Ein bisschen Frieden im Kloster Angela Merkel, inoffiziell persona non grata im CSU-Wahlkampf, kommt für einen einzigen Auftritt nach Bayern.

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Klösterlicher Frieden: Angela Merkel zwischen Theo Waigel und Markus Söder in Ottobeuren. Foto: dpa

Ein bisschen Frieden im Kloster. Angela Merkel, inoffiziell persona non grata im CSU-Wahlkampf, kommt für einen einzigen Auftritt nach Bayern.

In einem Kloster spricht sie über Europa. Das heikle Thema Migration tippt sie nur am Rand an.

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER  

Ottobeuren – Auf dem beschaulichen Marktplatz von Ottobeuren kann die Union ziemlich genau ablesen, was ihr Problem ist. Rechts demonstriert die AfD gegen Markus Söder und Angela Merkel. Gegenüber demonstriert ein linkes Bündnis gegen Markus Söder und Angela Merkel. Ein Tourist trabt irritiert auf einen Polizisten zu und fragt, wer jetzt eigentlich für Merkel sei. Achselzucken.

Kanzlerin und Ministerpräsident nehmen den Hintereingang in die Basilika. Nein, der Protest in der schwäbischen Provinz hat längst nicht das Ausmaß der gellenden Pfeifkonzerte für die Kanzlerin bei fast allen Auftritten in Bayern im Bundestagswahlkampf 2017. Aber die Szene erinnert die CSU daran, warum dieser Tag mit Merkel einer der ganz wenigen Wahlkampftermine der Kanzlerin im Süden ist.

Ist das überhaupt Wahlkampf? Merkel hält eine sehr staatstragende Rede bei einem europapolitischen Symposium in der ehrfurchterweckenden Benediktinerabtei. Eingefädelt hat das Theo Waigel. Der Ex-Finanzminister hatte 2017, auf der Höhe des CSU-Zorns, einen bundesweit beachteten Merkel-Unterstützerclub gegründet. Wissend, dass auch die christsoziale Basis gespalten ist in Anti-, Egal- und Pro-Merkel. Er wollte Brücken bauen.

Waigel setzt einen Kontrapunkt zur harten Söder-Linie, der zwar über Merkel öffentlich kein negatives Wort mehr sagt, sie aber aus seinem Wahlkampf so dermaßen verbannt hat, wie es noch nie in der Unions-Geschichte vorkam. Kein einziger großer Auftritt findet statt; zur Abschlusskundgebung in München lud Söder einen Kanzler ein, den aus Österreich, und Merkel aus. Ihr einziges Zusammentreffen neulich abends bei einem größeren Essen in München wurde nur durch Zufall Minuten vorher publik.

Der Akt in Ottobeuren ist eine Gratwanderung. Söder begrüßt Merkel „ausdrücklich herzlich“. Er kommt aber, hoppla, so spät, dass er den Fototermin und den Eintrag ins Goldene Buch nicht erreicht. Seine Rede enthält Zwischentöne. Er beklagt als „absurd“, wie gespalten und unsicher die Gesellschaft sei, während die wirtschaftliche Lage besser denn je sei. Eine Schuldzuweisung an die Flüchtlingskanzlerin nimmt er nicht vor, spricht aber ausführlich über Migration, „die Balance zwischen Humanität und Ordnung“.

Auffällig scharf grenzt er sich von Vorgänger Horst Seehofer ab. Söder lobt die EU-Gipfel-Ergebnisse, wegen derer Seehofer im Juli noch schrill mit Rücktritt gedroht hatte. Lösungsorientiert lasse sich mehr erreichen, „der aggressive Ansatz kann nichts lösen“, sagt der Ministerpräsident, keiner solle „fundamentalistisch nörgeln und schimpfen“. Söder sucht Distanz zum nicht eingeladenen Seehofer, der auch in mehreren Umfragen wegen des Koalitionsstreits abstürzt. Deutlich ist auch, wie Söder den Schulterschluss mit den CSU-Kollegen Waigel und Manfred Weber sucht und einen proeuropäischen Kurs fährt.

Merkel dürfte das mit Genugtuung bemerken. Die Kanzlerin sendet nur eine ganz vorsichtige Mahnung an die CSU: „Erfolge erreicht man nicht allein regional, sie setzen Weltoffenheit immer voraus.“ Zwischen Freistaat, Deutschland und Europa gebe es „kein Entweder-Oder, sie bedingen einander.“ In drei präzise kalkulierten Sätzen stellt sie sich zudem hinter die EU-Spitzenkandidatur Webers („ich bin richtig stolz darauf“), sagt aber nicht, ob sich daraus das Amt des Kommissionspräsidenten ableite.

Der Tag geht ohne Eklat über die Bühne, statt Pfiffen umranden im spätbarocken Kaisersaal Klavier und Blockflöte Merkels Rede. Die geladenen Gäste erheben sich zum Applaus, keiner widerspricht. Einmal nur gibt es Misstöne – als das Wasserglas der Kanzlerin zerschellt.

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