Hysterie um einen erfundenen Todesfall

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„Perfide Aktion“: Berlins Innensenator Henkel schimpft.

Flüchtlingskrise . Berliner Fall um angebliches Opfer aus Syrien sorgt für Wirbel – Internet wird zur Plattform für gefährliche Kurzschlüsse.

Von Jenny Tobien

Berlin – „Wir trauern um dich. Du wurdest 24 Jahre alt. Du kamst aus Syrien.“ Mit diesen Worten beginnt eine Traueranzeige des Berliner Bündnisses „Moabit hilft“ auf Facebook. Wenige Stunden später ist klar: Den Toten gibt es gar nicht. Und der Fall ist einmal mehr ein Beispiel für Hysterie im Internet – und nicht nur dort.

Was war geschehen? Ein ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer eben jenes Bündnisses schreibt auf Facebook, dass ein 24-jähriger Syrer gestorben sei. Der Mann habe tagelang „bei Minusgraden im Schneematsch“ vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) angestanden. Er habe Fieber bekommen, weshalb der Helfer ihn mit zu sich genommen und schließlich einen Krankenwagen gerufen habe. Auf dem Weg ins Krankenhaus habe der Syrer einen Herzstillstand erlitten.

Der vermeintliche Skandal verbreitet sich blitzschnell. Der Aufschrei ist groß, der Presserummel enorm, #lageso wird zwischzeitlich zu einem der populärsten Hashtags auf Twitter. Politik und Behörden stehen unter Beschuss, die üblichen Rücktrittsforderungen werden laut. Als Zweifel aufkommen, verschanzt sich der Flüchtlingshelfer zuerst in seiner Wohnung. Später räumt er ein: alles erfunden.

„Das ist eine der miesesten und perfidesten Aktionen, die ich jemals erlebt habe“, sagt Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU). Mit hohem Aufwand sei nach einem erfundenen „LaGeSo-Toten“ gesucht worden. „Verantwortung tragen auch diejenigen, die den erfundenen Fall gestern ohne jegliche Grundlage bestätigt haben, darunter die Sprecherin des Bündnisses „Moabit hilft““, so Henkel. Wer solche Gerüchte streue und ungeprüft weiterverbreite, lege es darauf an, die Stimmung zu vergiften. Zuletzt machten immer wieder wilde Spekulationen und Halbwahrheiten im Netz die Runde – auch und gerade im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. Dazu kommen Hasskommentare, falsche Bilder – etwa von vermüllten Zeltplätzen, die fälschlicherweise Flüchtlingslagern zugeordnet werden.

Erst in dieser Woche gerät der Fall der Berlinerin Lisa zum Politikum. Die Schülerin wird am 11. Januar als vermisst gemeldet. Nach 30 Stunden taucht sie wieder auf. Später kursiert im Netz das Gerücht, sie sei von südländisch aussehenden Männern entführt und vergewaltigt worden. Dafür sieht die Polizei keine Anhaltspunkte. In Russland ist der Fall dagegen eine große Story.

Entwickelt sich das Internet zunehmend zu einer Plattform für gefährliche Kurzschlüsse? „Der Mob kennt kein Ob, er kennt nur das Dass“, schreibt Jochen Bittner in einer Kolumne auf „Zeit Online“. „Viele Nutzer nehmen sich nicht mehr die Zeit, genau hinzuschauen. Manche Beiträge werden nicht mal gelesen. Die Leute sehen die Überschrift und fangen an loszuwettern“, sagt Professor Frank Schwab, Medienpsychologe der Universität Würzburg.

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