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Hoffen auf nach dem Krieg

„144 Stunden in Odessa“ – Bad Aiblingerin Rayka Emmé erzählt von einer Liebe im Krieg

Rayka Emmé und ihr Mann Nikolaus Stigloher haben die Bilder und Briefe einer Liebe inmitten des Krieges in Odessa in einem Buch dokumentiert und bringen sie nun mit der Gruppe „LifveChords“ in einem Benefizkonzert zugunsten der Menschen in der Ukraine auf die Bühne. Gerlach
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Rayka Emmé und ihr Mann Nikolaus Stigloher haben die Bilder und Briefe einer Liebe inmitten des Krieges in Odessa in einem Buch dokumentiert und bringen sie nun mit der Gruppe „LifveChords“ in einem Benefizkonzert zugunsten der Menschen in der Ukraine auf die Bühne. Gerlach
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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Ingrid Lasberg und Günther Thoma haben 144 glückliche Stunden in der Hafenstadt Odessa verbracht, ehe sie der Krieg auseinanderriss. Ihr Leid ist nach 80 Jahren zurückgekehrt in die Ukraine. Jetzt erzählt eine Bad Aiblingerin die Geschichte der Liebenden.

Bad Aibling – „Nach dem Krieg, im Frieden“ ist der hoffnungsvolle Satz, den sich Ingrid Lasberg und Günther Thoma in ihren Briefen schrieben, als sie von der gemeinsamen Zukunft träumten. Vor 80 Jahren – im März 1942 – haben sie sich in Odessa kennengelernt. Nach 144 glücklichen Stunden riss der Krieg sie auseinander, trieb ihn den Tod und sie Jahre später in die Flucht aus der sowjetischen Besatzungszone.

Wieder Bomben mitten in Europa

Die Bad Aiblingerin Rayka Emmé hat die Geschichte ihrer Mutter Ingrid aufgeschrieben, vertont und in einer Multimedia-Show musikalisch in Szene gesetzt. Sie erzählt von Liebe in Zeiten des Krieges, von Sehnsucht, Abschied, verlorener Jugend, Verlust und Schmerz, aber auch von Momenten des Glücks. „Ich hätte nie gedacht, dass es 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder so aktuell sein würde. Ich hätte nie daran geglaubt, dass wir mitten in Europa noch einmal einen Krieg erleben müssen.“

Die 22-Jährige verliebte sich in Odessa.

Am 24. Februar hat Russland die Ukraine überfallen. Heute belagert die russische Armee, zu der im Zweiten Weltkrieg auch Millionen von Ukrainern gehörten, und die Odessa am 10. April 1944 befreite, die Heldenstadt. Russische Kriegsschiffe haben sich jetzt im Schwarzen Meer in Stellung gebracht. Die Sorge vor einem Angriff auf Odessa wächst mit jedem Tag. Die Menschen füllen Sandsäcke, sammeln Essen und Medikamente, bereiten sich auf die Verteidigung vor.

Menschen werden in Kriegen missbraucht

„Und wieder sind es junge Menschen wie Günther und meine Mutter, die auf der einen Seite für den Krieg missbraucht werden und auf der anderen Seite ihre Heimat verteidigen“, macht Rayka Emmé die Parallelen deutlich. Wieder sind es junge Männer, die sterben. Junge Frauen, die zurückbleiben. Liebende, die getrennt werden, und die mit Worten wie „Nach dem Krieg, im Frieden“ die Hoffnung auf ein Wiedersehen verbinden.

Günther Thoma schrieb ihr jede Woche Liebesbriefe.

Zwei Jahre lang haben sich Ingrid Lasberg und Günther Thoma in Briefen ihre Liebe gestanden. Im März 1944 ist er umgekommen. Sie starb viele Jahre später im Alter von 84 Jahren. Ihre Briefe und Tagebücher aber haben überlebt. „Meine Mutter hat sie aufbewahrt wie einen Schatz“, weiß Rayka. Selbst als sie 1955 von Ost- nach Westberlin flüchten und alles zurücklassen müssen, hat die Mutter diese Erinnerungen im Gepäck. Sie waren ihr wichtiger als das Spielzeug ihrer Tochter.

Als kleines Mädchen erlebt Rayka den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR, der von sowjetischen Truppen niedergeschlagen wird. „Sie standen sogar bei uns im Hinterhof mit ihren Kalaschnikows. Als ich aus dem Fenster schaute, riefen sie: Weg vom Fenster, sonst schießen“, erinnert sich die Bad Aiblingerin.

Ihre Mutter bereitet die Flucht sorgfältig vor, besorgt sich falsche Passierscheine, um die Sektorengrenze überschreiten zu können. 1955 schließlich ist es soweit: „Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem wir zum ,Einkauf‘ gehen sollten. Ich musste meine Lieblingspuppe auf dem Küchentisch zurücklassen, weil wir die Wohnung hektisch verließen und meine Mutter keine Zeit mehr hatte, sie einzupacken“, erinnert sich Rayka. Dieses Bild wird sie nie vergessen.

