Bad Aibling: Helfer stellen fest: Bedarf an Gesprächen wächst

Das Telefon und der Blick aus dem Fenster ist für manche im Moment der einzige Kontakt zur Außenwelt. dpa

Die Einsamkeit vieler von der Corona-Krise besonders betroffenen Menschen wird mehr und mehr zum Thema.

Von Eva Lagler

Bad Aibling– Seit den Anfängen der Corona-Krise in der Region gibt es schon die Bad Aiblinger Helfer-Aktion „Brot und Rosen“, die all jene Menschen unterstützt, die während der Pandemie ihr Haus nicht verlassen können oder dürfen. Im Laufe der Wochen hat sich eines herausgestellt: Es geht nicht nur um die Versorgung mit den Dingen des täglichen Bedarfs. Sondern auch um etwas, das man bisher gar nicht in dieser Form „auf dem Schirm“ gehabt habe.

„Viele sehnen sich nach Zuwendung“

„Gerade die Menschen, die allein leben, sehnen sich nach menschlicher Zuwendung, nach Gesprächen, nach jemandem, er ihnen auch zuhört“, haben er und sein Helferteam festgestellt. „Die Krise dauert an, und nu kommen auch die psychischen Begleiterscheinungen. Auch darauf zu reagieren, ist eine Aufgabe, die erst entdeckt werden musste.“

Das bestätigt auch Bettina Kuba, die zusammen mit Anton Betzl und Christa Dürig die Hilfsdienste koordiniert. „Dabei sagen uns die Anrufer meist gar nicht, dass sie einsam sind. Manche wollen einfach erst einmal reden. Oder bieten ihrerseits Hilfe an, obwohl sie eigentlich selbst zur Risikogruppe gehören, und über das Gespräch zeichnet sich dann ab, dass sie selber Hilfe brauchen. Es scheint vielfach immer noch eine Hemmschwelle da zu sein, Hilfe anzunehmen.“

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Doch genau dafür sei die Aktion gedacht. Rund 100 Bad Aiblinger haben sich gemeldet und ihre ehrenamtlichen Dienste angeboten. Ihnen gegenüber stehen 23 Bürger, die diese in Anspruch nehmen. Pfarrer Merz findet: „Es ist doch ein gutes Gefühl, zu wissen, dass ein Netz gespannt ist, wenn ich es brauche.“ Manche ältere Person habe ihm schon am Telefon gesagt oder geschrieben: „Ich komme zur Zeit noch gut zurecht. Doch ich bin einfach froh, dass ich weiß, wo ich anrufen muss, wenn ich etwas brauchen sollte.“

Kontaktmöglichkeit für alle Fälle

Auch Angehörige von älteren Menschen, die an einem anderen Ort wohnen, haben sich gemeldet und den Kontakt mit den Helfern geknüpft. Man merke: „Es entlastet sie, dass sie eine Kontaktmöglichkeit für alle Fälle haben.“ Es kämen auch immer wieder Bürger hinzu, die Hilfe anbieten. Auf der anderen Seite musste auch schon eine Person aus dem Helferkreis unterbrechen, da sie selbst in Quarantäne musste.

Viele bringen sich, so Merz, auch individuell ein. So habe zu Ostern ein Mitarbeiter ein warmes Essen einer Gaststätte tellerfertig zu einer Person gebracht. Dann gab es den Anruf einer Mitarbeiterin aus dem Krankenhaus: Ein genesener Covid-19-Patient sollte entlassen werden, der keinerlei Kontakte hat. „Innerhalb einer Stunde konnte der Kontakt zu einer unterstützenden Person geknüpft werden. Das hat auch die Mitarbeiter in der Klinik entlastet. Der Mann wäre sonst allein gewesen“, berichtet Merz.

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Er sorgt sich, dass es aus dem Blick geraten könnte, dass sich viele Betroffene nach einem Gespräch sehnen, natürlich am liebsten auch Begegnung erfahren würden. „Dem Zuhören wächst bei bleibender Ausgangsbeschränkung eine besondere Rolle zu. Es gibt viele Menschen, die einfach allein zu Hause sind. Sie langweilen sich zunehmend, vereinsamen gar.“

Eine junge Studentin aus dem Kreis derer, die ihre Mitarbeit anbieten, hat nun zum Beispiel gesagt: „Ich stehe zum Telefonieren bereit. Ich rede gerne mit anderen Menschen. Wer mag mich anrufen?“ Koordiniert werden die Hilfsangebote über Telefon 0 80 61/93 66 05 (mit Anrufbeantworter) oder per E-Mail brotundrosen. badaibling@elkb.de.

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