VWL-PROFESSOR VON BLANCKENBURG BESCHÄFTIGT SICH SEIT JAHREN MIT DER ZEITUMSTELLUNG – UND BEGRÜßT DIE ENTSCHEIDUNG DER EU-KOMMISSION

„Die Regierungen müssen sich jetzt gut absprechen“

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Korbinian von BlanckenburgProfessor an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe

Soll künftig dauerhaft die Winterzeit gelten? Oder die bisherige Sommerzeit?

Im Interview erklärt Ökonom Korbinian von Blanckenburg, was er für die bessere Variante hält – und warum der Verzicht auf die Umstellung in jedem Fall sinnvoll ist.

-Die EU-Kommission will dafür sorgen, dass die Umstellung der Uhren schon bald abgeschafft ist. Wie bewerten Sie das?

Grundsätzlich begrüße ich das. Das ursprüngliche Ziel der Umstellung – nämlich auf diese Art Energie zu sparen – wird nicht erreicht. Das zeigen viele Studien. Negative Effekte gibt es dagegen mehrere.

-Was genau ist schlecht daran, die Uhren zweimal im Jahr umzustellen?

Die Umstellung bringt schlichtweg keine Vorteile mit sich. Im Gegenteil: Sie verursacht Probleme in der Bevölkerung, etwa Störungen im Biorhythmus. Ich bin dreifacher Vater, bei uns dauert es in der Regel jeweils eine Woche, bis sich die Kinder an die neue Zeit gewöhnt haben.

-Was spricht aus wirtschaftlicher Sicht gegen die Umstellung?

Dass sie auch volkswirtschaftlich schlicht nichts bringt. Und teilweise sogar negative Effekte hat. Nehmen Sie die Fütterung von Milchkühen: Landwirte haben mir erzählt, dass sie die Fütterungszeiten nach der Umstellung der Uhren immer ganz behutsam anpassen müssen, weil die Tiere sehr sensibel darauf reagieren und sonst die Erträge sinken können.

-Gilt künftig die bisherige Sommerzeit? Oder die bisherige Winterzeit?

Das ist die große und spannende Frage. Bei welcher Zeit man bleibt, das soll den EU-Mitgliedstaaten überlassen werden. Auch darüber gibt es kontroverse Diskussionen in Deutschland.

-Wofür sind Sie?

Laut unseren Analysen hätte eine dauerhafte Sommerzeit energetisch leichte Vorteile. Und zwar weil die Menschen die Abendhelligkeit besser ausnutzen können, also mehr draußen Zeit verbringen und den Fernseher eher nicht einschalten. Dazu muss man wissen: Private Haushalte verbrauchen die meiste Energie in den Abendstunden.

-Und was spricht dafür, künftig nach der bisherigen Winterzeit zu leben?

Befürworter dieser Variante sagen, dass die Winterzeit besser zum Biorhythmus der Menschen passt. Denn bei einer dauerhaften Sommerzeit müsste man im Winter noch früher vor Sonnenaufgang aufstehen als bisher. Das kann sich sehr negativ auf den Körper auswirken.

-Gibt es Umfragen, was den Menschen in Deutschland lieber wäre?

Bei der Befragung durch die EU-Kommission zeichnet sich ab, dass die Sommerzeit vorne liegt. Auch von uns selbst erhobene Umfragen weisen in diese Richtung.

-Wie geht es weiter?

Die Regierungen der EU-Staaten müssen sich jetzt natürlich gut mit den Nachbarländern koordinieren. Wenn sich Frankreich für eine andere Zeit als Deutschland entscheidet, dann hätten wir plötzlich mitten in Europa eine Zeitzone mehr. Und das wiederum hätte negative Effekte auf die Binnenmärkte.

-Also ist die „Entscheidung“ der EU-Kommission in Wahrheit ein Arbeitsauftrag an die einzelnen Regierungen?

Man kann es so verstehen. Trotzdem ist der Impuls gut. Seit Jahren wurde das Thema immer wieder diskutiert, ohne dass etwas passiert ist. Nun steht auch die Bundesregierung endlich unter Handlungsdruck.

-4,6 Millionen von gut 500 Millionen EU-Bürgern haben sich an der Umfrage beteiligt. Eine überwältigende Mehrheit oder auch nur eine gute Teilnehmerzahl ist das nicht.

Bei bisherigen Umfragen haben maximal 500 000 Menschen mitgemacht. Insofern sind die 4,6 Millionen Teilnehmer immerhin ein absoluter Rekord für solche Befragungen. Aber klar: Repräsentativ ist diese Beteiligung nicht. Interessant ist, dass wohl drei Viertel der Teilnehmer aus Deutschland kamen. Hier beschäftigt das Thema besonders viele Menschen.

-Sie haben sich viel mit dem Pro und Contra der Zeitumstellung beschäftigt. Geht Ihnen jetzt die Arbeit aus?

(lacht) Nein, nein. Wir machen zwar seit Jahren auch Analysen und Umfragen zum Thema Zeitumstellung. Allerdings sind wir seit Längerem an dem Punkt, an dem es keine neuen Erkenntnisse mehr gibt. Alle Argumente und Zahlen liegen im Grunde auf dem Tisch. Ich freue mich, wenn jetzt endlich eine Entscheidung kommt.

Interview: Maximilian Heim

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