Die Sünde der Signora Sapora

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Hier geht alles ganz züchtig zu: Der iranische Präsident Hassan Ruhani am Mittwoch bei seinem Besuch des Kollosseums in Rom. Später reiste er nach Paris weiter. Foto: dpa

Nach der Verhüllungs- Affäre um nackte Statuen hat Italien vorerst eine Schuldige gefunden. Es ist die Protokollchefin von Premier Renzi. Irans Präsident Ruhani setzt seine Europareise unbeeindruckt fort.

Statuen-Affäre in Rom

Nach der Verhüllungs- Affäre um nackte Statuen hat Italien vorerst eine Schuldige gefunden. Es ist die Protokollchefin von Premier Renzi. Irans Präsident Ruhani setzt seine Europareise unbeeindruckt fort.

VON JULIUS Müller-meiningen

Rom/Paris – Fast wäre die Karriere von Ilva Sapora im Schatten der internationalen Politik ohne großes Aufsehen zu Ende gegangen. Die Protokollchefin von Ministerpräsident Matteo Renzi geht im kommenden Jahr in Pension. Dann kam zu Beginn der Woche der iranische Präsident Hassan Ruhani nach Rom. Und vorbei war die Ruhe.

Anlässlich seines Treffens mit Renzi im römischen Kapitol und der Unterzeichnung milliardenschwerer Wirtschaftsverträge hatten eifrige Funktionäre die nackten Marmorstatuen in den kapitolinischen Museen hinter Sperrholzplatten verstecken lassen. Angeblich geschah das, um die religiösen Gefühle des Schiiten nicht zu verletzen. Und seither hat die 64 Jahre alte Signora Sapora keine Ruhe mehr. Die Protokollchefin ist nun Sündenbock Nummer eins in Italien.

Zu verdanken hat sie das nicht nur einem „Übereifer“, den Premier Renzi bei den Verantwortlichen der Maßnahme feststellte. Sapora ist auch Opfer einer Reihe von beinahe als todesmutig zu bezeichnenden Politikern, die sich nun einer nach dem andern von der Prüderie distanzieren. Angesichts der Aufregung internationaler Medien, die die Verleugnung der klassischen Kultur beklagen, brachte sich als erster Kulturminister Dario Franceschini in Sicherheit, indem er sagte, er habe nichts mit der Sache zu tun.

Nicht nur Renzi und Außenminister Paolo Gentiloni distanzierten sich ebenfalls, sondern auch die für die Museen zuständige Kulturbehörde sowie die Stadtverwaltung. Der italienische Verbraucherverband erstattete sogar eine Anzeige wegen „schwerer Schäden an Ehre und Image der Stadt Rom und ganz Italiens“.

Arme Signora Sapora – denn nach einhelliger Meinung der Beschützer der klassisch-okzidentalen Kultur war der Fauxpas und die liederliche Verhüllung der halbnackten kapitolinischen Venus allein ihre Schuld. Die Protokollchefin versteckt sich seither hinter überdimensionalen Sonnenbrillengläsern und geht nicht ans Telefon. Jetzt wird in ihrer Vergangenheit gewühlt. Ihre Neider im Palazzo Chigi, dem Sitz des Ministerpräsidenten in Rom, behaupten, die Dame, die seit 2001 im Dienste der Republik ist, habe nie die notwendigen Qualifikationen für den Job gehabt. Sie sei eine „raccomandata“, eine von einflussreichen Männern Empfohlene. In ihrem Lebenslauf ist zu lesen, dass Sapora im Englischen nur Basiskenntnisse habe, im Französischen immerhin mittlere Fähigkeiten. Eine der wichtigsten Fremdsprachen kaum mächtige Protokollchefin, deren Aufgabe die Vorbereitung sämtlicher internationaler Begegnungen des Ministerpräsidenten ist, wirft auch ein schlechtes Licht auf ihre Chefs.

Die Verhüllungs-Affäre zieht derweil weitere Kreise. So seien die fünf bei der Begegnung im Kapitol anwesenden Aufseher per Los ausgewählt worden, Frauen waren nicht erwünscht. Weitere angebliche Verfehlungen Saporas werden nun kolportiert. So sei bei einem Mittagessen mit dem kuwaitischen Premier anlässlich des Verkaufs von Kampfflugzeugen der maßgebliche General, der den Vertrag unterschrieben hatte, nicht eingeladen worden.

Böse Zungen machen sich außerdem über eine Rauferei unter den Mitgliedern des Stabs von Premier Renzi anlässlich einer Reise nach Saudi-Arabien im November lustig. Das saudische Regime habe mit einigen, aber offenbar nicht mit ausreichend vielen Rolex-Uhren als Gastgeschenk aufgewartet. Die unbestechlichen Italiener prügelten sich dann angeblich um die kostbaren Exemplare. Alles Saporas Schuld?

Wohl kaum. Wie nun aus der iranischen Delegation verlautete, hätte Ruhani offenbar nichts gegen die römischen Nackedeis gehabt. Das einzige, was er fürchtete, seien Fotoaufnahmen mit ihm und im Hintergrund entblößten Marmorbrüsten gewesen, die dann in der Heimat für Verstimmung gesorgt hätten.

Am Donnerstag reiste der Präsident weiter nach Frankreich. Ruhani wurde in Paris mit militärischen Ehren begrüßt. Zu seinem Staatsbesuch, dem ersten eines iranischen Präsidenten seit 1999, brachte er eine Reihe von Ministern und Wirtschaftsvertretern mit. Nach der Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran in Folge der Umsetzung des Atomabkommens hofft Teheran nun auf umfangreiche Verträge und ausländische Investitionen, um die durch die Strafmaßnahmen geschwächte Wirtschaft anzukurbeln. „Vergessen wir den Groll“, sagte Ruhani vor iranischen und französischen Unternehmern.

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