Helene – das Phänomen

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Schon lange ist Helene Fischer, 33, ein Fall für Superlative. Morgen füllt sie das Olympiastadion in München. Ihre Tourneen gehören zur europäischen Spitze. Überraschenderweise sind es oft Frauen, die die Schlager-Königin zu ihrem Idol auserkoren haben. Warum ist das so? Eine Reise durch den Helene-Fan-Kosmos.

Helene Fischer im Olympiastadion

von Sebastian Dorn

München – Vier Tage lang war Sandra Preisz, 27, auf der Helene-Fischer-Kreuzfahrt, von Kiel über Kopenhagen nach Oslo und zurück nach Hamburg. Untertags hat sie die Kleine Meerjungfrau aus Bronze gesehen, die Skisprungschanze Holmenkollen und die norwegischen Fjorde. Aber das war irgendwie zweitrangig. Was zählte, waren diese beiden Abende. Die Konzertabende mit Helene Fischer an Bord des Schiffes „Mein Schiff 2“. Mini-Bühne, Helene im Tiger-Look, ganz nah bei den Fans, Schlager-Hits auf hoher See. Eine Kreuzfahrt mit der Königin des Showgeschäfts, Preis 1000 Euro. Unvergesslich.

Sandra Preisz, Studentin aus Geretsried im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen, hat eine Fotocollage davon an ihrer Wohnzimmerwand hängen. „Ein Fotograf hat die Bilder gemacht und der Schiffspostbote hat sie noch während der Fahrt in die Kabine gebracht“, sagt Preisz. „Es ist meine schönste Fan-Erinnerung.“ Das Schiff war natürlich ausgebucht. Atemlos am Öresund. Was gibt es Schöneres.

Am Freitagabend macht Helene Fischer wieder mal im Olympiastadion in München Station. 70 000 Menschen werden kommen, dann herrscht in München einen Tag lang Helene-Fischer-Euphorie. Obwohl – es gibt offenbar auch Grenzen des Hypes. Das Stadion war gestern noch nicht ausverkauft. Fünf Auftritte in der Olympiahalle plus einmal im Olympiastadion – und das alles innerhalb von vier Monaten. Vielleicht ein bisserl viel Helene in der Landeshauptstadt, selbst für hartgesottene Fans. Immerhin kosten die Karten schnell mal über 100 Euro.

Trotzdem ist ihre Tournee natürlich ein sagenhafter Erfolg. Insgesamt werden sie laut Veranstalter 1,2 Millionen Besucher verfolgen, es könnte die erfolgreichste Tournee des Jahres in Europa werden.

Sandra Preisz ist ein Fan der ersten Stunde, sie war dabei, als Helene Fischer noch in Buchläden aufgetreten ist, als ihr vielleicht 200 Besucher bei einem Dorffest zuhörten. Sie war immer an Helene Fischers Seite, auch wenn es Helene Fischer vielleicht nicht gemerkt hat. Inzwischen sagt die Studentin: „Ihre Shows sind durchchoreografiert, fast schon zu sehr, teilweise überfrachtet. Man weiß gar nicht mehr, wohin man sich umsehen soll – das ist ihr Antrieb, sie will sich immer weiter perfektionieren, größer und besser werden.“

Aber das ist sowieso der Preis, wenn man seinem Künstler lange Jahre treu bleibt – immer mehr springen aufs Boot auf. „Fans“, sagt die Studentin, „machen den Sänger größer und verlieren dadurch die Nähe.“ Früher musste sie Helene Fischer mit 200 Menschen teilen, jetzt mit halb Deutschland.

