INTERVIEW

Zwei Bären für mehr Toleranz

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Hans Gärtner, ehemaliger Professor für Grundschulpädagogik und -didaktik, schreibt seit einigen Jahren Kinderbücher. Zusammen mit der Künstlerin Christel Kaspar erzählt er jetzt die Geschichte zweier schwuler Bären.

Warum schreiben Sie Kinderbücher?

Ich war jahrelang mit Kinderbüchern beschäftigt, habe sie rezensiert oder als Juror beurteilt. Ich war vier Jahre lang Vorsitzender der Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises, des einzigen Literaturpreises, den die Bundesrepublik Deutschland vergibt, und zwar seit nunmehr exakt 60 Jahren. Da liegt es nahe, zu sagen: Wie ist es eigentlich, wenn man für Kinder schreibt. Wenn man immer nur über Kinderbücher schreibt, ist das eigentlich ein Verrat. Soll man doch zeigen, dass man das Metier, über das man urteilt, auch selbst versteht.

Was ist die Herausforderung, ein Kinderbuch zu schreiben?

Man muss auf die Höhe des Kindes kommen. Wie Erich Kästner gesagt hat: „Wenn man für Kinder schreibt, muss man in die Knie gehen.“ Zugleich – und das ist die eigentliche Herausforderung – darf dieses Heruntersteigen nicht so sein, dass man völlig im Trivialton versinkt. Man soll anspruchsvoll die Sprache führen, damit die Kinder merken, ein Buch ist etwas anderes als normal miteinander zu sprechen.

„Schwulsein ist eine Thematik, die für andere Themen steht.“ Hans Gärtner

Wie kommen Sie auf die Themen Ihrer Kinderbücher?

Ich halte es mit Harald Grill, der sagt: „Die Geschichten liegen auf der Straße.“ Man wird angestoßen durch einen Zeitungsartikel, durch das Gespräch zweier Nachbarinnen, da sagt ein Kind irgendwas, und daraus wird eine Geschichte.

Wo lag die Geschichte der zwei schwulen Bären herum?

In der Umgebung gibt es eine Familie, die einen Sohn hat, der einen Mann geheiratet hat. Der Vater soll gesagt haben: „Wenn Du das machst, enterbe ich Dich.“ Das war für mich ein einschneidendes Folgestück einer solchen anderen Liebe, dass ich gesagt habe, jetzt muss ich etwas für Kinder machen. Um Kinder auf das Thema zu bringen und Eltern, die vielleicht mitlesen, auch.

Wie behandeln andere Kinderbuchautoren dieses Thema?

Es ist im Kinderbuch sehr selten und dann oft sehr aufreißerisch. Ich dachte, ich mache es ganz anders und habe es in eine kleine Stadt verlegt, die durchaus Mühldorf sein kann.

Nun greifen Sie das Thema Homosexualität sehr direkt auf und binden es nicht in eine andere zum Beispiel Abenteuergeschichte ein.

Die zwei Bären gehen aufeinander zu, weil sie voneinander beeindruckt sind. Diese Beeindruckung läuft nicht über irgendwelche Abenteuer, sondern über das Angemutetsein vom anderen, von seinem Äußeren, seiner Sprache, seinem Gestus.

Das geht aber zunächst nicht ganz glimpflich aus.

Natürlich lösen die beiden in einer Kleinstadt Konflikte aus.

Den Konflikt stellen Sie an drei Bärenmännern dar: Friseur, Lehrer, Pfarrer. Warum?

Die stehen exemplarisch da. Friseuren sagt man immer nach, dass sie schwul sind. Bei ihm ist es die Frage, ob er aus Überzeugung dagegen ist oder nur, weil er mit den beiden anderen in einer Gruppe ist. Den Lehrer habe ich gewählt, weil er sofort sieht, wenn jemand anders ist. Dann stört er. Der Lehrer ist nicht per se gegen die Veranlagung. Aber er fürchtet Disziplinschwierigkeiten, dass der andere aneckt, ein Rabauke ist, ein Störenfried. Der Pfarrer steht für die katholische Kirche, in der das Thema sehr stark unter den Teppich gekehrt wird. Er versteht sich als Anwalt derer, die dagegen sind.

Diese Charakterisierungen könnten aber für den Umgang mit allen Minderheiten gelten.

Schwulsein ist eine Thematik, die für andere Themen steht, egal ob es um Behinderte geht oder Ausgegrenzte oder abgewertete Minderheiten. Wer anders denkt, wer anders liebt, wer anders schreibt, anders ist, als es die Allgemeinheit will, der ist sowieso schrecklich. Das ist das Wesentliche dieses Buchs: Es geht überhaupt um Minderheiten.

Ist es dann noch ein typisches Kinderbuch?

Nein, denn es können auch Jugendliche annehmen. Und bei der Vorstellung in München wollten die erwachsenen Gäste es auch nicht als Kinderbuch verstehen.

Wie kamen Sie auf die Künstlerin Christel Kaspar?

Der Verleger hat ihr das Manuskript gegeben, und sie hat direkt mit dem Zeichnen begonnen. Sie hat etwa mein Alter, eine gestandene Oma, Mal-Schülerin von Lüpertz und Casagrande. Sie hat es hart illustriert, kantig, es ist kein Kuschelbärenbuch. Sie hat eigene Ideen vorgelegt, wie das Buch aussehen könnte.

Wird das Buch am Ende etwas pädagogisierend?

Es war noch pädagogisierender, als es jetzt ist. Ich hatte auch einen pädagogisierenden Einstieg, den haben sie mir rausgestrichen. Vielleicht ist zum Schluss in der Rede des Bürgermeisters etwas stark herausgestellt, um was es geht. Aber manchen muss man Dinge drei- oder viermal erzählen, damit sie es verstehen.

Wird es weitere Geschichten der schwulen Bären geben?

Da ist nichts geplant. Das wäre auch eine Pädagogisierung, wenn wir jetzt nochmal anfangen würden. hon

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