WEHRHAHN-PROZESS OHNE TÄTER: DER VERDÄCHTIGE, EIN RECHTSRADIKALER, VERLÄSST ALS FREIER MANN DEN GERICHTSSAAL

Der Unbekannte auf dem Stromkasten

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Der Anschlag: Rettungskräfte im Juli 2000 in Düsseldorf. dpa

Düsseldorf – Eine Bombe explodiert inmitten einer Gruppe ausländischer Sprachschüler.

Sie sind auf ihrem Weg zur S-Bahn, ein ungeborenes Baby stirbt, zehn Menschen werden verletzt, einige kämpfen um ihr Leben. Ein schweres Verbrechen. Aber nach dem Freispruch des einzigen Tatverdächtigen vor dem Düsseldorfer Landgericht scheint eine Aufklärung unwahrscheinlicher denn je.

Das für Nebenkläger und Staatsanwalt enttäuschende Urteil fällt fast auf den 18. Jahrestag des Anschlags. Am 27. Juli 2000 richtet eine Rohrbombe in einer Plastiktüte an der Düsseldorfer S-Bahn-Station Wehrhahn ein Blutbad an. Mehrere der zwölf Menschen in der Gruppe sind Juden, schnell gerät ein Mann mit Kontakten zur rechtsradikalen Szene unter Verdacht. Nun wird er freigesprochen. „Wir haben es uns nicht leicht gemacht“, sagt der Vorsitzende Richter Rainer Drees dazu. Es blieben „erhebliche Zweifel an der Täterschaft“ des 52 Jahre alten Angeklagten – auch wenn dieser „extrem fremdenfeindlich“ sei und im Prozess immer wieder gelogen habe.

Drees versucht die im Vorfeld geäußerte Warnung eines Nebenklägeranwalts vor „dem schwersten Justizfehler in der Geschichte Düsseldorfs“ zu entkräften. „Die Entscheidung beruht nicht auf Bauchgefühl“, sagt er. Die Kammer sei schlicht nicht ausreichend überzeugt, dass der Mann auf der Anklagebank der Täter gewesen sei.

Er führt zahlreiche Gründe an: Die Hauptbelastungszeugen unter den 78 Vernommenen – zwei ehemalige Gefängniskumpane und zwei Ex-Freundinnen des Angeklagten – hätten sich immer wieder in Widersprüche verwickelt. Sie hätten an vielen Stellen eigene Wahrnehmungen und spätere Rückschlüsse, Fantasie und Wahrheit nicht auseinanderhalten können. „Vier unbrauchbare Aussagen können nicht zu einer brauchbaren Gesamtheit zusammengefügt werden“, bilanzierte Drees. Ähnlich wertlos seien die widersprüchlichen Aussagen des Angeklagten gewesen. „Insgesamt sieht die Kammer den Angeklagten als jemanden, der maßgeblich geleitet wird durch Geltungssucht, Aktionismus und mangelnde Selbstreflexion.“ Der 52-Jährige zeigt während der Urteilsbegründung kein Mienenspiel.

Aus Sicht des Anklägers und der Opfer führt eine Kette von Indizien und Zeugenaussagen zwangsläufig auf die Spur des nun Freigesprochenen, der ganz in der Nähe wohnte, einen Militaria-Laden gegenüber der Sprachschule führte und laut Zeugenaussage Ähnlichkeit mit jemandem hat, der die Explosion von einem Stromkasten aus beobachtete. „Das ist kein guter Tag für die Justiz und ein schlechter Tag für die Opfer des Anschlags“, sagt der Wuppertaler Nebenklage-Anwalt Michael Rellmann.

Von den Opfern sei niemand zur Urteilsverkündung erschienen, sagt Anwalt Rellmann. Viele seien heute noch traumatisiert. „Das Leben aller ist aus der Bahn geworfen worden.“ Auch die Ehe des Paares, das sein ungeborenes Kind verlor, habe das Leid nicht überstanden. Bettina Grönewald

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