Gestiegene Nachfrage

„Aiblinger Zockerbande“ zeigt, wie’s geht: Brettspiel-Treffen in Corona-Zeiten

Nils Kruse (rechts), Klaus Zeidner und Bill Hoffmann spielen unter Wahrung der Distanz das analoge Spiel „Lewis & Clark“ in seiner digitalen Umsetzung.
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Nils Kruse (rechts), Klaus Zeidner und Bill Hoffmann spielen unter Wahrung der Distanz das analoge Spiel „Lewis & Clark“ in seiner digitalen Umsetzung.

Brettspiele boomen im Corona-Jahr wie selten zuvor. Doch was tun, wenn sich die Mitspieler im Lockdown nicht persönlich treffen dürfen? Die Brettspielgruppe „Aiblinger Zockerbande“ macht’s vor, wie sich die Distanz überbrücken lässt.

Bad Aibling – In dieser geruhsamen Zeit „zwischen den Jahren“ wird sich oft an eine Gemeinschaft rund um ein Spielbrett erinnert und im Kreis der Lieben gerne umgesetzt. Diese zeitliche Befristung lässt die Brettspielgruppe „Aiblinger Zockerbande“ für sich nicht gelten. Dort wird das ganze Jahr durch das Gesellschaftsspiel unter Gleichgesinnten regelmäßig zelebriert.

Seit 2007 wird der Leidenschaft gefrönt

Die Interessengemeinschaft existiert seit dem Jahr 2007 und wird von Nils Kruse geführt. Zehn Jahre lang gab es einen öffentlichen, regelmäßigen Treff in der Cafeteria der „Ghersburg“ in Bad Aibling. Zudem wird im Juni eine Spieler-Freizeit im Selbstversorgerhaus Thalhäusl (Gemeinde Fischbachau) mit 80 Teilnehmern ausgerichtet.

Regelmäßige Treffen

Seit 2018 wurden die regelmäßigen Treffen eher wie in einem Club im privaten Rahmen fortgesetzt. Gegenwärtig sind es circa 20 Interessenten und vor Corona-Zeiten hatten die regelmäßigen Treffen ein Dutzend Teilnehmer.

Aber Covid-19 hat dem Gesellschaftsspiel kein Bein stellen können – ganz im Gegenteil. Die gegenwärtigen Verhältnisse ermöglichen Zeit im Überfluss und steigern den Sinn nach Gemeinschaft. Nils Kruse, der über ein Ohr für die Branche und die analoge Spielewelt verfügt, berichtet von einer stark erhöhten Nachfrage um circa 20 Prozent. Die Hersteller seien gegenwärtig nicht in der Lage, die Produktion der Spiele den Bedürfnissen anzupassen. Viele geplante, angekündigte Neuheiten würden sich terminlich verzögern, weil es an Fertigungskapazitäten fehle.

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Die Clubmitglieder der „Zockerbande“ haben persönliche Spielabende seither nur noch in einzelnen Haushalten abgehalten. Nils Kruse hat seit Februar mit einzelnen Freunden gerade noch vier Spielrunden auf der sommerlichen Terrasse durchgeführt. Aber seiner Brettspielfreude hat er in der Zeit dreimal so viel gefrönt wie vor Covid-19. Zunächst wurde in der Hausgemeinschaft öfters ein Spiel auf den Tisch gelegt. Und die Gemeinschaft der „Zockerbande“ verlagerte ihre Aktivitäten in die virtuelle Welt und nutzte Skype für Videokonferenzen beim geliebten Gesellschaftsspiel zum Austausch der wichtigen Emotionen während der Partie. Sie haben auf diesem Weg weiterhin ihrem Ärger und ihrer Freude während der Partie unter der Anteilnahme der Mitspieler Luft machen können.

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Was sind virtuelle Gesellschaftsspiele? Die stellen sich ganz unterschiedlich dar, berichtet Kruse. Für die Gruppe ist die virtuelle Umsetzung der Brettspiele als App für das Smartphone/Tablett weniger interessant. Da werde oft angeboten, sich solitär mit einer künstlichen Intelligenz zu messen. Die Zockerbande wollte aber gerne weiterhin Emotionen teilend ihre Brettspiele durchführen.

Zunächst wurde nur Skype genutzt, um das angefangene Kampagnenspiel „Detective“ zu beenden. Hier gilt es einer Reihe von Kriminalfällen zu folgen und diese ermittelnd zu lösen. Die Spielkarten wurden in den Skype-Chat eingelesen, über Video wurde gemeinsam besprochen, welchen Hinweisen und Spuren man folgt. Dieser Aufwand, das Spielmaterial zu teilen, hielt sich in Grenzen.

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Aber im Internet kann man, so Kruse, ganz unterschiedliche Plattformen finden, die Brettspiele in digitalisierter Form zur Nutzung – oft kostenlos – bereitstellen. Der Verlag des Spiels „Codenames“ (2016 Spiel des Jahres) hat eine eigene Seite zum freien Gebrauch erstellt. Daneben gibt es Angebote mit einer Vielzahl von lizensierten Spieletiteln. Die Seite „Tabletopia“ lässt sogar zu, selbstgestaltete Brettspiele zur gemeinsamen virtuellen Nutzung zu verwenden. Hier bedient man das Spielmaterial frei und muss alles selbst verwalten.

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103 Spiele in 572 Partien ausgetestet

Größere Akzeptanz unter den Brettspielern erfahren Seiten wie die „Boardgame Arena“ und „Yucata“. Die Brettspiele sind programmiert und es sind nur Aktionen im Rahmen der Spielregeln möglich. Der ganze Spielablauf drumherum wird automatisch verwaltet. Es zählen nur die Entscheidungen der Mitspieler und die über Videochat in der Runde geteilten Emotionen.

Plötzlich fünfmal so viele Nutzer

Während der Lockdowns erfuhren diese Spieleseiten rasend schnell regen Zulauf. Im April verfünffachte sich die internationale Nutzung, sodass die Kapazitäten der Seiten öfters in die Knie gezwungen wurden – bei teilweise 20 000 Spielern gleichzeitig, weiß Kruse. Dieses Problems hätten sich die Seitenbetreiber aber mit leistungssteigernden Maßnahmen angenommen.

Vor Corona fand sich die Zockerbande alle zwei Wochen zu einem lokalen Treffen ein, so sind es nun gegenwärtig zwei virtuelle Treffen in der Woche. Nils Kruse räumt aber ein, dass auch fast jeden übrigen Tag der Woche ein Spiel den Weg auf den Tisch findet. Er ist eben ein Freund der analogen Unterhaltung.

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