Arbeit für den Kompost: Gärtnereien im Mangfalltal müssen Tausende Frühblüher vernichten

Tausendschön oder tausendfacher Verlust? Die Gärtnereien im Mangfalltal müssen zigtausende Pflanzen vernichten, wenn sie nicht auf die Positivliste der Bayerischen Staatsregierung genommen werden und wieder verkaufen dürfen. Markl

Die Gärtnereien im Mangfalltal stehen vor riesigen Verlusten. Im Frühjahr machen sie etwa 80 Prozent ihres Jahresumsatzes. Zigtausende Frühblüher sind in ihren Gewächshäusern erblüht. Doch sie dürfen nicht verkaufen. Die einzige Lösung: Auch Gärtnereien werden auf die Positivliste gesetzt.

Von Kathrin Gerlach

Tuntenhausen / Kolbermoor / Bad Feilnbach – Die Gärtnereien im Mangfalltal stehen vor riesigen Verlusten. Im Frühjahr machen sie etwa 80 Prozent ihres Jahresumsatzes. Zigtausende Frühblüher sind in ihren Gewächshäusern erblüht.

Trotz Corona: Es ist Pflanzzeit

Jetzt ist Pflanzzeit, müssen Tausendschönchen, Primeln, Veilchen, Ranunkeln, Schlüsselblumen, Goldlack, Margeriten oder Vergissmeinnicht in die Erde. Doch die Gärtner dürfen nicht verkaufen. Gartencenter, Baumärkte und Blumenläden mussten schließen. Die Lieferketten sind eingebrochen.

Extreme Situation für die Betriebe

Zigtausende Pflanzen werden auf dem Kompost landen, wenn die Gärtnereien nicht auf die Positivliste der Bayerischen Staatsregierung gesetzt werden. „Diese Situation ist für uns extrem schwierig“, erläutert Wolfgang Markl. In seiner Gärtnerei in Mailling in der Gemeinde Tuntenhausen stehen 100 000 Pflanzen.

Lieferketten sind eingebrochen

„Da wir als Großhandelsbetrieb fast ausschließlich Blumenläden und Gartencenter beliefern, fällt unser kompletter Absatz weg.“ Keiner der circa 200 Kunden der Gärtnerei Markl nimmt derzeit Pflanzen ab. Doch die lassen sich nicht konservieren.

100 000 Pflanzen umsonst produziert

„Wenn nicht noch ein Wunder passiert, werden wir sie kompostieren müssen“, so Markl. Denn die Pflanzen verderben, und auch die Fläche in den Gewächshäusern wird gebraucht, um die Sommerpflanzen zu kultivieren.

Verluste von 95 Prozent

Markl hat einen Online-Handel aufgebaut, um wenigstens einige seiner Pflanzen retten zu können. Der Umsatz: Fünf Prozent von dem einer coronafreien Woche. Der Verlust: 95 Prozent. Die Hoffnung: „Wenn zumindest ab Ende April oder Anfang Mai die Blumenläden wieder öffnen dürften, könnten wir unsere Beet- und Balkonpflanzen noch verkaufen.“

Gärtner produzieren in Vorleistung

Die Gärtner produzieren mit Vorlauf. Viele der derzeit zum Verkauf anstehenden Produkte werden schon im Sommer des Vorjahres bestellt, im Herbst oder Winter als Samen, Steckling oder Jungpflanze in die Produktion genommen und dann im Frühjahr des kommenden Jahres verkauft.

Jetzt müssten die Einnahmen kommen

„Nach diesen Vorleistungen müssten jetzt die Einnahmen kommen“, erklärt Thomas Nikel. Seine Ostermünchener Familiengärtnerei setzt auf persönliche Beratung direkt an den Kulturflächen. „Das Auge soll schließlich mitkaufen“, sagt Nikel. Ist sein Parkplatz sonst voll, ist er nun der Einzige, der noch unterwegs ist. „Wir liefern! Bleiben Sie daheim!“, steht auf der Internetseite der Gärtnerei.

„Wir liefern, bleiben Sie daheim“

Die Kunden bestellen telefonisch. „Ich stelle ihnen dann den Karton mit Pflanzen vor die Tür“, ist er unglücklich über diesen „kontaktlosen“ Verkauf, doch: „Die Gesundheit geht vor. Wichtig ist, dass wir überleben.“

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Fast alle Gärtnereien im Mangfalltal informieren über ihre Internetseiten darüber, ob in welcher Form sie weiterhin für ihre Kunden da sind, ob sie liefern oder welche Angebote und Services sie haben.

