Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Corona – die bislang härteste Prüfung

Trotz Rückschlägen und Ängsten: So schafft es eine alleinerziehende Mutter durch die Corona-Krise

Frauen halten zusammen: Die Chefinnen des „Café Lotte“ – Janina, Lisa und Rosi Tomschiczek (von rechts) – haben ihr Team, zu dem auch Tamara Winter (links) gehört, mit viel Mut und Zuversicht durch die Krise geführt.
+
Frauen halten zusammen: Die Chefinnen des „Café Lotte“ – Janina, Lisa und Rosi Tomschiczek (von rechts) – haben ihr Team, zu dem auch Tamara Winter (links) gehört, mit viel Mut und Zuversicht durch die Krise geführt.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
    schließen

Tamara Winter sehnt sich nach einem 0815-Leben. „Ich möchte in die Arbeit gehen, nach Hause kommen, den Haushalt machen, mich um mein Kind kümmern. Mehr brauche ich nicht zum Leben“, sagt die 31-jährige Bad Aiblingerin. Sie ist Kellnerin im Café Lotte und alleinerziehend. Wie sie die Krise meistert, erzählt sie hier.

Bad Aibling – Nach einem Jahr Pandemie mit monatelangen Komplettschließungen will Tamara endlich wieder unter Menschen, endlich wieder arbeiten. „Das war nicht mein Jahr“, blickt sie zurück: Trennung, Wohnungssuche, ein krankes Kind, Homeschooling, wenig Geld – bittere Erfahrungen: „Als Kellnerin vermietet dir niemand eine Wohnung, erst recht nicht in einem Pandemie-Jahr mit Kurzarbeitergeld als Einkommen.“

Kurzarbeitergeld privat aufgestockt

Ihr Bruder hilft ihr, nimmt sie und ihren Sohn bei sich auf, gibt ihr ein Zuhause. Tamara darf die Wohnung übernehmen. Die Miete von 900 Euro kann sie sich nur leisten, weil ihre Chefs jeden Monat pünktlich den Lohn zahlen. Denn was mancher vielleicht nicht weiß: Auch das Kurzarbeitergeld, das an die Arbeitgeber gezahlt wird, kommt verzögert.

„Wir haben einen Kredit aufgenommen, um all unsere Fixkosten zahlen, die Löhne vorstrecken und das Kurzarbeitergeld aufstocken zu können“, sagt Lisa Tomschiczek (29), die gemeinsam mit ihrer Schwester Janina (27) das Café Lotte leitet. „Es ist nur ein Tröpfchen auf den heißen Stein. Auf 100 Prozent kommen unsere 15 Mitarbeiter trotzdem nicht“, bedauert Tomschiczek. Doch wenigstens auf 80 Prozent.

Trinkgeld und Zuschläge fehlen

Weggefallen sind Trinkgeld sowie Zuschläge für Nacht-, Feiertags- und Sonntagsarbeit, die in normalen Zeiten einen Großteil des Einkommens ausmachen. „So fehlen etwa 900 Euro im Monat“, macht Tamara die Dimension der Einbußen für eine Kellnerin klar.

„Doch mit der Aufstockung, mit Kindergeld und Unterhalt komme ich hin, kann Miete, Nebenkosten, Auto, Versicherungen und unseren Lebensunterhalt bestreiten“, ist Tamara zufrieden. Große Sprünge kann sie davon nicht machen. „Man muss gut hauswirtschaften, um es zu schaffen“, sagt sie.

Zusätzlich sucht sich die 31-Jährige einen 450-Euro-Job, fährt Essen für Flüchtlinge aus und weiß immer: „Wenn ich Sorgen habe, kann ich zu den Chefinnen gehen.“ In einer WhatsApp-Gruppe hält das Lotte-Team engen Kontakt. „Alle sechs Wochen haben wir Mitarbeitergespräche geführt, um zu wissen, wie es unseren Leuten geht, um ihnen Mut zu machen, weil es uns sehr am Herzen lag, dass alle gut durch diese schwere Zeit kommen“, beschreibt Lisa Tomschiczek. So fühlt sich auch Tamara gut aufgefangen und übersteht Phasen, in denen sie keine Kraft mehr hat, sie der Mut verlässt.

„Es war streckenweise sehr schwierig“, blickt die alleinerziehende Mutter zurück. Ihr Sohn leidet unter der Isolation. Und auch seine Mutter wünscht sich mehr Unterstützung: von Schulen, Jugendamt und Staat. Dabei geht es ihr nicht allein um simple Fragen wie „Schaffst Du das allein?“ oder „Brauchst Du Hilfe?“, sondern auch um Gerechtigkeit.

Allein mit Kind ist es doppelt schwer

Denn während Zwei-Eltern-Haushalte Corona-Zuschüsse für Familien wie den Kinderbonus von 150 Euro in vollem Umfang erhielten, wurden sie bei Alleinerziehenden aufgrund der Unterhaltszahlungen gekürzt. „Doch auch das Kind einer alleinerziehenden Mutter hört in der Corona-Pandemie nicht auf zu wachsen“, hält sie nur ein Argument dagegen.

Eine solche Krise zu meistern, ist für jeden schwer, für Alleinerziehende aber um vieles mehr. Tamara und ihr Sohn haben ein tiefes emotionales Tal durchschritten, doch sie sind angekommen: bei sich und in der neuen Wohnung – nur ein paar Schritte von der „Lotte“ entfernt. Beide haben gelernt, aus der schweren Zeit das Beste zu machen. Mit einer neuen Lehrerin klappt das Homeschooling besser. Inzwischen gibt es zaghaften Präsenzunterricht.

Bis Freitag, 19. März, stand die Hoffnung im Raum, dass die Außengastronomie am 22. März wieder öffnen darf. „Es war ein winziges Licht am Ende des Tunnels, auf das ich lange gewartet habe“, sagt Tamara.

