Gastkommentar

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Professor Johannes Schroeter ist Vorsitzender des Familienbundes der Katholiken in der Erzdiözese München und Freising.

An dieser Stelle bitten wir wechselnde Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer oft gehörten These. Heute: Johannes Schroeter zum Streit über die Rolle der staatlichen Flüchtlingshilfe. Was soll der Staat in der momentanen Migrationswelle tun?

Was ist richtig? Was ist falsch? Maßstäbe werden gesucht.

Oft zitiert wird das christliche Gleichnis vom Barmherzigen Samariter: „Nächstenliebe kennt keine Obergrenze“. „Flucht und Asyl – Ein Gebot der Nächstenliebe“. „Man muss am Ende entscheiden nach Nächstenliebe und Verantwortungsbewusstsein.“ Das sind Statements aus der laufenden Diskussion.

Ist der Maßstab brauchbar? Gibt es eine staatliche Politik der Nächstenliebe?

Einspruch! Ein Staat kann nicht lieben. Lieben können Menschen. Für sie ist das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter gemacht. Der Evangelist Lukas berichtet davon in seinem zehnten Kapitel. Ausgangspunkt ist ein Gespräch Jesu mit einem Gesetzeslehrer. Was sei nötig, „um das ewige Leben zu gewinnen“? Unter anderem die Erfüllung des Gebots: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Zur Illustration erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ein Mann geht von Jerusalem nach Jericho, fällt unter die Räuber und bleibt halb tot liegen. Mehrere Passanten gehen achtlos an ihm vorbei. Aber ein Mann aus Samarien sieht ihn und hat Mitleid mit ihm. Er kümmert sich um den Verletzten und bringt ihn zu einer Herberge. Nach einer Weile reist er weiter, beauftragt aber zuvor den Wirt mit der weiteren Pflege. Dafür bezahlt der Samariter den Wirt. „Geh und handle genauso!“, rät Jesus.

Der barmherzige Samariter handelt aus Mitgefühl. Er hilft persönlich, aus Liebe, und wo es kostet, trägt er die Kosten selbst. Darin unterscheidet er sich von dem Wirt. Der hilft auch, aber gegen Bezahlung. Das ist etwas anderes.

Noch einen dritten Helfertyp kennt das Evangelium. Das ist der Mächtige, der andere zum Helfen zwingt. Sein Beispiel steht in der Passionsgeschichte. Der geschwächte Jesus wird nach Golgota geführt, und „auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen.“ (Matthäus 27,32).

Andere zu zwingen, Hilfe zu leisten, ist in der Bibel schon rein textlich weit von der Nächstenliebe entfernt. Der Gezwungene hilft tatsächlich, aber aus Zwang statt aus Liebe. Der Befehlende mag Mitleid mit dem Hilfsbedürftigen haben; aber er leistet die Hilfe nicht selbst. In dieser Rolle sind Regierende, die Hilfsmaßnahmen anordnen. Sie zwingen Bürger und Steuerzahler zur Hilfeleistung. Das ist rechtens im Rahmen der staatlichen Ordnung. Aber es kann nicht mit der christlichen Nächstenliebe begründet werden. Geliebt wird nicht aufgrund von Zwang und Befehl. Ähnlich sind auch Appelle an die Politik zu bewerten, der Staat möge bestimmte Hilfen verfügen oder finanzieren. Die Hilfsmaßnahmen erfordern nämlich regelmäßig Beiträge der Bürger, die befohlen werden, insbesondere Steuern. Insofern ist auch der Ruf nach staatlicher Hilfe kein Akt der Nächstenliebe.

Dem Staat kann das gleich sein. Weder strebt der Staat nach dem Ewigen Leben, noch kann der Staat lieben. Lieben können Menschen. Das, was ein Mensch aus Liebe und mit eigenen Mitteln für einen Bedürftigen tut, das ist Nächstenliebe. Sie lässt sich nicht zwingen, sie lässt sich nicht kaufen. Sie ist ein persönliches Geschenk.

Der Staat gestattet solche Geschenke. Jeder Bundesbürger ist berechtigt, Menschen aus dem Ausland zu sich nach Deutschland zu holen. Nach § 5 des Aufenthaltsgesetzes muss man sich aber vorweg verpflichten, für die Kosten des Lebensunterhaltes zu bürgen. Das ist der Preis der Liebe. Wer ist dazu bereit?

„Staatliche Flüchtlingshilfe ist Nächstenliebe“

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