Vom Lebenstraum im Albtraumjahr

Vier Jung-Unternehmer aus Bad Aibling: So war der Sprung in die Selbstständigkeit im Corona-Jahr

Lebensmittel wie Nudeln, Reis oder Bohnen werden im „Unverpackt-Laden“ offen verkauft von den Inhabern Marina und Can.  Baumann
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Lebensmittel wie Nudeln, Reis oder Bohnen werden im „Unverpackt-Laden“ offen verkauft von den Inhabern Marina und Can. Baumann
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Endlich wurde er wahr, der Traum von der beruflichen Selbstständigkeit. Alles haben sie dafür gegeben. Und dann kommt Corona und macht den Laden dicht. Vier junge Unternehmer sprechen über das Wechselbad der Gefühle, das sie in diesem Jahr erlebten.

Bad Aibling – Die Corona-Pandemie schüttelt besonders auch die Gastronomie und den Einzelhandel in der Kurstadt durch. Schon für eingesessene Betriebe mit Stammkundschaft ist die Lage schwierig. Wie mag es da erst mit dem Wechselbad der Gefühle bei denjenigen ausschauen, die sich im Corona-Jahr den Traum von der Selbstständigkeit erfüllt haben?

Corona diktierte von Anfang an die Regeln

Zu ihnen zählt Linda Parkinson, die mit ihrer „Gartenküche“ an der Bahnhofstraße 9 im Juni 2020 – und da schon unter Corona-Bedingungen – startete. Das gebürtige „Münchner Kindl“ mit großväterlichen Wurzeln in England setzt dabei nicht nur auf rein pflanzliches Essen, sondern bietet den Kunden auch eine große Auswahl an Büchern zu Ernährungs- und Gesundheitsthemen, Keramik, Schönes und Nützliches für den Haushalt sowie traditionelles Gartenwerkzeug an.

„Gartenküche“-Inhaberin Linda Parkinson verkauft vegane Speisen und Getränke.

Der Arbeitsplatz als schöner Lebensraum

Die studierte Innenarchitektin hat ihren Beruf unter anderem in London und München erfolgreich ausgeübt. Doch irgendwann war ihr die Bürokratie in der Baubranche zu viel. Mit der „Gartenküche“ erfüllt sie sich ihren Lebenstraum „Mein Laden ist nicht nur Arbeitsplatz, sondern ein schöner Lebensraum für mich und meine Mitarbeiterinnen. Wir sehen uns unter anderem als Dienstleister für die Gesundheit unserer Gäste“, betont die 44-Jährige.

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Während im Sommer ihr vielfältiges veganes Speisenangebot immerhin an Stehtischen eingenommen werden konnte, ist dies derzeit wegen des Lockdowns nicht möglich. „Ich konnte aber in den ersten sechs Monaten bereits viele Stammkunden gewinnen, die jetzt meine Gerichte stattdessen abholen“, berichtet sie. Nun wartet sie auf das Ende des Lockdowns, dem sie auch Positives zubilligt: „Alles hat einen Grund und eine Bedeutung, die wir oft im Moment nicht verstehen. Doch im Nachhinein ergeben alle Ereignisse einen Sinn.“

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Der „Unverpackt“-Laden an der Rosenheimer Straße 4 hatte sogar erst Anfang Dezember 2020 seine „Verkaufspremiere“ – und damit mitten im harten Lockdown. Unter dem Motto „Natur Pur – nimm’s ohne mit“ möchten Marina Schäftlmaier (20) und ihr Geschäfts- und Lebenspartner Can Aksel (23) die Menschen inspirieren, auf Plastik zu verzichten. Nach ihren jeweiligen Ausbildungen als Industriekauffrau („war nicht meins“) beziehungsweise im Büromanagement wollten die beiden ihre bereits praktizierte gesundheitsbewusste Lebensweise (Leitspruch: „Bio und regional“) beruflich umsetzen.

Neues Konzept in der Gesundheitsstadt Bad Aibling

„Wir wollen was machen, was uns Spaß macht“, lautet ihre Devise. Inspiriert von Marinas Eltern (beide im Handel tätig) und nach Besuchen in einigen „Unverpackt“-Läden in der Region entschlossen sie sich, in dieses Geschäftssegment einzusteigen. Der Eröffnung „in der Gesundheitsstadt Bad Aibling “ ging von der ersten Idee 2019 an eine Reihe von Vorbereitungen voraus, wie beispielsweise die Kreditbeantragung anhand des Businessplans, die Ladensuche und die Auswahl der Lieferanten.

„Kunden rannten die Bude ein“

Richtig Angst, wegen der Corona-Pandemie zu scheitern, hatten Marina und Can nie. „Und als uns in den ersten Tagen die Kunden die Bude eingerannt haben, waren auch unsere letzten Zweifel verflogen“, bekennen die „Unverpackt“-Macher. Ihr Warensortiment mit rund 500 Produkten umfasst neben Basisartikeln wie Nudeln, Mehl oder Zucker auch Putz- und Waschmittel zum Abfüllen. In einem „Mini-Treibhaus“ werden zudem frische Kräuter gezogen. Vor dem Einkauf werden die mitgebrachten Behälter (wie Tupperware, Gläser oder Tüten) leer gewogen und beim Bezahlen wird das Leergewicht wieder abgezogen. Leicht macht es Corona den „Unverpackt“-Neulingen trotz des guten Auftaktes nicht: „Wir müssen schon sehr stark kämpfen“, gesteht Can.

Auf der Suche nach gastronomischer Lücke

Auf einen Zulauf in Form von Gästen hofft nach dem aktuellen Lockdown auch Petra Steffen. Sie hat 2020 mit ihrem neu eröffneten Lokal „Steffens“ an der Bahnhofstraße 9 gleich zweimal die unliebsame Bekanntschaft mit den Corona-Lockdowns gemacht. Nachdem ihre Eltern über 40 Jahre lang das „Café Steffen“ führten und sich 2019 in den Ruhestand verabschiedeten, wollte sie den alteingesessenen Namen weiterführen. Die 50-Jährige hatte rund 25 Jahre im elterlichen Betrieb mitgearbeitet. Auf der Suche nach einer gastronomischen Lücke entstand die Lokal-Idee „Steffens – essen trinken, genießen“.

Derzeit zwischen leeren Tischen: Petra Steffen im „Steffens“

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Im neuen besonderen Ambiente soll man sich wohlfühlen, etwas trinken – ob mit oder ohne Essensbegleitung. „Am 11. März hatten wir einen tollen Start. Und am 16. März machten wir schon wieder zu“, stellt sie fest und ergänzt: „Corona hat mich aber nicht von meinem Entschluss abgebracht, ich war felsenfest von meiner Idee überzeugt.“ Bis zur Wiederöffnung im Mai konnte sie nur Speisen „to go“ verkaufen und erfuhr von den Kunden viel Solidarität.

Normalbetrieb nur in der Start-Woche

Danach musste sie die Zahl der Sitzplätze halbieren und ab 2. November das Lokal erneut schließen. „Der geplante Normalbetrieb konnte mit Ausnahme der Start-Woche bisher noch gar nicht stattfinden“, lautet ihre enttäuschte Feststellung. Der „to go“-Absatz sei seitdem stark zurückgegangen: „Die Leute sind frustriert und kochen und essen seitdem zu Hause“, konstatiert sie. Doch Petra Steffen – seit dem Sommer frisch verehelicht – zeigt sich optimistisch und kämpferisch: „Aufgeben kommt nicht in Frage, komme was wolle!“

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