NACH MISSBRAUCHS-VORWÜRFEN 

Kein „König von St. Pauli“ mehr im TV?

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Regisseur Simon Verhoeven greift Dieter Wedel auf Facebook scharf an und fordert in unserem Interview Konsequenzen

München – Bislang hat der Großteil der deutschen Filmbranche zu den schweren Missbrauchsvorwürfen gegen Regisseur Dieter Wedel geschwiegen. Nun meldet sich nicht eine Frau, sondern ein Mann zu Wort: Simon Verhoeven, Sohn von Senta Berger und Michael Verhoeven und selbst vielfach ausgezeichneter Regisseur, hat via Facebook Stellung bezogen. „Fakt ist: Jeder, der in der Filmbranche eine Zeit lang gearbeitet hat, wusste von den ätzenden Geschichten über Wedel. Dass er am Set Schauspieler tyrannisiere, dass er ein eitler, egomanischer Schreihals sei, ein Arschloch“, schreibt der 45-Jährige. Er hat viel Zuspruch für seinen Beitrag erhalten, allerdings auch Kritik, weil er Wedel, der alle Vorwürfe bestreitet, unter anderem als „Sadisten“ und „brutalen Gewalttäter“ bezeichnet, der jahrzehntelang Frauen vergewaltigt und Menschen gequält habe. Am Telefon erklärt er uns, warum.

-Was hat Sie dazu bewogen, sich jetzt so deutlich zu äußern?

Das war sehr spontan. Ich habe den „Zeit“-Artikel gelesen und die darin stehenden Aussagen der Frauen, die von Dieter Wedel misshandelt wurden – da wurde ich wütend. Aus diesem Impuls heraus habe ich mich geäußert.

-Grundsätzlich besteht die Unschuldsvermutung: Haben Sie darüber nachgedacht, welche Konsequenten Ihr Facebook-Post rechtlich für Sie haben könnte?

Nein. Ich hätte gern moderatere Worte gefunden, aber ich hatte keine in diesem Fall. Ich glaube den Frauen. Ihre Aussagen decken sich mit einem Bild, das die ganze Branche seit Langem von Wedel hatte. Sie werden unterstützt von Zeugenaussagen ehemaliger Produktionsleiter, auch davon, was Iris Berben erzählt hat. Ich glaube diesen Frauen. Dieter Wedel glaube ich kein Wort.

-Wenn all das stimmt, was die Frauen ihm vorwerfen – wieso konnte er all die Jahre so handeln? Haben Sie eine Erklärung?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass das nicht ein Problem der Filmbranche generell ist – und deswegen tut’s mir ja auch so leid. Dass die gesamte Branche durch so einen Menschen in Verruf gerät! 99,9 Prozent aller Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sind anständige, tolle Leute, die genauso entsetzt sind. Ich weiß aus meiner Erfahrung, dass es zum Glück nicht viele Machtmenschen wie Dieter Wedel in unserem Beruf gibt. Ich hoffe, es gibt keinen einzigen mehr, der derart schlimme Sachen gemacht hat. Aber ich glaube, es gibt gewisse Mechanismen in der Filmbranche wie auch in anderen Bereichen, die ein solches Verhalten ermöglichen. Zum einen gibt’s einfach die Angst davor, seinen Job zu verlieren, die Angst davor, gegen jemanden aufzustehen, der so viel Macht hat und diese Macht auch ständig vor sich herträgt wie ein Pfau. Das andere ist eine falsch verstandene Ehrfurcht vor solchen Künstlertypen.

-Denen verzeiht man alles?

Genau, da heißt es dann: „Ja, die haben halt ihre Macken.“ „Ja, die haben halt mal Wutanfälle.“ Das ist aber nicht das, worum es hier geht. Jeder Regisseur darf einen Wutanfall haben. Es darf auch mal laut und richtig gestritten werden, die Filmwelt ist kein Kuschelzoo. Doch über was wir hier reden, sind Straftaten. Gewaltverbrechen gegen Frauen, Psychoterror gegen Menschen. Das hat nichts mit einer Künstlernatur zu tun. Das ist ein verbrecherisches Verhalten. Da hätte man aufstehen müssen, da hätte jemand Wedel seine Grenzen aufzeigen müssen.