Schon seit vier Jahren ist die Bad Feilnbacher Gärtnerei Anna Angermaier im Online-Handel aktiv. Dass sie Spezialkulturen anbaut, rettet sie auch in der Corona-Krise. „Wir haben die größte Pelargonien-Sammlung Deutschlands und versenden unsere Pakete europaweit“, beschreibt sie das Verkaufsmodell. Trotzdem hat auch sie Verluste. „Meine Frühblüher werde ich entsorgen müssen, aber vielen meiner Kollegen geht es viel schlechter als mir.“

Friedhofsgärtnerei ist noch erlaubt

Josef Kefer zum Beispiel, der die Gärtnerei in Kolbermoor und den Blumenladen in Bad Aibling schließen musste. Etwa 30 000 Pflanzen hat er für den Kompost kultiviert, wenn sich an der Situation nichts ändert. „Wenigstens dürfen wir Pflanzen noch direkt ans Grab liefern oder die Gräber bepflanzen“, informiert er. Doch die Friedhofsgärtnerei ist nur ein Bruchteil des Geschäftes.

Bestellung per Telefon

Der Verkauf von Schnittblumen, Hochzeitssträußen oder Trauergebinden ist komplett eingebrochen. Auch die Gärtnerei Kefer versucht nun, über telefonische Bestellungen wenigstens einen Teil ihrer Pflanzen zu retten.

Gibt es doch neue Regelungen?

Am Freitag flatterten den Gärtnereien die neuesten Informationen des Bayerischen Gärtnerei-Verbandes ins E-Mail-Postfach: Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit habe festgestellt, dass Gärtnereien jetzt eine Art „Vertrauenskasse“ aufbauen könnten.

Verkauf über Vertrauenskasse

Das würde bedeuten, dass der Gärtner seine Pflanzenpalletten vor der Gärtnerei aufbaut, der Kunde sich seine Produkte nimmt und das Geld auf Vertrauensbasis in einer dort aufgestellten Kasse hinterlässt. So wie man es vom Kürbisverkauf am Feldrand kennt.

Kontaktloser Verkauf

„Das wäre schon ein Modell, das ich mir vorstellen könnte“, sagt Wolfgang Markl. Für die Gärtner wäre das ein kontaktloser Verkauf. Stellt sich nur die Frage nach der Eigenverantwortung der Kunden. „Bei uns ginge das wahrscheinlich gar nicht, weil wir direkt aus den Kulturen heraus verkaufen“, schränkt Thomas Nikel ein und fragt: „Wie ist es dann eigentlich mit der Bonpflicht, die seit Januar gilt?“

Trotz Genehmigung angezeigt

Josef Kefer hat mit dem Verkauf auf Vertrauensbasis schon seine Erfahrungen gemacht. „Diese Idee hatte ich schon vor einer Woche“, berichtet er. Auf Nachfrage erhielt er die Genehmigung des Landratsamtes, auf seinem Parkplatz einen Selbstbedienungsverkauf einzurichten.

Am Mittwoch war Verkaufstag. Die Kunden kamen. Nach wenigen Stunden auch die Polizei. „Ich wurde angezeigt. Daraufhin hat das Landratsamt seine Genehmigung wieder zurückgezogen“, ist Kefer entrüstet.

Supermärkte dürfen Pflanzen verkaufen

Die Verunsicherung ist groß. Während die Gärtnereien nicht verkaufen dürfen, werden in den Supermärkten und an Tankstellen nach wie vor Schnittblumen und Pflanzen gehandelt. Die könnten den regionalen Gärtnereien jetzt unter die Arme greifen und ihre Pflanzen abnehmen. „Aber die haben ihre eigenen gewachsenen Strukturen, ihre eigenen Händler. Ich habe schon nachgefragt“, ist Josef Kefer enttäuscht.

Gärtnereien drängen auf Positivliste

Hermann Berchtenbreiter, der Vizepräsident des Bayerischen Gärtnerei-Verbandes, hat sich mit einem dringenden Appell an das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gewandt. Darin schildert er die existenzbedrohende Lage der Gärtnereien und appelliert: „Wir Gärtner erwarten, dass wir Anfang April mit der beginnenden Pflanzzeit wieder öffnen dürfen, dass wir mit auf die Positivliste genommen werden.“ Eine Entscheidung dazu gab es zu Redaktionsschluss noch nicht.

Gemüsepflanzen dürfen auf Wochenmärkten verkauft werden

Bleiben vorerst nur Telefon-Handel und Wochenmärkte. „Über die entscheidet jede Kommune in Eigenverantwortung“, weiß Anna Angermaier, die in Miesbach wenigstens ihre Gemüsepflanzen und Kräuter verkaufen darf, denn sie gehören zu den „der Ernährung dienenden Produkten“.

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