TRANSATLANTISCHE BEZIEHUNGEN

Trump entscheidet

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Es wirkt wie die ironische Pointe eines mitunter bizarren Schauspiels: Emmanuel Macron versuchte bei seinem Washington-Besuch in der vergangenen Woche Donald Trump mit Umarmungen, Händchenhalten und Küsschen zu umgarnen.

Man pflanzte sogar in Anzug und Krawatte – beobachtet von den beiden graziengleichen First Ladys – einen Baum, den der französische Präsident mitgebracht hatte. Bilder für die Ewigkeit! Doch nur wenige Tage später ist die französische Eiche verschwunden. Ein Sinnbild für die Kurzlebigkeit im Weißen Haus – und für den Zustand der transatlantischen Beziehungen.

Inhaltlich lässt sich das Ergebnis der diplomatischen Woche ziemlich schlicht zusammenfassen: Weder der emotional-charmante Macron noch die nüchtern-bemühte Angela Merkel konnten irgendetwas erreichen, auch wenn Trump der Kanzlerin diesmal deutlich zuvorkommender begegnete als bei früheren Treffen. Beim Iran-Abkommen, für das die Europäer aus Sorge vor einem neuen Wettrüsten im Nahen Osten kämpfen, gab es keine Zugeständnisse, was nicht weiter verwundert, schließlich hat Trump mit seinen jüngsten Personalentscheidungen immer mehr Hardliner in dieser Frage um sich geschart. Vieles spricht dafür, dass er die Vereinbarung Mitte Mai aufkündigt. Aber auch bei den Zöllen ließ sich Trump zu keinerlei Zusagen hinreißen. Die EU muss nun bangen Blickes abwarten, was der Präsident entscheidet.

Skepsis ist dabei angebracht, denn der Mann im Weißen Haus dürfte sich bestätigt fühlen. Die Annäherung der Koreas schreibt er nur sich selbst auf die Fahnen. Auch seine Handelspolitik gegenüber China trägt in seinen Augen Früchte: Peking hat bereits eine „neue Phase der Öffnung“ in Aussicht gestellt und die Reduzierung von Zöllen auf Autos verkündet. Dies ist die Sprache, die der selbstverliebte Geschäftsmann versteht. Europa wird sich an diesen Ton gewöhnen müssen. Es kommt nicht weiter, wenn es nur den moralischen Lehrmeister gegenüber Washington gibt. Es muss Trumps Muskelspielen die eigene Macht entgegensetzen. Doch die kann es nur in die Waagschale werfen, wenn es mit einer Stimme spricht.

Mike Schier

Sie erreichen den Autor unter

Mike.Schier@ovb.net

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