VIERTER PROZESSTAG ZUM ZUGUNGLÜCK

Zweimal „Zs1“ an einem Morgen

Zweimal an einem Morgen sah ein Facharbeiter der Bahn das Sondersignal, kurz darauf passierte das Zugunglück von Bad Aibling. Er sagte am vierten Prozesstag vor Gericht aus.

Traunstein/Bad Aibling – Nie zuvor hatte ein 57-jähriger Facharbeiter der DB Netz AG, der seit 20 Jahren mit der Bahn von Bad Aibling nach Rosenheim fährt, auf der Strecke das „Ersatzsignal Zs1“ gesehen. Am 9. Februar 2016 sah er das Zeichen, das alle anderen Signale außer Kraft setzt, gleich zweimal. Wenig später kollidierte sein Zug auf der eingleisigen Strecke in Bad Aibling mit dem Gegenzug.

Zwölf Menschen starben, 89 wurden verletzt. Ein 40-jähriger Fahrdienstleiter steht vor der Zweiten Strafkammer am Landgericht Traunstein. Er soll im Dienst durch ein Online-Spiel abgelenkt gewesen sein und fahrlässig folgenschwere Fehler begangen haben.

Der 57-jährige Zeuge, der im Prozess aussagte, war auf dem Weg zur Arbeit. Mit zwei bis drei Minuten Verspätung rollte der Regionalzug Meridian 79505 in den Bahnhof Bad Aibling. Das Signal stand auf „Halt“. Der Zeuge stieg wie immer in das hintere Großabteil.

Von seinem Sitz aus erblickte der Bahnarbeiter statt des grünen Ausfahrtzeichens das Ersatzsignal Zs1: „Ich dachte, es wird wegen des vorherigen Sturms und eines Schadens an der Oberleitung sein.“ Kurz danach hielt der Zug am Haltepunkt Kurpark. Wieder bemerkte der Passagier das Leuchten eines Zs1: „Ich bin stutzig geworden. Zweimal ein Zs1 – das habe ich noch nicht erlebt.“

Der Zug beschleunigte wieder. Beim Zusammenprall wurde der 57-Jährige fünf Meter einen Hang hinauf geschleudert. Er verlor seine Brille, rappelte sich hoch: „Ich hab‘ mich angeschaut, Arme, Beine, alles war dran.“ Von seinem Diensthandy aus habe er seine Dienststelle in Rosenheim verständigt.

Im Krankenhaus wurden Brustprellungen festgestellt: „Alles war blau. Ich musste acht Wochen starke Schmerzmittel nehmen und konnte nur auf dem Rücken schlafen.“ Inzwischen sei alles verheilt. Jetzt sei er wieder in der Lage zu arbeiten. Jedoch dürfe er von der Bahn aus kein Fahrzeug mehr bewegen. Der Bahnpsychologe habe das untersagt.

Das Online-Spiel „Dungeon Hunter V“ ist Kernpunkt des Prozesses. Der Angeklagte war am Unglücksmorgen damit – wie schon oft vorher – in der Dienstzeit auf seinem privaten Smartphone aktiv. Der Manager (36) des rumänischen Spieleherstellers erklärte Details.

Pausen könnten eingelegt werden. Jedes Spiel der Millionen von Teilnehmern werde in einem „Safe“ auf dem Server im kanadischen Montreal aufgezeichnet. Letztlich gebe es in dem für alle Altersklassen gedachten Spiel nie ein Ende. Man könne es immer weiterspielen.

Rüdiger Muschweck, Leiter der Unfalluntersuchungsstelle der Deutschen Bahn für Bayern in Nürnberg, hatte am dritten Prozesstag Kritik an der Bahn geübt (wir berichteten). Allgemein werde angenommen, auf der Mangfalltal-Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim gebe es ein Zentralblock-Sicherungssystem. Das stimme aber nicht. Die Vorschriften in den Regelwerken „408“ und „482“ seien „widersprüchlich und falsch“. Der Stellwerkstisch weise einen Schaltfehler auf. Unabhängig davon stünden dem Fahrdienstleiter dort alle Informationen zur Verfügung – wenn auch „über verschiedene Signale“. Am Rande sagte der Sachverständige, bis 1984 hätte die Bahn die Anlage im Stellwerk Bad Aibling nachrüsten müssen: „Das ist bis heute nicht erfolgt.“

Der von Oberstaatsanwalt Jürgen Branz nach dem Unglück beauftragte neutrale Sachverständige Martin Will beleuchtete nochmals die zeitliche Ablaufkette der Ereignisse, jedoch aufgrund von Zeugenaussagen leicht korrigiert, bis zum Crash der Züge um exakt 6.47 Uhr.

Durch Erkrankung eines Gutachters hat sich das Verfahren verzögert. Die Spielgewohnheiten des Angeklagten und seine Online-Präsenz am Unglückstag erläutert ein Spielesachverständiger am morgigen Donnerstag. Die zehn Plädoyers sind für Freitag, 2. Dezember, geplant. Wann das Urteil verkündet wird, ist noch offen. kd

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