Er war Häftling im KZ-Außenkommando Mühldorf – nun kehrt er zurück zum Ort des Leidens

Zoltan Schwarcz zündet am KZ-Friedhof in Mühldorf eine Kerze für seinen Vater und Onkel an. Beide sind im KZ-Mühldorf ermordet worden. perzlmeier

Zoltan Schwarcz war Häftling im KZ-Außenkommando Mühldorf. Über 70 Jahre später kehrt er an die Gedenkorte zurück und gibt Einblicke in das, was er hier erlebt hat.

Mühldorf – Lange hat Zoltan Schwarcz geschwiegen. Hat nichts erzählt von all dem Grauen im KZ-Außenlager Mühldorf, all dem Leid vor 75 Jahren, vom täglichen Kampf ums Überleben. Nun kehrt er zurück an die Orte, die sein Leben verändert haben, und besucht erstmals die Gedenkorte im Mühldorfer Hart. Ein Rundgang der Erinnerung, der in Mettenheim-Hart beginnt.

Altlager

Heute weist nichts mehr auf die bewegte Geschichte dieses Ortes hin. Nur schwer vorstellbar, wie es hier vor fast 75 Jahren ausgesehen hat. Zoltan Schwarcz erinnert sich aber noch genau – und beginnt zu erzählen. Weil er nur ungarisch und hebräisch spricht, übersetzen seine Töchter und Enkeltöchter, die ihn ebenso begleiten wie Franz Langstein, Vorsitzender des „Verein für das Erinnern“.

Wo jetzt ein Sportplatz und eine Wohnsiedlung sind, befanden sich früher eine Kiesgrube sowie zahlreiche Holzbaracken. Hütten, in denen auch Schwarcz seit seiner Ankunft am 27. Juli 1944, leben musste – unter unmenschlichen Bedingungen. Der 89-Jährige erzählt von den katastrophalen hygienischen Zuständen. Richtige Toiletten habe es nicht gegeben. Dazu kamen die tägliche Schwerstarbeit in der Kiesgrube, die Schinderei an der Bunkerbaustelle, die Unterernährung. Zustände, die sich tief in das Gedächtnis des Überlebenden eingebrannt haben.

Waldlager

Ruhig und friedlich wirkt der Ort an diesem Tag. Die Sonnenstrahlen kommen zwischen den Bäumen hervor, auf die Verbrechen von einst weist hier, außer einer Gedenktafel, nichts mehr hin. Zoltan Schwarcz hat sie aber natürlich nicht vergessen – obwohl er nur eine Nacht hier untergebracht war. „Zum Glück“, sagt er. „Im Vergleich dazu war das Altlager ein Fünf-Sterne-Lager. Hier waren es eher so drei Sterne.“ Die Enkelin schmunzelt beim übersetzen, die Tochter lacht. Es ist der letzte Moment des Rundgangs, an dem Zoltan Schwarcz seinen Humor erkennen lässt. Je länger der ehemalige KZ-Häftling den Pfad durch den Wald entlangläuft, umso nachdenklicher wird er. Der Ort und seine Geschichte lassen ihn nicht kalt.

Ehemaliges Massengrab

Am Gedenkort Massengrab wird Zoltan Schwarcz dann ganz still. Hört zu, wie Franz Langstein beschreibt, was es mit den abgesägten und geschälten Baumstämmen auf sich hat. Die Rinde habe man entfernt, um die Toten zu symbolisieren, welche nackt hier ankamen.

Tote wie der Vater und Onkel von Zoltan Schwarcz. Beide haben die Torturen der Inhaftierung in Mühldorf nicht überlebt. Wahrscheinlich seien auch sie an diesem Ort verscharrt worden, meint Langstein. Mit Sicherheit können man das aber nicht sagen. Am Ende bleibt die Vermutung, dass die sterblichen Überreste seiner Verwandten heute auf einem der KZ-Friedhöfe in der Region liegen.

Nach dem Tod von Vater und Onkel war der damals 15-Jährige Zoltan auf sich allein gestellt. Seine Mutter und Schwester waren zuvor bereits in Auschwitz ermordet worden.

KZ-Friedhof Mühldorf

Zum Gedenken an seinen verstorbenen Vater und Onkel zündet Zoltan Schwarcz eine Kerze an. Und steht Minuten lang wie versteinert vor den Grabsteinen.

Irgendwann beginnt er dann doch wieder zu erzählen. Davon, wie er das Kriegsende erlebt hat. Ende April 1945 wurde Schwarcz zusammen mit hunderten anderen Häftlingen im sogenannten Todeszug evakuiert. In Seeshaupt endete sein Martyrium – mit der Befreiung durch die Amerikaner. Da man ihm vor Fahrtantritt seine Kleidung genommen hatte, habe er einem toten SS-Soldaten die Uniform abgenommen, erzählt Schwarcz. Und diese anbehalten, bis er wieder in seiner alten Heimat nahe Budapest war. Für ein Mitglied der SS hielt ihn niemand, sagt er. „So abgemagert wie ich war.“

Zoltan Schwarcz stand vor dem Nichts. Bis auf eine Tante hatte er seine gesamte Familie im Holocaust verloren. In Europa hielt ihn nichts mehr. Nach dem Krieg wanderte er 1947 nach Isreal aus, gründete eine Familie, blickte nach vorne und lange nicht zurück.

Bis zu dem Tag, an dem er seinen Kindern zum ersten Mal von seinen Erlebnissen im KZ-Außenlager im Mühldorfer Hart erzählte. Rund vier Jahre ist das her. Vor ein paar Monaten nahm seine Tochter dann Kontakt zum „Verein für das Erinnern“ auf. Ihr Vater wolle noch einmal nach Mühldorf kommen, schrieb sie in einer Mail. Zurück an die Orte des Leidens.

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