Der etwas andere Jahresrückblick

Bad Aibling 50 Jahre vor Corona: Das war alles los in der Stadt

Vor fünf Jahrzehnten wurde sein Bau beschlossen, heute ist es Geschichte. Das Bad Aiblinger Rathaus am Marienplatz, das im Jahr 2011 wieder einem Neubau weichen musste.
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Vor fünf Jahrzehnten wurde sein Bau beschlossen, heute ist es Geschichte. Das Bad Aiblinger Rathaus am Marienplatz, das im Jahr 2011 wieder einem Neubau weichen musste.

Unter all den üblichen Jahresrückblicken hat der Rückblick, den der Mangfall-Bote mit Bad Aiblings Altbürgermeister Dr. Werner Keitz ausübt, stets einen anderen Charakter. Wir blicken gemeinsam auf die Highlights vor 50 Jahren.

Von Dr. Werner Keitz

Bad Aibling – Zwei Themen beherrschten das kommunale Leben in Bad Aibling vor 50 Jahren: der Bau eines Rathauses in der Stadtmitte und das Jubiläum „125 Jahre Heilbad“. Eine heiße Auseinandersetzung kündigte sich für 1971 an: die im Zuge der Kreisgebietsreform drohende Auflösung des Landkreises Bad Aibling.

In der Nacht vom 29. auf den 30. Juni 1940 war das historische Rathaus der Stadt am Marienplatz einem letztlich nicht aufgeklärten Brand zum Opfer gefallen. Einig war man sich 30 Jahre danach, dass die Provisorien, das Notrathaus an der Rosenheimer Straße und die Unterbringung der Verwaltung im ehemaligen Kurhotel Theresienbad an der Bahnhofstraße, auf Dauer den Erfordernissen einer modernen Verwaltung nicht gerecht werden würden.

Grünes Licht nach zähem Ringen

Aber um die Ausgestaltung des vom damaligen Bürgermeister Hans Falter (SPD) stark favorisierten Projekts waren die Meinungen in Politik und Bürgerschaft durchaus geteilt. Im Mai kam es dann zum Schwure im Stadtrat, die Pläne des Münchener Architekten Deiß, die ein viergeschossiges Bauwerk mit rund 11 000 Kubikmeter umbauten Raumes vorsahen und in Lage und Stellung einen Neubau der Kreissparkasse und eine Neugestaltung des Marienplatzes berücksichtigten, wurden vom Stadtrat mit großer Mehrheit im Grundsatz gut geheißen und im Dezember endgültig verabschiedet.

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Die Gegnerschaft des auf vier Millionen Mark veranschlagten Projekts formulierte Stadtrat Anton Müller deutlich, er spricht von einem „Prachtbau“ und fordert eine Reduzierung bei Umfang und Kosten der Baumaßnahme. Eine erste Planung zum Neubau gab es übrigens bereits 1941, erstellt vom Münchener Architekten Kergl. Und ein Weiteres ist aus heutiger Sicht interessant: Man dachte an eine Tiefgarage, verwarf den Gedanken aber wieder. Die vorhandenen oberirdischen Pkw-Stellplätze in der Innenstadt erschienen ausreichend.

Närrische Herrscher übernehmen das Zepter

Das gesellschaftliche Leben der Stadt im Jahr 1970 begann der Tradition gemäß mit dem Krönungsball der Faschingsgilde im Kurhaus. Prinz Wiggerl von Milchhausen und Ihre Lieblichkeit Prinzessin Traudl von Kuranien, bürgerlich Ludwig Donbeck und Traudl Antretter, traten ihre närrische Herrschaft an.

Goldener Ehrenring für Martin Gärtner

Im Februar wurde dem langjährigen Bannerträger der Bayernpartei, Martin Gärtner, der Goldene Ehrenring verliehen. Gärtner hatte die Stadt am 1. Mai 1945 als führendes Mitglied der Befreiungsbewegung Bayern den amerikanischen Streitkräften übergeben und war am 2. Mai von der Militärverwaltung als Bürgermeister eingesetzt worden. Dem Aiblinger Stadtrat gehörte er seit 1948 an und war für eine Sitzungsperiode auch Mitglied des Bayerischen Landtags.

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Eine ernsthafte Zäsur gab es in der Politik. Die Orts- und Kreisverbände von Bayernpartei und FDP hatten sich aufgelöst, die Fraktionsgemeinschaft von CSU, FDP und BP im Stadtrat gehörte der Vergangenheit an. Im April konnte die Aiblinger Filiale der Bayerische Hypotheken- und Wechselbank ihr 50-jähriges Bestehen begehen.

Absage an ein Hallenschwimmbad

Ein weiteres Großprojekt beschäftigte den Stadtrat im Juni. Auf dem Gelände des Sportplatzes an der Jahnstraße soll die in die Jahre gekommene Jahnturnhalle um eine weitere Sporthalle entlastet werden. Auch ein Allwetterplatz ist Bestandteil der Planung. Ein Vorschlag der CSU, das Projekt als Kombination von Turnhalle und Hallenschwimmbad zu errichten, wurde aus Platz- und Kostengründen verworfen, die veranschlagten Baukosten wären von 890 000 auf 2,35 Millionen Mark gestiegen.

