Brüchige Feuerpause

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Ein Kind ringt nach Luft: Nach einem möglichen Chlorgasangriff von Regierungstruppen in Ost-Ghuta kümmert sich ein Mediziner um eines der Opfer. Das war am Sonntag – die gestrige Feuerpause blieb nicht ohne Zwischenfälle. Foto: afp

Fünf Stunden sollte die Waffenruhe im Rebellengebiet Ost-Ghuta dauern, doch die Kämpfe gingen weiter. Außerdem verließen wohl keine Zivilisten die Region. Stattdessen gab es Verletzte – und ein totes Kind.

Syrien 

von Jan Kuhlmann

Damaskus – Trotz einer ersten fünfstündigen Feuerpause geht das Drama im belagerten syrischen Rebellengebiet Ost-Ghuta weiter. Bei Angriffen der Regierung seien ein Kind getötet und 16 Menschen verletzt worden, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die Regierung habe Ost-Ghuta mehrfach aus der Luft bombardiert und mit Artillerie beschossen. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nur schwer überprüfen, in der Vergangenheit haben sie sich aber als zuverlässig erwiesen.

Zivilisten verließen das umkämpfte Gebiet nicht. Auch Hilfslieferungen kamen nicht in die Region. Allerdings ging die Gewalt zurück. Ost-Ghuta hatte zuletzt eine der schwersten Angriffswellen seit Beginn des Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren erlebt. Die von Russland verkündete Feuerpause soll Hilfskonvois für die Notleidenden ermöglichen. Außerdem sollen Zivilisten das Gebiet verlassen können. Die Feuerpause soll auch in den nächsten Tagen zwischen 9 und 14 Uhr Ortszeit gelten.

In den vergangenen neun Tagen sind in Ost-Ghuta den Menschenrechtlern zufolge mindestens 570 Zivilisten getötet worden. Regierungstruppen belagern das Gebiet seit 2013. Rund 400 000 Menschen sind von der Außenwelt abgeschnitten. Die humanitäre Lage ist dramatisch. Es fehlt an Nahrung, Strom und Medikamenten. Trotz Wintertemperaturen können die Menschen wegen Kraftstoffmangels nicht heizen. Laut Helfern müssen viele hungern.

Die Regierung errichtete nach Angaben des syrischen Staatsfernsehens sichere Korridore für Zivilisten aus Ost-Ghuta. Eine internationale Hilfsorganisation, die ungenannt bleiben wollte, konnte das aber nicht bestätigen.

Regierung und Rebellen warfen sich gegenseitig Verstöße gegen die Waffenruhe vor. Das syrische Staatsfernsehen meldete, „Terrorgruppen“ hätten fünf Granaten auf einen Fluchtkorridor gefeuert, um so den Abzug von Zivilisten aus Ost-Ghuta zu verhindern. Aus der syrischen Armee hieß es, dabei seien fünf Soldaten verletzt worden. Nach Angaben des Staatsfernsehens wurden zudem in einem Vorort von Damaskus acht Menschen verletzt.

Rebellensprecher Wail Olwan von der Miliz Failak al-Rahman erklärte dagegen, die Vorwürfe seien frei erfunden. Zivilisten trauten sich wegen der Angriffe der Armee nicht, Ost-Ghuta zu verlassen. Es gebe auch keine Garantien, dass sie im Gebiet des Regimes nicht festgenommen, gefoltert oder zwangsrekrutiert würden. In einem Brief an die UN erklärten sich Rebellenmilizen bereit, Kämpfer des syrischen Al-Kaida-Ablegers aus Ost-Ghuta herauszubringen.

Eine stundenweise Feuerpause in Syrien reicht nach UN-Angaben nicht aus, um die notleidende Bevölkerung zu versorgen. „Es ist eine Frage von Leben und Tod“, sagte der Sprecher der UN-Nothilfe, Jens Laerke, in Genf. Unter Beschuss könnten keine Hilfsgüter geliefert werden. Die Menschen bräuchten eine Feuerpause von 30 Tagen, wie vom Weltsicherheitsrat beschlossen.

Der lokale Rat von Ost-Ghuta nannte das Angebot eines Abzugs von Zivilisten eine „Zwangsvertreibung“. Die Menschen hätten nur die Wahl, unter der Bombardierung zu sterben oder ihr Land zu verlassen. Auch der Chefunterhändler der syrischen Opposition, Nasr al-Hariri, erklärte, mit der Feuerpause solle die Demografie in Ost-Ghuta verändert werden. Das sei inakzeptabel. Die Lage in Ost-Ghuta erinnert an den monatelangen Kampf um den von Rebellen kontrollierten Osten der Großstadt Aleppo im Norden Syriens. Auch dort sollten Ende 2016 Zivilisten das umkämpfte Gebiet über Fluchtkorridore verlassen. Allerdings machten davon nur wenige Menschen Gebrauch.

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