-Wieso, meinen Sie, hat das keiner getan?

Das ist fast das Schlimmste: Der Grund dafür ist der Erfolg. Noch mal: Ich rede hier nicht von allen Menschen im Filmbusiness, doch es gibt ganz spezifische Leute, die hatten Erfolg mit Dieter Wedel und die wollten den Erfolg weiter haben. Ich glaube nicht, dass die nichts von diesen Geschichten wussten. Vielleicht wussten sie es nicht in diesem Ausmaß, aber sie hatten garantiert Grund, kritische Fragen zu stellen oder Untersuchungen einzuleiten.

-Die „Bild“-Zeitung hat ehemalige Kollegen befragt, keiner äußerte sich.

Niemand muss jetzt kriechen und um Vergebung betteln, wir sind alle Menschen, wir machen alle Fehler, und in so einem Machtsystem zu arbeiten ist alles andere als einfach. Das war damals vielleicht auch eine andere Zeit. Doch ich würde mir schon wünschen, dass Leute, die mit ihm zusammengearbeitet haben, sich jetzt äußern. Auch Männer, denn es ist beschämend für uns Männer, was da passiert ist. Die Filmbranche muss geschützt werden vor dem Scheiß-Ruf, den ihr solche Leute bringen.

-Sie sagen „damals“ – ist die Branche heute anders, sind jetzt andere Typen unterwegs als früher?

Ich weiß es nicht. Es gibt immer verschiedene Typen von Regisseuren. Es gibt welche, die ein bisschen lauter sind, es gibt andere, die sind ganz still. Aber ich hoffe, dass zumindest jetzt, heute, die Produktion und das Team gegen so einen Typen aufstehen würden. In meinen Teams gäbe es genug Leute, die sich wehren würden. Vermutlich war es früher auch einfacher, Dinge unter den Tisch fallen zu lassen. Es gab keine Sozialen Netzwerke, es gab vielleicht nicht diese Offenheit im Gespräch, die es jetzt gibt. Und die gibt es, wenn man ehrlich ist, noch nicht so lange. Schauen Sie sich Harvey Weinstein an, das ging ja über Jahrzehnte, doch es ist jetzt erst herausgekommen.

-Ein vergleichbarer Fall?

Ich denke schon. Man hat gedacht, das ist so ein Grapscher, der tatscht mal ne Frau an. Einfach so ein unangenehmer Typ. Und bei Wedel hat man gesagt: Na ja, der kriegt halt Wutanfälle und die wenden sich dann schon mal gegen Frauen. Erst jetzt ist das ganze Ausmaß bekannt geworden. Es gibt sicherlich Leute, die haben sehr gute Zeiten und eine gute Zusammenarbeit gehabt mit Dieter Wedel. Er konnte ja auf der anderen Seite ein ganz charismatischer, toller Regisseur sein, sonst wäre er nicht in solche Positionen gekommen. Das ist für die Betroffenen vermutlich ein schwieriger psychologischer Prozess, sich einzugestehen, was der Mann eben auch gemacht hat. Vielleicht haben sie es wirklich nicht gesehen oder sie haben es nicht sehen wollen.

-In Ihrem Facebook-Post fordern Sie, keine Wedel-Werke mehr im Fernsehen zu zeigen. Bleiben Sie dabei?

Das war auch aus der Emotion heraus natürlich. Doch ich würde schon sagen, dass das eine Art von Konsequenz wäre und eine Bestrafung, die einem Filmemacher wie Wedel, der doch eine gewisse Eitelkeit hat, durchaus eine Lektion sein könnte. Doch ob die Sender es jetzt ausstrahlen oder nicht, ich würde es mir nicht mehr anschauen. Nach dem Wissen um die Entstehung der Werke kann ich mir nicht mehr vorstellen, einfach mal so ganz frei und locker einen Dieter-Wedel-Film oder eine Dieter-Wedel-Serie anzuschauen.

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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