Helene Fischer ist die unangefochtene Königin des deutschen Mitsing-Schlagers. Ihre Tournee ist ein Feuerwerk an Superlativen. 65 Trucks schaffen alleine das Material nach München, die Techniker verlegen 75 Kilometer Kabel und installieren 750 Lampen. „Das alles bräuchte es aber gar nicht“, sagt Preisz, „es ist die sympathische, freundliche Art, die uns begeistert. Helene Fischer vermittelt ein Lebensgefühl.“

Fan-Sein, das heißt auch immer, verrückte Dinge zu unternehmen. Bei Sandra Preisz war das die Helene-Fischer-Kreuzfahrt, vier Tage auf See für zwei Konzerte, oder das Helene-Wochenende mit ihrer Freundin Daniela Fellerer, 28, aus Welden im Kreis Augsburg. Konzert-DVDs anschauen, Fanhefte durchblättern, Helene Fischers Lieblingsspeisen essen, Pasta und Bitterschokolade, dazu Ingwertee, zwei Tage lang. „Sie ist immer noch Mensch, das macht sie aus“, sagt Daniela Fellerer, die als Kinderpflegerin arbeitet. „Auch wenn sie hoch professionell auf der Bühne ist. Ein lieber Mensch einfach.“ Jeder scheint sie ein bisschen zu kennen. Obwohl sie natürlich ein millionenschweres Kunstprodukt ist. Das ist der Clou an dieser Frau.

Birgit Alsdorf, 49, aus Niederbayern, hat schon über 60 Auftritte gesehen – im Fernsehen, bei der Autogrammstunde im Buchladen (sie hat sich dort ihre Gitarre signieren lassen), im Olympiastadion. Allein die jetzige Stadiontournee schaut die Hausfrau fünf Mal an, Leipzig, Wien, Nürnberg, Hamburg, jetzt aber erst mal München, Block A3, Reihe 2. Der Heimatort von Birgit Alsdorf, Tiefenbach bei Passau, ist übrigens auch der von Florian Silbereisen, dem berühmten Freund von Helene Fischer. Zufall? Klar. Aber ein schöner.

Es sind die Zielstrebigkeit und der Ehrgeiz, die sie faszinieren, sagt sie. „Und, dass sich diese Frau nicht mehr verstellen muss. Sie ist tatsächlich so nett, wie sie wirkt. Sie macht das, was ihr gefällt.“ Viele Frauen beeindruckt das. Wer meint, dass Schlager, Bier und Männer zusammengehören, der täuscht sich im Fall Fischer. Auch wenn viele Männer sie aus dem Stand weg heiraten würden, selbst wenn ihnen die Musik gar nicht gefällt – die weiblichen Fans sind sogar leicht in der Mehrheit, wenn man sich bei den Auftritten umsieht.

„Den ersten Kontakt hatte ich, als ich ein Konzert im Fernsehen gesehen habe“, sagt Birgit Alsdorf. Zwei Tage später kaufte sie ein Ticket und fuhr auf ein Konzert nach Regensburg. Sie ist sofort Fan geworden. Allerdings ist sie durchaus kritisch. Sie findet: Helene könnte sich nach den Shows ein wenig mehr um ihre Zuschauer kümmern, auch wenn es ein paar Zehntausend sind. „Andrea Berg“, sagt sie, „lässt auch Fotos machen, sogar im Bademantel kommt sie raus zu den Fans.“ Helene Fischer hat ein bisschen den Kontakt zu ihren Fans verloren, das sagen viele, es ist der einzige Kritikpunkt, den man zu hören bekommt.

Jasmin Afghanzada, 27, ist eine derjenigen, die am Freitag im Olympiastadion schon am Nachmittag losrennen werden. In Richtung Bühne, um abends ihrem Idol ganz nah zu sein. Ein Anruf bei ihr in Unterschleißheim. Jasmin Afghanzada, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr macht, grübelt noch über ihr Outfit, vielleicht wird es das sieben Jahre alte Fan-Shirt, selbst gestaltet mit Helene-Fischer-Schriftzug. „Es ist nicht nur die Musik“, sagt sie, „auf den Konzerten trifft man Freunde. Man feiert gemeinsam.“

Um im Stadion den perfekten Platz zu finden, hat sie sich Videos der Premiere in Leipzig im Internet angeschaut. „Der Bühnenarm, der ins Publikum ragt, scheint ein guter Platz zu sein, hier steht Helene Fischer oft“, sagt sie. Akribische Vorbereitung, das gehört eben auch zu einem Helene-Konzert. In dieser Beziehung sind sich der Star und seine Fans manchmal erstaunlich ähnlich.

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