MEDIENETHIKER ALEXANDER FILIPOVIC ÜBER EINEN BANN GEGEN DIETER WEDEL, DAS SYSTEM DER FERNSEHPRODUKTIONEN UND EINEN ZUSCHAUER-BOYKOTT

„Aufpassen, dass uns nicht die moralischen Pferde durchgehen“

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Professor Alexander Filipoviclehrt an der Hochschule für Philosophie in München.

München – Es ist eine Forderung, die schwere Konsequenzen nach sich ziehen könnte, sollte sie umgesetzt werden: Der Münchner Regisseur Simon Verhoeven hat die TV-Sender, die mit Dieter Wedel zusammenarbeiten, aufgerufen, dass sie dessen Werke „nie wieder ausstrahlen“ sollen.

Doch ist es sinnvoll, die Arbeit eines mutmaßlichen Täters aus dem Programm zu verbannen? Wir haben einen Experten gefragt, ob die Forderung angebracht ist – und was stattdessen Wirkung zeigen könnte.

„Zu diesem Zeitpunkt über Konsequenzen für Wedels Filme zu schreiben, bereitet mir Unbehagen“, sagt Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München. „Es gibt massive und offenbar gut recherchierte Vorwürfe – aber wir müssen aufpassen, dass uns nicht die moralischen Pferde durchgehen.“

Zunächst gelte auch für Dieter Wedel die Unschuldsvermutung, zudem träfen Vorverurteilungen nicht nur einzelne Personen, sondern belasten auch das gesellschaftliche Klima. Der Medienethiker sagt allerdings auch: „Die Nachrichten aus dem Filmgeschäft im Hinblick auf Machtmissbrauch und Übergriffe sind schockierend.“ Nun falle auf, dass es sich um ein System, eine Struktur handelt: Filme und TV-Serien seien offenbar auch in Deutschland in einem gewalttätigen Klima entstanden – und das mit dem Wissen und der Beteiligung von Produktionsfirmen und Sendern. „Zu viele Verantwortliche haben weggeschaut“, sagt Filipovic. „Das muss jetzt aufgearbeitet werden.“

Die Frage, ob die Aufarbeitung zugleich einen Fernseh-Bann für Wedels Filme und Serien beinhalten sollte, betrachtet Alexander Filipovic jedoch kritisch: „Ich bin skeptisch gegenüber Forderungen, dass wir jetzt keine Filme mehr schauen dürfen, an denen die Beschuldigten Spacey, Wedel und andere beteiligt waren – selbst wenn die Fälle sich auch rechtlich als wahr herausstellen.“ Der Filmgenuss der Menschen, die vor den Fernsehgeräten sitzen, bedeute schließlich nicht automatisch, dass sie Gewalt und Missbrauch bei der Entstehung dieser Filme akzeptieren.

Filipovic appelliert deshalb auch an die Zuschauer. „Konzentrieren wir uns darauf, dass künftig im Fernseh- und Filmgeschäft keine und keiner mehr zu Schaden kommt“, fordert er. Ein Mittel hierfür könnte, so der Experte, beispielsweise ein Zuschauer-Boykott für bestimmte Produktionen sein. Alexander Filipovic sagt: „Ich würde da mitmachen.“ kb, thy

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