Am Aiblinger Bahnhof: Zivilcourage mit Prügeln „vergolten“

Direkt aus der Haftanstaltwurde einer der beiden Angeklagten vor das Schöffengericht gebracht. dpa
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Direkt aus der Haftanstaltwurde einer der beiden Angeklagten vor das Schöffengericht gebracht. dpa

Weil sie am Bahnhof in Bad Aibling mehrere Menschen verprügelt haben, mussten sich ein Serbe und ein Pole jetzt vor dem Schöffengericht in Rosenheim verantworten. Sie kamen nicht als unbescholtene Bürger, sondern mit mehreren Vorstrafen wegen Drogendelikten und Körperverletzungen.

Bad Aibling – Es ist der 10. September 2018, 18.15 Uhr. Vier Männer haben sich am Bahnhof Bad Aibling verabredet: ein arbeitsloser Serbe (25), dessen Bruder, ein Pole (35) und ein vermeintlicher Schuldner. Um Letzteren soll es an diesem Abend gehen, und die Frage geklärt werden, wie er seine Außenstände zu begleichen gedenkt.

Niedergeschlagen und weiter verprügelt

Zu einem sachlichen Gespräch aber kommt es erst gar nicht. Der Schuldner wird niedergeschlagen und am Boden liegend weiter verprügelt. Auch dafür müssen sich die Schläger nun vor dem Schöffengericht in Rosenheim verantworten: Einer von ihnen ist flüchtig. Und so sitzen nur zwei auf der Anklagebank: Der 25-jährige Serbe und der 35-jährige Pole. Als Zeugen sind zwei couragierte Männer geladen, die die Schlägerei beobachteten und unterbinden wollten und dadurch selbst zu Opfern wurden.

Mit Faustschlag das Nasenbein gebrochen

Der erste Zeuge – ein 57-jähriger Prozesstechniker – berichtet vor dem Schöffengericht, dass die Angeklagten unmittelbar auf sie beide losgegangen wären. Ihm persönlich seien dabei durch einen Faustschlag das Nasenbein gebrochen und Prellungen zugefügt worden. Erst als andere Passanten hinzukamen, hätten die beiden Angeklagten von ihnen abgelassen und seien geflüchtet.

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Der zweite Streitschlichter – ein Rentner – beschreibt vor Gericht, dass die Schläger zu dritt über ihn und den 57-Jährigen hergefallen seien. Er sei zu Boden geschlagen und mit Fußtritten malträtiert worden. Von der schweren Gehirnerschütterung, die er erlitten habe, seien noch immer Sehstörungen zurückgeblieben.

Zeugin hielt Vorfall mit Smartphone fest

Die Angeklagten waren umfassend geständig. Die Schlägerei zu leugnen, wäre auch zwecklos gewesen, denn eine Zeugin hatte mit ihrem Smartphone alles aufgenommen. Das Video wurde im Gerichtssaal gezeigt. Sowohl der Serbe als auch der Pole hatten bereits vor besagter Schlägerei eine beachtliche Zahl an Vorstrafen – wegen Drogendelikten und Körperverletzungen. Der Pole kam direkt aus der Haft auf die Anklagebank und wird nun noch weitere 33 Monate im Maßregelvollzug verbringen. Da er drogen- und alkoholabhängig ist, war er schon in einem vorhergehenden Verfahren zu einer Therapie in der Justizvollzugsanstalt verurteilt worden.

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Der arbeitslose Serbe berichtete, dass er demnächst wieder eine Arbeitsstelle antreten könne. Zudem behauptete er, im Gegensatz zu den anderen Beteiligten nur einmal zugeschlagen zu haben.

Der Staatsanwalt erkannte bei beiden Angeklagten eine hohe Rückfallgeschwindigkeit, mit der diese nach rechtskräftigen Verurteilungen neuerliche Verbrechen begingen. Für den 25-jährigen Serben beantragte er eine Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten, die noch zur Bewährung ausgesetzt werden könnte. Allerdings solle er – bis er tatsächlich eine ordentliche Arbeit antrete – mit einer gemeinnützigen Arbeit belegt werden.

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Rechtsanwalt Axel Kampf, der Verteidiger des Serben, stimmte dem Staatsanwalt in der Sache zu, wollte es aber bei einer Strafe von zehn Monaten mit Bewährung bewenden lassen.

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Bei dem 35-jährigen Polen, der sich derzeit in Haft befindet, musste die in anderen Urteilen bereits verhängte Strafe in das neue Strafmaß mit einbezogen werden. So beantragte der Vertreter der Staatsanwaltschaft eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten. Eine Aussetzung zur Bewährung kommt bei dieser Strafhöhe nicht in Betracht. Rechtsanwalt Dr. Timo Westermann, der Vertreter des Polen, verwies darauf, dass sein Mandant mit Hilfe der Therapie nun auf einem besseren Weg sei. Zwei Jahre und neun Monate Gesamtstrafe hielt er für ausreichend.

Das Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richter Wolfgang Fiedler verhängte für den Polen eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Den Serben belegte es mit einer Haftstrafe von 15 Monaten und unterstellte ihn der Aufsicht eines Bewährungshelfers.

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