Das Tagebuch von Ingrid Lasberg, das sie auch auf ihrer Flucht aus der DDR im Gepäck hatte.

Es folgen Jahre in Notaufnahmelagern. Von Berlin-Marienfelde werden die alleinerziehende Mutter und ihre kleine Tochter ins ausgediente Wehrmachtsgebäude nach Bad Reichenhall, später nach Ulm und Ludwigsburg geschickt. „Wir wohnten mit sechs Familien in einem Raum. Die Bereiche waren nur durch graue Filzdecken abgetrennt. Meine Mutter und ich hatten ein Doppelstockbett, einen Holzspind, einen Tisch und einen Stuhl“, beschreibt sie die Flüchtlingslager jener Zeit.

Als Kind Flucht aus Ostberlin erlebt

„Wir waren nicht willkommen. Es waren zu viele Flüchtlinge“, erinnert sie sich noch genau. Zehn Jahre nach Kriegsende gab es nicht genug Wohnraum. Immer wieder hörte die Mutter, die anfangs drei Mark pro Woche als Unterstützung erhielt, den Satz, dass sie keiner gerufen habe, und sie dorthin zurückgehen solle, woher sie gekommen sei. 1958 schließlich hält die frühere Sängerin Ingrid Lasberg die Situation nicht mehr aus und kehrt mit ihrer Tochter Rayka nach Westberlin zurück.

„Zwei Jahre später – am 13. August 1961 – hatten wir wieder das Gefühl, am Beginn eines neuen Krieges zu stehen“, erzählt Rayka Emmé die Geschichte ihrer Kindheit: „Auf der einen Seite der Berliner Mauer bezogen russische Panzer Stellung, auf der anderen amerikanische. Wir waren wieder mitten in einem Konflikt.“ Die Bilder aus dem Ukraine-Krieg haben all diese Erinnerungen wachgerüttelt.

Seit 1988 lebt Rayka Emmé in Bad Aibling, schreibt Kinderbücher, entwickelt Projekte für ihre Band „LifveChords“ und arbeitet als freie Journalistin. Im November 2019 fiel ihr das längst vergessene, alte Holzkästchen der Mutter wieder in die Hände, in dem sie die Briefe und Fotos von Günther aufbewahrte. Zum ersten Mal hat Rayka den Mut, die intimen Zeilen ihrer Mutter zu lesen. „Die Erinnerung setzte ein. Die Neugier. Die Begegnung zwischen meiner Mutter, der Künstlerin, und dem Kriegsberichterstatter Günther hat mich so berührt, dass ich zu lesen und zu forschen begann“, erzählt sie.

Ein Jahr später veröffentlicht sie das Buch „144 Stunden in Odessa, 1942“. Im März 2021 soll es auf der Buchmesse in Leipzig vorgestellt werden. Doch die fällt aufgrund der Corona-Pandemie aus. Wenig später produziert Rayka gemeinsam mit Sabinde Xoxi Huber, einer Freundin und der Pianistin der Band LifveChords, ein Hörbuch mit gleichnamigem Titel. Auch eine CD mit der Musik jener Zeit und eigenen Kompositionen entstand.

Im Oktober 2021 feierte Rayka als Frontfrau der Bad Aiblinger Band „LifveChords“ mit dem Multi-Media-Programm „144 Stunden in Odessa 1942“ eine umjubelte Premiere. Ab November fielen die Auftritte wieder der Pandemie zum Opfer. Nun leben die Liebenden von Odessa wieder auf: am Freitag 18. März, ab 20 Uhr, in der Galerie im Alten Feuerwehrhaus in Bad Aibling.

Benefizkonzert für die Ukraine

„Nach dem Krieg, im Frieden“ wollte Günther Thoma Kameramann werden und Ingrid Lasberg an der Berliner Oper singen. Der Krieg hat ihre Pläne durchkreuzt. 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört ein neuer Krieg mitten in Europa die Träume von Millionen Menschen.

Deshalb widmet die Gruppe „LifveChords“ ihr Benefizkonzert den Menschen in der Ukraine, in Odessa. „Musik kann Hoffnung und Trost spenden“, sagt Rayka und erinnert an die aktuellen Aufnahmen von einem singenden Kind, einer Geigerin und einem Gitarristen in Metro-Stationen von Kiew. „Auch unser Benefizkonzert ist nur ein Tropfen, aber viele Tropfen ergeben ein Meer.“

Das Benefizkonzert in Bad Aibling findet am Freitag, 18. März, um 20 Uhr statt. Einlass ist ab 19 Uhr. Die Anmeldung erfolgt per E-Mail an info@kunstverein-bad-aibling.de oder info@stigrafik.de sowie telefonisch unter der Nummer 0 80 61/93 80 52 oder der 01 72/8 00 73 29.