Nicht nur Kühe in Tuntenhausen lieben den "Astronaut" - einen Melkroboter

Kuh 1043 ist brünstig. Das hat nicht nur Landwirt Georg Bürgmayr beobachtet, sondern auch der „Lely Astronaut“ ausgerechnet und gemeldet.
  • vonKathrin Gerlach
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Was hat ein Astronaut auf bayerischen Bauernhöfen zu suchen? Und warum lieben ihn die Kühe so sehr? Das zeigt ein Blick in den Betrieb von Waltraud und Georg Bürgmayr in Frauenneuharting

Tuntenhausen – Der Computer weiß alles über Kuh 1043. „Sie ist viel aktiver als sonst – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie brünstig ist“, kommentiert Anton Brandhofer das Diagramm. Der 22-jährige Techniker für Landwirtschaft ist Experte für „Farm Management Systeme“ und betreut vom Lely Center Bayern in Tuntenhausen aus Landwirte im Süden Bayerns. „Schon vor 30 Jahren waren die ersten Melkroboter am Markt“, erklärt Georg Pfeilschifter, Geschäftsführer der Eder GmbH und Leiter des regionalen Lely Centers. „Damals gab es deutschlandweit etwa 20 Pioniere, die ihre konventionellen Melkstände gegen Roboter tauschten. Inzwischen werden 1600 Melkroboter pro Jahr installiert, davon allein in Bayern etwa 400. Und 2025 werden vermutlich 100 Prozent der melktechnischen Anlagen automatisiert sein. Schon jetzt sind wir bei 85 Prozent.“

Herdenmanager Anton Brandhofer und Jungbauer Georg Bürgmayer (von links) beim Fachsimpeln. Gerlach

Zeit für die Kuh und Zeit für sich selbst

Die Digitalisierung der Landwirtschaft schreitet voran. Automatische Fütterung und Reinigung, Melkroboter, intelligente Klimasysteme und sensorgestützte Tierüberwachung sind schon in der Praxis angekommen. Die neue Philosophie heißt „Zeit für die Kuh und Zeit für sich selbst“. Sie kann die Lebensqualität der Kühe und der Bauern verbessern. Einer, der den Landwirten dabei hilft, ihre Ställe und ihr Leben auf „freien Kuhverkehr“ umzurüsten, ist Anton Brandhofer. Gerade hat er die Installation eines Melkroboters in Frauenneuharting begleitet. Waltraud und Georg Bürgmayr investierten eine sechsstellige Summe in einen Melkroboter „Lely Astronaut“, um ihre Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen, denn Sohn Georg (22) wird den Familienbetrieb eines Tages weiterführen. Mitten in der Corona-Krise wurde der Laufstall für 75 Milchkühe umgerüstet. Ein aufwendiges Unterfangen, das nach zwei Monaten abgeschlossen war und nun Früchte trägt.

Fünf Tage lang parallel gearbeitet

„Wir haben fünf Tage lang parallel gearbeitet“, berichtet Waltraud (49): Die „alten“ Bauern am 30 Jahre alten Tandem-Melkstand. Jungbauer Georg und Techniker Anton am modernen Melkroboter und der dazugehörigen Computertechnik. Und die Kühe mit ihrem neuen Begleiter – dem Responder, den sie als Halsband tragen. „Sie werden mit Kraftfutter an das neue Melksystem gelockt“, erklärt Brandhofer die behutsame Eingewöhnungsphase. Während sie das Futter genießen, gewöhnen sie sich an die Geräusche des „Astronauten“. Dann der Tag der Umstellung: „Morgens wurden die Kühe nochmal konventionell gemolken, dann haben wir alle 75 Tiere an den Melkroboter geführt und den Computer mit der jeweiligen Transpondernummer, Euter- und Zitzenposition programmiert.“

Automatisch werden die Milchbecher angesetzt.

Das Ergebnis erstaunte alle

Es konnte losgehen. „Schon in der ersten Nacht war die Hälfte der Tiere freiwillig im Melkroboter“, erinnert sich Georg. Ein erstaunliches Ergebnis. Inzwischen wurde der alte Melkstand abgerissen und der „Astronaut“ am endgültigen Standort fest installiert. Nach drei Monaten ist er bei den Kühen unheimlich beliebt. Doch es ist nicht allein das Kraftfutter, das die Tiere anlockt. Sie genießen auch die Wellness beim Melken.