Abschied von den Englischen Fräulein

Mit dem Schuljahr beendeten die Englischen Fräulein nach 104 Jahren ihre Lehrtätigkeit an der Hofbergschule. Für die Ferien schlugen drei Frauen aus den Reihen des katholischen Frauenbundes Maßnahmen zur Ferienbetreuung vor. Das Anliegen fand im Stadtrat wohlwollende Aufnahme. Man gründete einen Arbeitsausschuss, die Sache verlief allerdings im Sande.

Hohen Besuch hat die Stadt im September und November, Käthe Strobel (SPD), Bundesministerin für Gesundheit, und Ministerpräsident Dr. Alfons Goppel (CSU) beehren das Heilbad. Und auch ans Sterben dachte man 1970. Im Nordosten des städtischen Friedhofs wurde eine Erweiterungsfläche für 256 Einzel- und 508 Doppelgräber vorbereitet.

Das Jahr 1970 in Zahlen

Die Stadt Bad Aibling hatte zu Beginn des Jahres 1970 ingesamt 8340 Einwohner, darunter 250 Ausländer. Beim Standesamt wurden bis Ende Dezember 64 Geburten und 122 Sterbefälle registriert. Beliebteste Vornamen waren bei den Buben Johann, Thomas und Josef, bei den Mädchen Maria, Andrea und Christine. Gering war die Lust zum Heiraten, nur 69 Brautpaare wagten 1970 den Schritt. Im Harthauser Schwimmbad wurden 35 148 Besucher gezählt.

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Der Haushalt der Stadt umfasste im ordentlichen Teil 10 148 770 Mark, im außerordentlichen Teil 1 638 600 Mark. Stark ansteigend waren dabei die Personalkosten, sie kletterten von 16 auf 24 Prozent und erreichten die beachtliche Summe von 3 597 410 Mark. Die Zahl der Kurgäste betrug 13 770. Sie lag damit um 2367 Personen oder 21 Prozent höher als im Vorjahr. Dementsprechend hatte auch die Zahl der Übernachtungen zugenommen. Sie stieg von 342 168 im Jahr 1969 auf 412 348.

Die großen Jubiläums-Feierlichkeiten

Im Juni überraschte Landrat Dr. Ferdinand Leis die Stadt Bad Aibling. Er übereignete als Geschenk des Landkreises zum Heilbadjubiläum einen Konzertflügel der Firma „Steinways & Sons“ im Werte von 20 000 Mark. Große Einigkeit herrschte in der Kommune, als es ums Feiern ging. Die Festlichkeiten zum 125-jährigen Bestehen des Moorbades Bad Aibling wurden am ersten Wochenende im Juli im Kurhaus mit der Aufführung der Operette „Wiener Blut“ durch das Tiroler Landestheater eingeleitet.

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Am Samstag wurde Dr. Joseph Schubert, langjähriger Kur- und Badearzt und Chefarzt des damals noch städtischen Krankenhauses seiner großen Verdienste um die Moortherapie wegen die Dr. Desiderius-Beck-Medaille vor 100 Ehrengästen aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft verliehen. Zum Höhepunkt der Festlichkeiten am Sonntag sah die Stadt Bad Aibling nach dem Festgottesdienst einen Festzug mit mehr als 600 Aktiven und zahlreichen Festwagen. 25 000 Menschen säumten die Straßen der Stadt, alle 8000 Festzeichen wurden verkauft.

Was die Kurgäste damals liebten und was sie störte

Die Kurverwaltung nahm das Heilbadjubiläum 1970 zum Anlass, eine groß angelegte Kurgastbefragung zu starten. Sie ergab, dass von 100 Personen 27 auf Grund von Empfehlungen durch Bekannte und elf auf Grund von Zeitungsinseraten nach Bad Aibling gekommen sind. Weiterhin besagte die Befragung, dass von 97 Gästen 52 zum ersten Mal nach Bad Aibling gekommen waren, 19 zum zweiten und acht zum dritten Mal, der Rest öfter. Darunter ein Gast, der zum 17. Mal im Kurort weilte. 79 Prozent der Badegäste waren auf ärztliche Verordnung hier, die übrigen aus eigenem Antrieb.

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Bei der Frage, was den Gästen am besten gefalle, stand der Kurpark an erster Stelle, es folgten die Heilkraft des Moores, das Kurhaus, die Umgebung, die Unterkunft, die Stadt, die Freundlichkeit der Bewohner, die ärztliche Betreuung, die Ruhe, die Veranstaltungen, die Konzerte, die Wanderwege, das Klima und schließlich die Berge. Bei den Beanstandungen stand der zu starke Verkehr an erster Stelle. Bürgermeister Hans Falter nahm dies zum Anlass, in einem Brandbrief an das Bayerische Staatsministerium des Inneren den Bau einer Umgehungsstraße zu fordern.

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