Bayerns schönster Maibaum-Krimi

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Eine Fichte aus Ebersberg wird zum Maibaum für Brüssels Bürokraten. Die Idee von Markus Söder entwickelte sich aber schnell zu einem Krimi – und das Geschenk wäre fast nie angekommen. Wir waren dabei, als der berühmteste Maibaum Bayerns entführt wurde.

Ein Prachtstangerl für Brüssel 

von Sebastian Dorn und Josef Amtesbichler

Rott am Inn/München – Es ist die Kulisse für das perfekte Verbrechen. Rädelsführer Anian Reitberger, 25, steht mit grauem Filzhut mitten in der Nacht auf dem Gelände einer Zimmerei in Schechen bei Rott am Inn, nur der Lichtkegel einer Taschenlampe streift durch die Dunkelheit. Kies knirscht unter schweren Arbeitsschuhen. „Auf geht’s, Burschen“, flüstert Reitberger und zeigt in die hinterste Ecke des Geländes. Die Beute, ein weiß-blauer Stamm, ist von einem Laster zugeparkt. Mit elf Kumpanen schultert er das Trumm, zwölf Lungen keuchen in der Finsternis, hastige Kommandos eilen per Flüsterpost den Baum entlang. Jetzt bloß nicht erwischt werden.

Es handelt sich hier nicht um irgendeinen Maibaum, den die Grafinger und Ebersberger Burschen erst am Nachmittag per Fernglas ausgespäht haben und nun mit Muskelkraft davonschleppen. Die zwölf Mann stehlen den wohl begehrtesten Maibaum Bayerns, den Baum des Ministerpräsidenten persönlich, den Stolz der Staatsregierung.

Am 2. Mai will Markus Söder die 18,87-Meter-Fichte in der Bayerischen Vertretung in Brüssel aufstellen, er plant ein großes Fest mit 300 Gästen und viel Spektakel. Dass der Weg nach Brüssel kompliziert werden dürfte, war klar. Aber dass das Unterfangen so kompliziert wird – damit hatte wohl niemand gerechnet. Aus einer spontanen Idee wird ein Maibaum-Krimi.

Die zwölf Diebe haben nur noch ein paar Maibaumlängen Fußmarsch zu ihrem Lkw, als im Wohnhaus neben der Zimmerei das Licht angeht. Im Laufschritt mit dem Maibaum ab und davon? Unmöglich. Anian Reitberger und seine Burschen ducken sich an einer Hecke, aber kurz darauf entdeckt sie der Maibaumbewacher. Barfuß steht er nachts um halb Drei im kalten Kies, aber er hat ein Grinsen im Gesicht. „Servus“, sagt Georg Gruber, 26. „Es tut mir leid, aber der Baum bleibt da.“

Der CSU-Landtagsabgeordnete Thomas Huber, 45, erfährt am nächsten Morgen am Telefon von dem Beinahe-Malheur. Er sitzt in der Landtagsgaststätte, hat sein Handy in der Hand und verspricht den Dieben gerade eine Brotzeit – weil sie so sorgsam waren zum Baum. Dann tippt er eine SMS an Söder – nicht, dass der die Geschichte zuerst aus der Zeitung erfährt.

Eigentlich kümmert sich Huber, Abgeordneter aus Ebersberg, um Sozial- und Familienpolitik im Landtag, aber seit drei Wochen ist er hauptberuflich Söders Maibaum-Beauftragter. Schon als Kind war Huber beim Baumaufstellen in Grafing dabei, ein Profi sozusagen. So groß wie diesmal war der Druck aber noch nie, denn dem Ministerpräsidenten schlägt man keinen Wunsch aus. Wer den Chef enttäuscht, das ist doch klar, der wird die nächsten Jahrzehnte nichts mehr in der CSU.