Doch die Ungewissheit geht in die nächste Runde. „Wir haben von der Dehoga Bayern gehört, dass der Lockdown um weitere vier Wochen verlängert werden soll“, so die Information, die Lisa Tomschiczek am Freitag erhielt. Gesundheitsminister Jens Spahn deutet einen „wochenlangen Lockdown“ an. Am Montag berät die Bund-Länder-Konferenz wieder über die Corona-Lockdown-Endlosschleife.

Professor Dr. med Franz Joseph Freisleder ist Ärztlicher Direktor am kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Professor Dr. Franz Joseph Freisleder im Interview: „Krise wirkt wie ein Brandbeschleuniger“

Die mit der Corona-Pandemie verbundenen Einschränkungen stellen besonders alleinerziehende Eltern und ihre Kinder vor außergewöhnliche Herausforderungen. Professor Dr. med. Franz Joseph Freisleder, Ärztlicher Direktor am kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, erklärt im Interview, warum die Krise wie ein Brandbeschleuniger wirkt.

Professor Freisleder, warum haben es Alleinerziehende jetzt gerade besonders schwer?

Freisleder: Die Corona-Pandemie mit ihren Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Wenn sich die Umgebungsfaktoren verschlechtern, stehen Menschen, die allein für ihre Familie sorgen müssen, unter einem enormen Druck. Mit der Kurzarbeit und weniger Einkommen potenzieren sich die sozialen Sorgen. Sind die Kinder im Homeschooling, muss diesen Eltern förmlich die Quadratur des Kreises gelingen. Sehr sensible Kinder spüren diese schwierige Problemlage, und das kann sie durchaus krank machen.

Welche Lösung gibt es dafür?

Freisleder: Die Kinder und Jugendlichen dürfen nicht zu lange isoliert und sich selbst überlassen sein. Um diese Situation zu ändern, müssen wir die Pandemie bekämpfen und alle, die mit Kindern arbeiten, schnellstmöglich impfen, damit die Helfernetzwerke funktionieren. Wir müssen mit aller Kraft die Inzidenz senken. Für Kinder wäre ein dritter Lockdown katastrophal.

Das ist noch ein langer Weg. Was hilft kurzfristig?

Freisleder: Sich gegenseitig Mut zu machen. Sich klarzumachen, dass es wieder anders, besser wird. Die Krise auch als Chance begreifen. Es sind neue Notgemeinschaften entstanden: Nachbarn, die sich helfen. Engagierte Mütter, die sich gegenseitig stützen. Teams, die auch in der Kurzarbeit zusammenhalten. Wir werden aus der Krise neue Kommunikations- und Begegnungsformen in eine neue Normalität mitnehmen. Wir haben erlebt, welche Kräfte in uns schlummern, wie stark wir sind. Genau das erkennen viele Kinder. Sie wollen mit großer Ernsthaftigkeit mithelfen, dass es besser wird. Das macht mir Mut.

Welche Folgen der Corona-Pandemie beobachten Sie an der Heckscher Klinik?

Freisleder: Die Zahl der Notfälle hat zugenommen. Es gibt weitaus mehr Kinder und Jugendliche, die mit Depressionen, Angststörungen oder einer suizidalen Problematik zu uns kommen. Gleichzeitig waren unsere ambulanten und stationären Angebote durch die Pandemie teilweise eingeschränkt. Wirklich eine sehr schwierige Situation.

Hintergrund: Jedes fünfte Kind wird im Landkreis Rosenheim allein erzogen

• Im Landkreis Rosenheim leben nach Angaben des Landratsamtes 8923 Kinder und damit 21,4 Prozent aller Kinder bei nur einem Elternteil. Das bedeutet, dass jedes fünfte Kind bei einer alleinerziehenden Mutter oder einem alleinerziehenden Vater aufwächst. Auf die einzelnen Kommunen im Mangfalltal aufgeschlüsselt, sind es 653 Kinder in Bad Aibling (22,6 Prozent), 633 in Kolbermoor (22,4 Prozent), 636 in Bruckmühl (23,8 Prozent), 238 in Tuntenhausen (18,2 Prozent), 323 in Feldkirchen-Westerham (17,8 Prozent) und 230 in Bad Feilnbach (18 Prozent).

• Nach Informationen des Bundesfamilienministeriums sind 90 Prozent aller Alleinerziehenden Frauen.

• Nach Angaben der Agentur für Arbeit sind in Deutschland im Durschnitt etwa sieben Prozent aller Arbeitslosen alleinerziehend. Hinzu kommt, dass 62 Prozent der insgesamt rund 25 700 geringfügig entlohnten Arbeitsverhältnisse im Landkreis in Frauenhand sind.

Das Kreisjugendamt Rosenheim nimmt nach eigenen Informationen seit Beginn der Corona-Pandemie eine steigende Nachfrage der Familien nach Unterstützung wahr. Ob Einelternfamilien dabei verstärkt betroffen sind, sei nicht feststellbar.

• Einelternfamilien können davon profitieren, dass sie bei Berufstätigkeit Anspruch auf eine Notbetreuung in der Kindertagesbetreuung haben. „Dagegen stellt sich das Homeschooling für Einelternfamilien oft als kaum lösbare Herausforderung dar“, sagt Kreisjugendamtsleiter Johannes Fischer.

• Das Jugendamt bietet ein breites Spektrum an Beratung und Hilfen – ambulant, teilstationär und stationär – an. Das Unterstützungsangebot ist gesetzlich geregelt. „Die Teilschließung von Kitas und Schulen erschweren aber auch dem Jugendamt die Arbeit“, räumt Fischer ein.

Mehr zum Thema

Kommentare