Das Recht auf einen biologischen Vater

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Es ist ein wegweisendes Urteil: Kinder haben ein Recht darauf, den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren – frühzeitig. Das entschied gestern der Bundesgerichtshof.

Viele anonyme Samenspender könnten nun „Familienzuwachs“ bekommen. Womöglich ungewollt.

Urteil des Bundesgerichtshofs

Es ist ein wegweisendes Urteil: Kinder haben ein Recht darauf, den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren – frühzeitig. Das entschied gestern der Bundesgerichtshof. Viele anonyme Samenspender könnten nun „Familienzuwachs“ bekommen. Womöglich ungewollt.

von B. Nazarewska, S. Hölzle, S. Kupke und S. Kruse

München – Sarah P. hat lange gekämpft, zuerst mit sich, dann vor Gericht. Und ganz am Ende, da sagte sie, sie sei froh, nie mit dem Kämpfen aufgehört zu haben. Denn Sarah P., 24, dunkle Augen, braune Haare, hat sich ein besonderes Recht erkämpft: das Recht auf einen Vater.

Sarah P. ist eine von rund 100 000 Menschen, die hierzulande durch eine anonyme Samenspende entstanden sind. Menschen, die ihre biologischen Väter meist nicht kennen – deren Rechte jedoch jetzt gestärkt wurden: Gestern entschied der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe, dass Kinder grundsätzlich einen Anspruch darauf haben, den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren – und das frühzeitig. „Ein Mindestalter ist nicht erforderlich“, heißt es. Wenn Eltern als Vertreter ihrer Kinder den Namen des Spenders wissen wollen, müssen Reproduktionskliniken diesen herausgeben.

Im konkreten Fall wollten zwei minderjährige Mädchen aus der Nähe von Hannover den Namen ihres biologischen Vaters erfahren. Zwei Schwestern, 12 und 17 Jahre alt. Das Landgericht Hannover hatte den Anspruch abgelehnt, es hielt die Mädchen für zu jung. Der BGH hob diese Entscheidung nun auf – und verwies den Fall zurück.

Der Bundesgerichtshof sieht keinen plausiblen Grund, der dem Auskunftsanspruch der Mädchen entgegenstehen könnte – nicht einmal der notariell erklärte Verzicht auf Herausgabe des Namens des anonymen Spenders, den die Eltern der 12- und 17-Jährigen einst abgegeben hatten. Die höchsten Zivilrichter urteilten vielmehr, für Kinder aus Samenspenden könne die Information über den Erzeuger „für die Entfaltung der Persönlichkeit von elementarer Bedeutung sein“. Für den Samenspender müsse die Auskunft zwar zumutbar sein, „nicht maßgeblich sind hingegen seine wirtschaftlichen Interessen“, so der BGH. Dazu muss man wissen: Theoretisch könnten Spendern nach Preisgabe ihrer Identität Unterhalts- oder Erbschaftsklagen drohen.

Den meisten Spenderkindern geht es aber nicht ums Geld. Sie wollen einfach nur erfahren, von wem sie abstammen. Das Recht haben sie auf ihrer Seite: Schon im Jahr 1989 bestätigte das Bundesverfassungsgericht, dass jeder einen Anspruch auf Auskunft über seine Herkunft habe. Vor knapp zwei Jahren fiel dann ein erstes Grundsatz-Urteil für – erwachsene – Spenderkinder. Es war der Fall von Sarah P., einer jungen Frau, die ihr Leben einer anonymen Samenspende verdankt.

Die damals 22-Jährige hatte im Februar 2013 vor dem Oberlandesgericht Hamm in Nordrhein-Westfalen geklagt. Sie wollte den Namen ihres biologischen Vaters erfahren. Das Gericht gab ihr Recht – und sorgte mit diesem Urteil bundesweit für Schlagzeilen.

Doch für Sarah P. gestaltete sich die Suche nach ihrem genetischen Papa zunächst schwierig. Die zuständige Reproduktionsklinik hatte offenbar keine detaillierten Unterlagen des Samenspenders mit der Nummer 261. Sarah P.s Erfolg vor Gericht – im echten Leben brachte er sie erst mal nicht weiter. Doch die junge Frau gab nicht auf. Rund drei Monate danach war sie am Ziel: Ihr leiblicher Vater hatte sich nach einem TV-Auftritt per E-Mail bei ihr gemeldet – nachdem er sich sicher war, der Erzeuger zu sein. Die beiden machten sogar einen DNA-Test, um endgültig Gewissheit zu haben. Der bestätigte: Dieser Mann ist in der Tat zu 99,9 Prozent mit Sarah P. verwandt.

Bei „Stern-TV“ verriet Sarah dann auch, warum er einst seinen Samen gespendet hatte: „Er hat sich dadurch sein Studium finanziert.“ Sie sagte auch: „Wir haben dasselbe Kinn, und unser Lächeln ist gleich.“ Acht Jahre lang soll Nummer 261 gespendet haben. Vermutlich hat Sarah P. noch ein paar Halbgeschwister.

Sarah P. hat nie bereut, sich auf die Suche nach ihren Wurzeln gemacht zu haben. Und auch die beiden Schwestern aus der Nähe von Hannover wollen nun endlich wissen, von wem sie abstammen. Ihre Chancen stehen nach dem Urteil gut – selbst wenn in der mündlichen Verhandlung vor dem XII. BGH-Zivilsenat der Anwalt der Klinik, in der die Kinder einst gezeugt wurden, daran gezweifelt hatte, ob es wirklich die Mädchen sind, die die Auskunft wollen – oder ob nicht die Eltern die Frage nach dem biologischen Vater umtreibe. Die Mädchen seien schließlich nie bei Gericht oder bei der Klinik erschienen. Der Anwalt der Klägerinnen hatte dieses „Szenario“ allerdings zurückgewiesen.

Die höchsten Zivilrichter knüpften den Auskunftsanspruch allerdings auch an Bedingungen: Eltern könnten den Anspruch nur dann geltend machen, wenn dies der Information des Kindes diene. Auch müssten mögliche Auswirkungen auf das Privatleben des Samenspenders berücksichtigt werden. Dem Recht des Kindes auf Kenntnis der eigenen Abstammung komme aber „regelmäßig ein höheres Gewicht zu“.

Experten raten Eltern daher dringend, ihre Kinder rechtzeitig darüber aufzuklären, dass sie mit Hilfe einer Samenspende gezeugt wurden. Das ideale Alter sei „zwischen drei und sechs Jahren“, sagt Psychologin Constanze Bleichrodt. Einschlägige Studien zeigten, dass der soziale Vater deshalb nicht abgelehnt werde. Das Kind bekommt jedoch eine Chance auf Identität – auf eine vollständige Identität.

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