Das Baum-Abenteuer beginnt in der Karwoche, mit einem Anruf bei Thomas Huber. Ja freilich könne er die Atteltaler Trachtler für die Maifeier in Brüssel organisieren, sagt er der Bayerischen Vertretung zu. Und bestimmt kämen die Zornedinger Goaßlschnalzer auch gerne mit. Das Problem nur: Das Wichtigste fehlt, 33 Tage vorm Fest gibt es noch keinen Baum. Da war klar: Der Brüsseler Maibaum wird heuer nicht nur der prominenteste sein, sondern auch der mit der kürzesten Vorbereitungszeit.

Mächtig muss so eine Maibaum-Fichte sein und gerade, aber nicht zu lang, sonst passt sie nicht durch die Hofeinfahrt in Brüssel, Adresse Rue Wiertz 77. Huber und sein Schwiegervater fällen den Baum am Karsamstag und schebsen ihn, aber er steht natürlich noch voll im Saft. Und ein nasser Stamm taugt nichts. „Wir haben ihn behandelt wie ein rohes Ei“, sagt Huber, tagelang rein- und rausgefahren in die Sonne, gedreht und gewendet. „Sonst hätt’s ihn z’rissen.“ Auf einer Zugfahrt von Innsbruck nach München malt Huber auf Schmierpapier, wo die sechs Zunftzeichen platziert werden sollen, darunter ein Grafinger Trachtlerpaar, das Bayernwappen und die Europa-Sterne. Das Aufstellen kommandiert Baptist Lindner junior, Organisator bei den Grafinger Trachtlern und schon ein erfahrener Maibaum-Aufsteller. Die Werkzeuge: Viel Muskelkraft und handgebundene Schwaiberl. Die längsten Stangen sind zehn Meter lang.

In Brüssel freuen sie sich schon seit Tagen auf das Fest, der Hausmeister in der Bayerischen Vertretung hat sogar extra nochmal zum Pinsel gegriffen und die Stützschiene blau angestrichen. Ein Maibaum ist das Symbol für Heimat, da muss alles perfekt sein. Das gilt nicht nur auf dem Dorfplatz in Oberbayern, sondern auch bei Bayerns Bürokraten in Belgien. Darauf weist zumindest das Indiz hin, das sie in der Bayerischen Vertretung spontan angeboten hatten, ein Sondereinsatzkommando der Polizei nach Ebersberg zu schicken, als sie von den Maibaum-Dieben erfuhren. Scherzhaft natürlich, denn das mit dem Maibaum soll vor allem eine Gaudi sein. Und eine Inszenierung.

Vor zehn Jahren, Markus Söder war damals Europaminister, hat er schon mal einen Baum an der Rue Wiertz 77 aufstellen lassen. Damals kam er aus dem Chiemgau, diesmal aus Ebersberg. Und Söder kommt nicht als Minister, sondern Ministerpräsident wieder – bei seiner ersten Auslandsreise überhaupt. So wichtig ihm diese Reise ist, so entspannt kontert er den Klauversuch: „Danke für den Versuch“, sagt er süffisant-ironisch in der Staatskanzlei, „aber danke auch, dass es nicht geklappt hat.“

Eine allerletzte Hürde muss der Baum auf seinem schwierigen Weg noch nehmen. Die vielleicht gut 500 Kilo schwere und knapp 19 Meter lange Fichte, Stamm-Durchmesser unten 30 Zentimeter und oben beim Wettergockel 9,8, muss vom Landkreis Ebersberg nach Brüssel kommen. 764 Kilometer Wegstrecke sind das über die A 8 und die A 4, acht Stunden Fahrzeit – wenn man ohne Stau mit dem Auto durchkommt. Der Holztransporter der Spedition braucht deutlich länger, er ist schon am Freitag los. Die Trachtler und Goaßlschnalzer kommen für das Fest mit einem 63er-Reisebus hinterher, Söder und seine Minister sitzen im Flieger.

Der aktuelle Stand: Es sieht gut aus, dass nach den Strapazen alles klappt. Denn fertige Bäume dürfen zum Glück nicht mehr geklaut werden. Das ist in Brüssel nicht anders als in Bayern.

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