Draußen islamisch, daheim westlich

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Ruhani auf Einkaufstour. In Rom und Paris sichert Irans Präsident seinem Land einen vollen Einkaufskorb. Mit dem neuen Kurs knüpft die Mullah-Republik an eine Politik an, die die persische Geschichte Jahrtausende geprägt hat: Weltoffenheit.

Der Iran

Ruhani auf Einkaufstour. In Rom und Paris sichert Irans Präsident seinem Land einen vollen Einkaufskorb. Mit dem neuen Kurs knüpft die Mullah-Republik an eine Politik an, die die persische Geschichte Jahrtausende geprägt hat: Weltoffenheit.

Von Farshid Motahari und Gerd Roth

Paris/Rom/Teheran – Paris blieb unverhüllt. In der französischen Hauptstadt gab es keine Anstalten, dem iranischen Gast möglicherweise unliebsame Einsichten zu verwehren. Während bei der Visite von Präsident Hassan Ruhani in Rom noch antike Nacktstatuen vor streng religiösen Blicken verhängt wurden, blieb die Kunst in Frankreich unangetastet. Selbst die Tischkultur stand nicht auf dem Prüfstand: Im Élysée gab es kein Staatsbankett. Nur ein Abendessen. Der Wein dazu mag bei gläubigen Muslimen verpönt sein, in Frankreich gilt das als Tradition.

Wirtschaftlich und politisch stieß Ruhani in Rom und Paris europäische Türen weit auf. Nach Jahrzehnten der internationalen Isolation hat das Atomabkommen die Grundlage geschaffen für eine neue Ära. Frankreich will aus europäischer Perspektive einen „verlässlichen Partner“ in der von Krisen, Krieg und Terrorismus geprägten Region.

Schon dem Papst hat Ruhani versprochen, der Iran werde alles tun, um Terrorismus und Extremismus zu bekämpfen. Das Gleiche tut er auch im Élyséepalast. Dort soll Präsident François Hollande auf den Iran bei der Lösung der Syrien-Krise und im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zählen können.

Mit Blick auf Differenzen mit den regionalen Protagonisten Saudi-Arabien und Türkei verwies Ruhani in Rom und Paris auf die Atomverhandlungen als Beispiel dafür, wie langjährige Konflikte erfolgreich beendet werden können. „Frankreich hat der Welt gezeigt, dass Diplomatie und Gespräche effizient sein können“, sagte Ruhani. Wenn das mit den sechs Weltmächten klappt, wird es auch mit den islamischen Glaubensbrüdern hinhauen.

Im hoch gesicherten Paris konnten Demonstrationen gegen den Besuch das Programm kaum stören. Exiliraner protestierten gegen den Besuch Ruhanis. Die Femen-Gruppe wies mit einer nackt über der Seine baumelnden Aktivistin auf öffentliche Hinrichtungen im selbst ernannten Gottesstaat Iran hin. Das offizielle Paris setzt beim Thema Menschenrechte lieber auf stille Diplomatie.   Die neue Offenheit Teherans richtet den Blick der Weltöffentlichkeit auf ein Land mit zwei Gesichtern: Einserseits ist der Iran seit der Revolution von 1979 eine Islamische Republik, in der der schiitische Klerus in zentralen Fragen das letzte Wort hat. Andererseits hat die Religion auch 37 Jahre nach der Revolution im Alltagsleben der Menschen nicht den vom konservativen Klerus erhofften Status erreicht.

Besonders über Internet und Satellitenfernsehen verfolgen viele Iraner – nicht nur die junge Generation – das Leben im Ausland. Die Bevölkerungsmehrheit will Perser bleiben, aber zugleich etwas westlichen Lebensstil ausleben. Auch dank sozialer Netzwerke verbreiten sich Kenntnisse von Fremdsprachen, vor allem Englisch.

Oberster Führer des Landes wurde nach dem Sturz des Schahs 1979 der Revolutionsführer Großajatollah Ruhollah Chomeini. Ihm folgte nach seinem Tod 1989 Ajatollah Ali Chamenei. Laut Verfassung hat er das letzte Wort in allen strategischen Belangen. Der Staatspräsident und das Parlament werden demokratisch gewählt. Sie handeln wie in anderen Ländern, werden aber von Gremien kontrolliert, die von Chamenei ernannt werden. Dieses Kontrollsystem ist umstritten, aber verfassungskonform.

Die Bevölkerung ist jung; mehr als die Hälfte der 80 Millionen Iraner sind unter 35 Jahre. Viele, besonders Frauen, sind akademisch ausgebildet und hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Sie setzen auf die Reformer um Hassan Ruhani, der 2013 Präsident wurde, und hoffen nach dem Ende der Wirtschaftssanktionen auf bessere Zeiten. Die Reformer haben gute Aussichten, die Parlamentswahl im Februar zu gewinnen.

Im Iran herrscht Reisefreiheit für alle, die es sich leisten können. Die Iraner leben in zwei parallelen Welten: zu Hause und draußen. Auf der Straße müssen alle islamische Regeln befolgen; Frauen tragen Kopftuch und Mantel, um Haare und Körperformen zu verhüllen. Zuhause geht es meist westlich zu, auch beim Feiern. Der Klerus kämpft beharrlich gegen den Einfluss westlicher Kultur, die – so die Befürchtung – vom Islam ablenkt. Die Sittenpolizei will die Jugendlichen zur Einhaltung islamischer Vorschriften bewegen; es ist eine Sisyphus-Arbeit: Bei den jungen Frauen werden dennoch die Mäntel enger, die Kopftücher kleiner und das Make-up heftiger.

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