Bad Aiblings Bürgermeister Felix Schwaller hört auf: "Das Zugunglück war die dunkelste Stunde"

Auf Wiedersehen:Am 30. April radelt Bürgermeister Felix Schwaller in den Ruhestand. Baumann/Archiv
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Auf Wiedersehen:Am 30. April radelt Bürgermeister Felix Schwaller in den Ruhestand. Baumann/Archiv
  • Eva Lagler
    vonEva Lagler
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Bad Aibling – 36 Jahre Kommunalpolitik in Bad Aibling, davon 18 Jahre Erster Bürgermeister: Für die Stadt und Felix Schwaller geht am 30. April eine bewegte Ära zu Ende. Die OVB-Heimatzeitungen haben mit ihm über Erfolgsgeschichten aber auch Schwierigkeiten im Amt gesprochen.

Herr Schwaller, wie fühlen Sie sich so kurz vor Ende Ihrer Amtszeit und dem Eintritt in den Ruhestand? Was geht Ihnen durch den Kopf?

Felix Schwaller: Was ist noch zu erledigen, gibt es etwas, das ich meinem Nachfolger mitteilen muss, werden die Verwaltung und der Stadtrat von weiteren Fällen des Corona-Virus verschont, und vieles, vieles mehr.

Gab es etwas, das Ihre Amtszeit besonders geprägt hat?

Schwaller: In besonderen Situationen viel ausgleichen und Streit schlichten – oder noch besser, den Streit im Voraus vermeiden. Empfindlich und nachtragend darf ein Bürgermeister nicht sein! Dazu kommen Toleranz und Verständnis gegenüber den einzelnen Menschen, den Gruppen, den Nationalitäten und Kirchen.

Welches waren die Meilensteine in den vergangenen zwei Jahrzehnten?

Schwaller: Den Kurhausstreit beenden, die Therme mit Sauna errichten, den Gewerbepark Markfeld entwickeln, das US-Areal beziehungsweise das B&O-Gelände planen und entwickeln, das Einstiegskonzept Verkehr mit Beruhigung der Innenstadt umsetzen, das Verwaltungsgebäude am Klafferer erwerben und sanieren, das Rathaus am Marienplatz modern und bürgerfreundlich bauen, das „Aiblinger Modell“ im Baugebiet Harthausen Ost und Ellmosener Wies auf den Weg bringen, ausreichend Kitas bereitstellen – um nur einige Punkte zu nennen.

Wie würden Sie in wenigen Sätzen die Entwicklung Bad Aiblings in dieser Zeit beschreiben?

Schwaller: Das Image der Stadt hat sich wesentlich verbessert. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft ist sehr gut, auch was die Vereine, Kirchen und vieles mehr betrifft. Die Steuerkraft hat sich positiv entwickelt. Die Stadt ist ein Stück moderner geworden. Die Stadtwerke sind sehr gut aufgestellt. Der Gesundheitsbetrieb mit Kurbetrieb hat sich nach vorne entwickelt. Die Kinderbetreuungseinrichtungen sind nach Meinung der Träger bei Personal und vom Standard her hervorragend ausgestattet. Eigentlich ist die Stadt auf allen Gebieten gut aufgestellt – beim Gewerbe, beim Wohnungsbau und auch was die Schulen betrifft. Es folgt nun der Neubau der St.-Georg-Grund- und Mittelschule.

Welche Momente bleiben Ihnen besonders positiv in Erinnerung?

Schwaller: Als ich mit Anton Kathrein beim ADAC-Galaabend im Bayerischen Hof bei mehreren Gläsern Rotwein eine bleibende Freundschaft geschlossen habe. Die Arbeit mit Stefan Behnisch und seinen Architekten Robert Hösle und Frau Effi Schneider. Die Menschen im Kreis Migration, die sich in schwierigen Zeiten für andere Menschen engagierten, ohne zu lamentieren und lange zu fragen, und auch heute noch die Aufgaben des Staates übernehmen. Wertvolle Erinnerungen habe ich auch im Zusammenhang mit der Verwaltung, mit dem Stadtrat, mit den Vereinen und mit den Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt.

Was waren die schwersten Momente, die schwierigsten Entscheidungen, was die größten Herausforderungen?

Schwaller: Das Zugunglück am 9. Februar 2016 war sicher die dunkelste Stunde. Aber es war auch unglaublich, wie hier die die Rettungskette gegriffen hat und was die Einsatzkräfte alles geleistet haben. Zu den schwierigsten Entscheidungen beziehungsweise Herausforderungen zählte sicher die Entwicklung des ehemaligen US-Areals trotz heftigster Widerstände, und auch als der BND die Schutzgebietsverordnung änderte und einige Unternehmer auf dem Gewerbepark Markfeld Panik bekamen. Auch der Neubau des Rathauses mit Umbau der Stadtmitte war eine große Herausforderung aufgrund der damals schwierigen Haushaltslage im Nachgang zur Finanzkrise.

Gibt es etwas, was Sie im Nachhinein anders gemacht hätten?

Schwaller: Ich sinniere oft darüber, ob beim Kellerbergareal mit dem Ludwigsbad eine andere Weichenstellung für die Stadt Erfolg gehabt hätte. Selbst nach 15 Jahren habe ich keine Antwort gefunden. Eine Lösung wäre nur über geordnete Eigentumsverhältnisse möglich gewesen. Aber genau das war in meiner Amtszeit nicht mehr möglich.

Wofür steht in Ihren Augen Bad Aibling heute?

