ausformulierte.

Vom kleinen Angsthäschen zum stolzen Tigerhasen

Darin wünscht sich Angsthäschen Tico, so stark und mutig zu sein wie der Tiger, der Wolf, Adler und Schakal allein mit seinem Gebrüll, seinem festen Blick, den erhobenen Tatzen und ausgefahrenen Krallen in die Schranken weist. Doch allein für diesen Wunsch lachen ihn alle anderen Häschen aus – bis sie im Schutz der sicheren Höhle verfolgen, wie Tico, ganz auf sich allein gestellt plötzlich vom Schakal überrumpelt wird, in einem Akt der Verzweiflung all seinen Mut zusammennimmt – und ihn letztlich durch sein Auftreten in die Flucht schlägt. Sie machen es ihm nach und erkennen, dass sie gemeinsam noch viel stärker sind.

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Die ersten Leser des Buches müssen das zwar gar nicht mehr lernen, sie haben es sozusagen im Blut. Nando und Keno, die als Widmung „für unseren geliebten Opa“ je einen Tigerhasen in einem Herz hinterlassen haben, waren aber genauso gefesselt von der Bilderbuch-Geschichte wie alle anderen im Bekanntenkreis.

Ob es eine Fortsetzung der Tigerhasen-Abenteuer geben wird? Nicht ausgeschlossen, meint die Illustratorin. Denn auch die Sicherheitskurse ziehen immer weitere Kreise: Der Gewinn des DAVID-Preises des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes im Jahr 2016 und die Unterstützung des Fachverbandes World Kickboxing and Karate Union (WKU) ist Kornhass‘ Söhnen ein Ansporn: „Wir möchten den Sicherheitskurs für Kinder deutschlandweit anbieten und bilden dafür auch Tigerhasen-Trainer aus.“

Erhältlich ist das Buch online unter www.illusbystefaniekornhass.com.

Interview: Den Mut haben, an sich selbst zu glauben

Frau Kornhass, den Tigerhasen kennt in der Region jedes Kind, das den Sicherheitskurs im Kindergarten oder an der Schule besucht hat. Doch keiner wusste, wie er aussieht. Woher wussten Sie’s?

Stefanie Kornhass: Die Optik entstand erst beim Zeichnen am Grafik-Tablet. Da hatte der Tigerhase auch noch keinen Namen. Anfangs war er einfach „das kleine Häschen“, das sich durch sein rötliches Fell, das an einen Tiger erinnert, von den anderen, grauen und braunen Häschen im Buch abhebt. Die (Tiger-)Streifensymbolik habe ich nur für das Bild auf dem Cover, passend zum Schriftzug „Tigerhase“ verwendet.

Der kleine Angsthase wird zum Schluss – genau wie es in den Sicherheitskursen vermittelt wird – ein stolzer Tigerhase mit Vorbildfunktion.

Stefanie Kornhass: Ja, die anderen machen es ihm nach und erkennen, dass sie gemeinsam noch viel stärker sind. Das ist genau das, was wir den Kindern mit unserem Herzensprojekt mit auf den Weg geben möchten. Dass sie daran glauben, dass sie etwas schaffen können. Nicht nur durch Tricks und Kniffe, sondern durch Mut und Selbstbewusstsein.

Häschen Tico zeigt in der Parabel und auf Bildern all das, was die Kinder im Kurs lernen. Was ist die Quintessenz?

Stefanie Kornhass: Sie üben angesichts brenzliger Situationen den Tigerblick, formen die Tigerkralle, üben den Tigerschrei. Dadurch, dass sie das im Rollenspiel stetig wiederholen, bleibt das besser in Erinnerung, als wenn man nur empfiehlt, in bestimmten Situationen laut zu schreien. Dabei fehlt es nie an Humor, denn den hat Nico immer versucht, mit reinzubringen.

Das Buch ist das Herzensprojekt von Ihnen und Ihrem Mann, das Sie nach seinem Tod umgesetzt haben. Wie war die Arbeit für Sie?

Stefanie Kornhass: Wir haben seit Jahren davon geredet, wollten immer wieder damit angefangen. Aber es gab so viele Ideen und Projekte, wir kamen einfach nicht dazu. Nach der ersten Zeit nach Nicos Tod war es aber genau dieses Projekt, das ich als Erstes machen wollte. Es war immer mein Herzenswunsch, mehr zu zeichnen, zu illustrieren. Und es hat so einen Spaß gemacht. Für mich war es zugleich der Schritt in die künstlerische Welt, bei dem ich gemerkt habe: Das will ich wirklich machen.

Also eine Art Initialzündung?

Stefanie Kornhass: Der Funke, der Nico ausgemacht hat, ist auch hier zu spüren. Er hat mich immer wahnsinnig motiviert, war der größte Bewunderer meiner Arbeit. Er wollte, dass ich mich das traue. Letztlich hat er so auch in mir den Tigerhasen geweckt. Er war ein Mensch, der immer den Fokus auf etwas Schönes gelenkt hat – und das hat mir bei der Arbeit Freude gegeben. Das Gefühl, etwas Schönes zu schaffen.

Etwas, das ihm gefallen würde.

Stefanie Kornhass: Ich wollte dieses Buch ihm widmen, mit allem, was ich kann. Dadurch wurde er ein Stück weit wieder lebendig. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Nico direkt neben mir sitzt und mir über die Schulter schaut und den Nacken massiert, während ich zeichne, wie er das so oft getan hat.

Wie alles begann

Eine Begegnung mit einem traumatisierten Schulkind in seinem Kampfsportstudio lieferte Nico Kornhass die Inspiration für die Idee des „Tigerhasen“: Eine Schülerin aus der zweiten Klasse hatte sich seit Beginn ihrer Schulzeit gegenüber anderen Mädchen oder Jungen stets in die Opferrolle begeben. Ihre Eltern versuchten mit einem Kampfsportkurs, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Was bei den meisten Kindern gut funktioniert, klappte allerdings in diesem Fall nicht. Das extrem introvertierte und ängstliche Mädchen distanzierte sich auch im kleinen Gruppentraining von den anderen Teilnehmern.

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Um dem Mädchen zu helfen, überlegte sich Kornhass zunächst ein Einzelstunden-Programm. Über Gespräche baute er ein Vertrauensverhältnis zu dem Mädchen auf. Mit spielerischen Übungen, Techniken an einer Schlagpratze und diversen Rollenspielen zeigten sich schnell Erfolge. Schritt für Schritt veränderte sich das Selbstbewusstsein des Mädchens und damit auch ihre Ausstrahlung. Diese positive Wandlung und die euphorische Reaktion der Eltern waren die Initialzündung für das Projekt „Tigerhase“. Ihre bemerkenswerte Entwicklung entfesselte die Idee, einen Kurs ins Leben zu rufen, der Kinder in ihrer Selbstsicherheit stärkt.

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