Die Kühe lieben ihren Roboter

Kaum sind sie in die geräumige Box gelaufen, fährt der Hybridarm von der Seite automatisch unter ihren Körper. Mit den gespeicherten Eutermaßen jeder Kuh und einer 3-D-Kamera nähern sich zwei Bürsten dem Euter und beginnen mit der Reinigung der Zitzen. Das sorgt nicht nur für bestmögliche Hygiene, sondern stimuliert auch den Milchfluss. Danach sucht der Roboter über ein Lasersystem die Zitzen, setzt die Milchbecher an und los geht‘s. „Jedes Viertel des Euters kann mit unterschiedlicher Pulsation gemolken werden“, erklärt Anton Brandhofer. Das ist möglich, da der Computer die Melkleistung pro Zitze registriert und auswertet. Doch nicht nur das. Auch die Futterration wird automatisch an die Melkleistung angepasst. Für viel Milch gibt es natürlich auch viel Futter. Gleichzeitig wertet die Management-Software „T4C – Time for Cow“ alle Daten der Milch aus: Farbe, Temperatur, Laktose-, Fett- und Eiweißgehalt geben Auskunft über die Qualität der Milch und die Gesundheit der Kuh.

Die Bürstenmassage – sauber und stimulierend.

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Nach Ende des Melkprozesses werden die Zitzen in ein Pflegeprodukt getaucht. „Das schließt die Poren, pflegt die Haut und verhindert damit Infektionen“, erklärt Herdenmanager Anton. Während die Kuh den Melkstand wieder verlässt, erfolgt die automatische Dampfreinigung der Anlage. Der Computer speichert und analysiert alle Daten und präsentiert sie als 24-Stunden- oder Wochenübersicht in einem Diagramm. „So erkennt der Landwirt sofort, wenn etwas nicht stimmt“, erklärt Brandhofer.

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„Trotzdem beobachten wir unsere Tiere natürlich auch selbst noch intensiv. Dafür haben wir jetzt sogar mehr Zeit“, beschreibt Waltraud Bürgmayr. Sie ist begeistert vom automatischen Melksystem. Neben dem Melkstand haben die Landwirte auch in einen Futteranschieberoboter investiert, der das Futter stündlich anschiebt. So bleibt die Kuh neugierig und in Bewegung.

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Die Bürgmayrs sparen jetzt Energiekosten und Zeit. „Wir sind viel flexibler, nicht mehr daran gebunden, Punkt 5 Uhr und wieder um 17 Uhr für mindestens zwei Stunden im Stall zu stehen“, beschreibt Waltraud Bürgmayr die neu gewonnene Freiheit. Die genießen auch die Tiere. Sie können zu ihrem Astronauten gehen, wann immer ihnen danach ist. Gemolken wird jetzt automatisch rund um die Uhr. „Trotzdem ist mehr Ruhe im Stall, die Herde ist entspannter“, beschreibt die Landwirtin. Die Kühe entscheiden, wann sie fressen, trinken, ruhen oder gemolken werden wollen.

Der „Astronaut“ gehört jetzt zur Herde

Sie haben den „Neuen“ aufgenommen und besuchen ihn etwa fünfmal am Tag. Mindestens alle zehn, höchstens aber alle sechs Stunden erlaubt ihnen der „Astronaut“ einen Ausflug in die digitale Welt des Melkens. Und sollte er dabei bemerken, dass Kuh 1043 nicht mehr nur brünstig ist, sondern ihren Eisprung hat, kann der Landwirt den „Bullen vom Dienst“ anrufen.

BBV: Melkroboter als echter Fortschritt in der Arbeitsqualität

Die Melkroboter-Technik verbreitet sich auch hier in der Region immer mehr, weiß der stellvertretende BBV-Kreisobmann Klaus Gschwendtner. Sowohl der in diesem Bericht vorgestellte „Lely Astronaut“ als auch andere Modelle und Fabrikate seien absolut praxisreif und und bedeuteten einen echten Fortschritt in der Arbeitsqualität in den Betrieben. Auch für die Kühe sieht er Vorteile: Sie können einfach selber zum Melken gehen, wenn sie es wollen. Vor der Anschaffung gelte es aber in der Regel, genau hinzuschauen, zu welchem Betrieb solch eine Anlage passt und ob sich diese aus betriebswirtschaflicher Sicht rechne. „Vor allem aber bedarf es eines sehr großen Technikverständnisses, um sie zu bedienen“, so Gschwendtner.

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