Schwaller: Als eine Stadt, die auf allen Gebieten gut aufgestellt ist. Die Stadt Bad Aibling hat mit ihrer Therme ein sehr gutes Image, und das weit über ihre Grenzen hinaus. Ich sehe Bad Aibling als moderne Stadt, die mit der Innenstadt und dem Rathaus den Sprung in das 21. Jahrhundert geschafft hat. Eine Musterstadt steht auf dem B&O- Gelände – hier ist alles vertreten, Tourismus, Kitas, Bildungshaus, fünf Privatschulen, eine integrative Waldorfeinrichtung, die Raphaelschule, Technologiepark, Sportpark und anderes mehr. Bad Aibling ist eine Stadt mit einer guten Steuerkraft, mit bester Wasserversorgung und vielem mehr. Eine Stadt mit einer reichhaltigen Geschichte und einer vielversprechenden Zukunft, trotz Corona. Eine Stadt mit einem vielfältigen kulturellen Angebot und zugleich einem hohen kulturellen Niveau.

Ihren Abschied haben Sie sich sicher anders vorgestellt – und dann kam Corona...

Schwaller:Es mag sich verwunderlich anhören. Aber ich hatte irgendwie eine Vorahnung. Ich hatte in der Vergangenheit ein paarmal einen Traum, in dem ich am Ende der Amtszeit ganz allein am Marienplatz stehe und mich frage: Wo sind denn alle? Und am zweiten Wahlsonntag, am 29. März, da war es dann tatsächlich so.

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Auch wenn es kein Drehbuch und kein Rezept gibt – was halten Sie für wichtig, damit Bad Aibling die Corona-Krise meistern kann?

Schwaller: Keine Panik bekommen oder in Aktionismus verfallen, sondern alle einzelnen Sparten und Fachbereiche ordnen, die Familien unterstützen, soweit die Stadt Zugriff und die Möglichkeit hat, den Unternehmern helfen und zusammenstehen. Gott sei Dank ist die Stadtkasse gefüllt – was nicht heißt, dass wir das Geld einfach ausgeben können, aber in unserem Aufgabengebiet müssen und sollen wir uns mit unseren Bürgern solidarisch erklären. Wirtschaft ist Psychologie, und dieses Gefühl der Verbundenheit müssen wir jetzt leben. Die Stadt ist nicht die Verwaltung oder der Stadtrat, sondern die Bürgerinnen und Bürger. Sie haben die Steuern erwirtschaftet und deshalb steht ihnen in der jetzigen Situation ein Teil davon wieder zu.

Felix Schwaller als Vereinsmensch und Privatmann Was werden Sie als Vereinsmensch und Privatmann nun im Ruhestand machen? Worauf freuen Sie sich? Wo wird man Sie auch künftig sehen?

Schwaller: Einige Aufgaben bleiben mir auch für die nächsten Jahre. Abgesehen von rein privaten und familiären Vorhaben habe ich – wenn das wieder möglich sein wird – mit meiner Frau Zeit, um zum Beispiel die Klassikkonzerte im Kurhaus zu besuchen und weitere kulturelle Veranstaltungen, die bisher zu kurz gekommen sind. Aber natürlich, wenn wieder die Möglichkeit besteht, auch gesellschaftliche Veranstaltungen, Volksfeste, Vereinsfeste und kirchliche Feste, allerdings nicht mehr mit dem Zwang, immer in der ersten Reihe zu sitzen und bis zum Schluss zu bleiben.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Stephan Schlier? Gibt es etwas, was Sie ihm mit auf den Weg geben wollen?

Schwaller: Ausgleichen, Streit verhindern, zuhören, wenn es auch manchmal nervt. Nicht empfindlich sein oder gar persönlich nehmen, Verständnis für die Bürger haben, die sich über Verwaltung und Stadtrat beschweren, denn ich kann die Bürger ja größtenteils verstehen.

Werden Sie die Kommunalpolitik in Bad Aibling vermissen?

Schwaller: Ich glaube nicht, weil ich genug habe. 18 Jahre Erster Bürgermeister und 18 Jahre Stadtrat beziehungsweise. Zweiter Bürgermeister reichen. Ich habe von Anfang an fast an allen Sitzungen des Stadtrates teilgenommen. Wenn ich alle Sitzungen der Stadt mit denen in den Aufsichtsratsgremien der Stadt zusammenrechne, komme ich auf circa 2000 Sitzungen.

Was werden Sie vermissen?

Schwaller:Schwierige und lang anhaltende Vertragsverhandlungen – das habe ich sehr gern gemacht, da war ich oft regelrecht euphorisiert. Ich weiß jetzt schon, dass mir das fehlen wird. Dazu der Umgang mit Menschen, die selbstlos tätig sind. Die Möglichkeit, Menschen zu helfen, die in wirtschaftliche oder soziale Notlage geraten sind. Das Zusammenführen von Menschen unterschiedlicher Interessen und Anschauungen. Das Entwickeln von komplexen Sachverhalten. Und zu guter Letzt: den Haushalt der Stadt und die Bilanzen der Stadtwerke mit Aib Therm GmbH und GWBA GmbH, einschließlich Aib Kur GmbH und Aib Kur GmbH & Co KG – ein Arbeitsfeld, bei dem ich in 36 Jahren schon alle Besonderheiten, Irrungen und Verwirrungen erlebt habe und festgestellt habe, dass sich eigentlich keiner uneingeschränkt auskennt, weder Rechtsaufsichtsbehörde noch der Kommunale Prüfungsverband.

Und was werden Sie sicher nicht vermissen?

Schwaller:Die Sitzungen des Stadtrates. Wobei ich genau diese bis zum Schluss gerne geleitet habe!

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