„Lasst uns zum Guten schauen“

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Die Ruine zog schon im Jahr 1993 viele Trauernde an. dpa

Vor 25 Jahren entsetzte der mörderische Brandanschlag von Solingen die Welt. Die türkischstämmige Familie Genc bat um stilles Gedenken. Ihr Wunsch wird respektiert. Kein politischer Streit. Nur das Wetter spielt nicht mit.

Gedenken in Solingen

Von Yuriko Wahl-Immel

Solingen – Es ist ein Tag der Trauer, des Innehaltens, der aufrüttelnden Worte. Vor genau 25 Jahren, in der Nacht des 29. Mai 1993, brannte in Solingen das Haus der türkischstämmigen Familie Genc lichterloh. Fünf Mädchen und Frauen kamen ums Leben. Ein Vierteljahrhundert danach reißen die Wunden wieder auf. In Solingen und Düsseldorf wird der Mordopfer gedacht. Die Botschaften und Gesten viele Jahre nach der barbarischen Tat tragen eine tröstende Überschrift: Solidarität mit den Angehörigen, gegenseitiger Respekt, enges Zusammenrücken. Kanzlerin Angela Merkel setzt mit ihrer Teilnahme an einer Feierstunde der NRW-Regierung in der Landeshauptstadt ein Ausrufezeichen.

In Solingen stehen Außenminister Heiko Maas (SPD) und sein Amtskollege aus Ankara, Mevlüt Cavusoglu, Seite an Seite. Die schwierigen deutsch-türkischen Beziehungen sind ausgeblendet. In den Mittelpunkt rückt eine kleine Frau mit Kopftuch, die für viele zum Symbol menschlicher Größe geworden ist, die Grauenvolles erlebt hat. „Unser aller Mutter Mevlüde Genc“, nennt sie Cavusoglu in Düsseldorf.

Die heute 75-Jährige verlor bei dem fremdenfeindlichen Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte. Sie waren 4, 9, 12, 18 und 27 Jahre alt. Der Jahrestag ist kräftezehrend für die Muslimin, die nachts noch immer die Schreie ihrer Kinder hört. In der NRW-Staatskanzlei am Mittag bleibt sie sich treu, mahnt in bewegenden Worten: „Lasst uns zum Guten, nach vorne schauen.“ Der Schmerz nehme auch nach 25 Jahren nicht ab, sagt Mevlüde Genc, die stets Türkisch spricht. Sie wünsche niemandem ein solches Leid. Alle zusammen müssten dem Hass Einhalt gebieten.

Viel politische Prominenz ist an diesem schwül-heißen Dienstag im Ramadan gekommen. Die Bilder des ausgebrannten Dachstuhls, der schwarz verkohlten Mauern des Wohnhauses in der Unteren Wernerstraße 81 gingen um die Welt, schockierten, ängstigten, bleiben bis heute unauslöschlich. Die Tat gilt als eines der schwersten rechtsextremen Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik. Schon vorher hatten Ausschreitungen in Hoyerswerda, Rostock und Mölln entsetzt. Dann kamen die NSU-Morde 2000 bis 2007, es folgten hunderte Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte Jahr für Jahr.

Das alles sei untrennbar mit Solingen verbunden, sagen viele Redner bei den Gedenkveranstaltungen. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, befreundet mit dem Ehepaar Mevlüde und Durmus Genc (74), wählt warme persönliche Worte. Dass Mevlüde Genc kurz nach dem Anschlag gesagt habe, es seien „nicht die Deutschen, sondern vier Einzeltäter“ gewesen, sei ein „Verdienst, das uns bis heute sprachlos macht.“ Genc nennt Laschet „meinen Bruder“. Sie hat für ihren unermüdlichen Einsatz um Versöhnung das Bundesverdienstkreuz erhalten, zeigt sich nun berührt: „Es ehrt mich, dass Sie alle meinen Schmerz teilen.“ Merkel würdigt das weibliche Familienoberhaupt als „Vorbild an Menschlichkeit“. Dass sie keine Rache in sich trage, sei wahre Größe. „Die Lücke in der Familie und der Schmerz bleiben für immer“, sagt die CDU-Politikerin.

In Solingen zeigen später am Nachmittag auch viele Bürger ihr Mitgefühl. Schüler gehen gegen Rassismus auf die Straße. Zeichen der Verbundenheit prägen den Jahrestag. Hunderte verharren bei der Gedenkfeier am Solinger Mahnmal in einer Schweigeminute. Aber dann tobt ein Gewitter, ein Wolkenbruch geht nieder. Das Gedenken wird aus Sicherheitsgründen abgebrochen, Cavusoglus Rede wie die von Maas fallen buchstäblich ins Wasser.

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