Silofolie an Kühe verfüttern? Dank eines Ampfingers entsteht weniger Müll

Folien bedecken die Silage auf landwirtschaftlichen Höfen. Damit fällt deutschlandweit tonnenweise Plastikmüll an.
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Folien bedecken die Silage auf landwirtschaftlichen Höfen. Damit fällt deutschlandweit tonnenweise Plastikmüll an.
  • Nicole Petzi
    vonNicole Petzi
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Ein Ampfinger Chemiker hat ein Verfahren entdeckt, mit dem Silofolie durch natürliche Rohstoffe ersetzt werden und die obendrein den Kühen verfüttert werden kann. Dafür hat das Start-up Feed!it den dritten Platz beim Businessplan-Wettbewerb belegt.

Ampfing – Christian Klinger hat Spaß daran zu tüfteln und Neues auszuprobieren. Deshalb zog den promovierten Chemiker aus Ampfing nach seinem Studium zunächst in die Entwicklung eines mittelständischen Klebstoffherstellers.

Hier konnte er sich nach Herzenslust ausprobieren – vom Kleber, den die Kindergarten-Kids ohne Gefahr in den Mund nehmen können, bis hin zum Hightech-Klebstoff, der auf Platinen in der Luft- und Raumfahrttechnik verwendet wird. Doch nicht dafür hat Christian Klinger für Aufsehen gesorgt.

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Essbare Silofolien gewinnen Preis

Mit seinem Kompagnon Christian Schübel, der für Marketing und Vertrieb zuständig sein wird, belegte der Ampfinger mit seinem Start-up Feed!it den dritten Platz beim Businessplan-Wettbewerb ideenReich 2020, ausgetragen vom Startup Netzwerk BayStartUP und dem Gründerzentrum Digitalisierung Niederbayern, für ein Verfahren, dass die Silofolie in der Landwirtschaft durch natürliche Rohstoffe ersetzt, die obendrein verfüttert werden kann.

Christian Klinger bei der Arbeit_mit Rührgerät und Topf.

Es kommt auf die ‚Backmischung‘ an

Wie Christian Klinger, der aus der Polymer-Forschung kommt, ausgerechnet auf die landwirtschaftliche Silage ein Auge geworfen hat? „Die Idee kam mir bei einer Busfahrt nach Hochfilzen, an der auch Landwirte teilnahmen. Einer hat mich auf das Problem mit der oft schwer händelbaren Silofolie, die durch Reifen beschwert, Futtermittel abdeckt, angesprochen, ob nicht auch ein ‚Aufspritzen‘ möglich wäre“, erzählt der Chemiker. Als Selbstständiger mit seiner Technologieberatung CK² bestand die Möglichkeit, „sein eigenes Ding“ zu machen. „Diese Freiheit ist Gold wert und lässt kreative Säfte fließen!“

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Kreative Säfte – die flossen zu Beginn ausschließlich in der Küche seiner Wohnung, wo er mit Schneebesen und Schüssel das richtige Rezept für die Spritzmasse zusammenrührte. „Es war wie beim Kuchenbacken, zwar mit mehreren Zutaten, die man aus dem Futtermittelbereich kennt; jedoch ist der Aufbau zweikomponentig, das heißt, eine Komponente A reagiert beim Mischen mit Komponente B und härtet so als Mischung rasch aus“, sagt der Erfinder.

Auch Gemüsefelder, wie hier Spargel, werden mit Folien abgedeckt.

Futtermittelzulassung ist geplant

Die Formulierung sei gerade zum Patent eingereicht worden – nach erfolgreichen Silage-Versuchen im Garten. Nach einem halben Jahr konnte er den ‚Deckel‘ auf der Silage im Betonkübel wie einen Kuchen anschneiden. „Selbst der Mais war noch gelb!“ Wichtig sei, dass die Masse innerhalb von Sekunden erstarrt, sodass ein Auftragen im Regen möglich ist. „Bis zu einem Jahr soll die luftdichte Abdeckung halten, aber nicht länger – mit Blick auf die spätere Kompostierung!“

Doch mit ‚Kompost‘ allein wollte sich der Chemiker nicht zufriedengeben. Was wäre, wenn man die Silage mit ihrem Deckel aufschneiden und den Tieren verfüttern könnte? „Die Futtermittelzulassung ist geplant, wird aufgrund des Zulassungsprozederes wohl einige Zeit in Anspruch nehmen.“ Dass es den Kühen schmeckt, daran hat der Ampfinger keine Zweifel. Die Herausforderung lag darin, dass sonst keiner die Oberfläche „anknabbert“. Die Vögel hätten die Masse nicht angerührt, den gefräßigen Schnecken habe er den „Teig“ versalzen.

Eine Rechnung, die für alle aufgeht

Ein Rezept, das jetzt nur noch möglichen Mitgründern und Investoren sowie den Landwirten schmecken muss. Die reagieren mit Begeisterung, sagt der Tüftler. Sein Verfahren ist weniger gefährlich und aufwändig, jedoch auch kostspieliger. Die Applikationsmaschinen, die die Masse auftragen, – und für deren Herstellung eine Partnerfirma gesucht wird – könnten über eine Art Maschinenring kostengünstig genutzt werden. Und was die Masse angeht, die sei ‚Bio‘! Unterm Strich würden die rund 180 000 Betriebe mit Rinderhaltung und die 9200 Biogasanlagenbetreiber rund 40 Millionen Quadratmeter Folie und damit tausende Tonnen Plastikmüll einsparen. Ganz zu schweigen von der Mulchfolie auf Obst- und Gemüse-Äckern.

Sicher. Da wäre noch die ‚Plastiklobby‘, die nicht so ohne Weiteres Boden preisgeben werde. Doch auch die werden den Fortschritt gewähren lassen müssen, ist sich Klinger sicher. Plastik habe seine Berechtigung, aber wenn es Alternativen gibt, warum die nicht beachten? „Man muss mit besseren Argumenten überzeugen, Alternativen auszuprobieren!“

Was halten Landwrte davon?

Veronika Kirchmaier aus Chieming betreibt mit ihrem Mann Franz einen konventionellen Hof mit 160 Milchkühen, Ackerbau, Grünland und Holzwirtschaft. „Das ist eine tolle Idee, da wir jedes Jahr sicher einen Container voll mit Folien entsorgen müssen und die Silage einen hohen Arbeitsaufwand fordert. Seit mehreren Jahren wird an so einem Verfahren geforscht und wir haben uns schon lange über mögliche Alternativen informiert. Aber das Ganze muss auch praktikabel und finanzierbar sein. Wir sind gespannt!“

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