Zerstörte Autos, ausgefallene Züge: Sturm Sabine rüttelte den Landkreis Mühldorf kräftig durch

Der spektakulärste Unfallereignete sich bei Neumarkt-St. Veit. Dort warf der Sturm einen Lastwagen samt Anhänger um. Wie bei allen anderen Vorkommnissen galt auch dort: Menschen wurden nicht verletzt. Fib/Eß
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Der spektakulärste Unfallereignete sich bei Neumarkt-St. Veit. Dort warf der Sturm einen Lastwagen samt Anhänger um. Wie bei allen anderen Vorkommnissen galt auch dort: Menschen wurden nicht verletzt. Fib/Eß

78 Einsätze meldete der Kreisfeuerwehrverband Mühldorf am gestrigen Sturmtag. In den frühen Morgenstunden erreichte „Sabine“ den Landkreis Mühldorf, knickte Bäume, verhinderte Zugfahrten und hielt die Einsatzkräfte in Atem. Trotz vieler Schäden zogen die Verantwortlichen vor allem aus einem Grund ein positives Fazit.

Von Markus Honervogt, Hans Grundner und

Wolfgang Haserer

Mühldorf – Um 6.57 musste als erste Feuerwehr im Landkreis die aus Salmanskirchen ausrücken, um sich den Folgen des Sturms „Sabine“ zu stellen, der gestern über den Landkreis zog. Bei Boxham lag ein Baum quer über der Straße, berichtet Kreisbrandrat Harald Lechertshuber. Den Salmanskirchnern folgten im Verlauf des Tages weitere 58 der insgesamt 73 Landkreis Feuerwehren, die sich zumeist um umgefallenen Bäume kümmern mussten.

9.55 Uhr in Mühldorf: Böen mit 128 Kilometern in der Stunde

Laut integrierter Leitstelle und Polizeipräsidium Oberbayern Süd war der Landkreis Mühldorf besonders stark betroffen, hier verzeichneten die Hilfskräfte die meisten Einsätze in der Region. Aber: „Im Vergleich zu anderen Regionen Bayerns sind wir glimpflich davon gekommen“, sagte ein Sprecher der Leitstelle. Vor allem zwischen 8 und 9 Uhr gab es viele Einsätze.

Bis gegen 10.30 Uhr tobte der erste Durchgang des Sturms, um 9.55 Uhr meldete Wetter-Online Spitzenböen mit 128 Kilometern pro Stunde. Damit lag Mühldorf hinter Fürstenzell in Niederbayern mit 155 km/h und vor Mühlacker in Baden-Württemberg mit 119 Stundenkilometern auf Platz zwei der windigsten Orte in Süddeutschland.

Lastwagen kippt um, Fahrer steigt unverletzt aus

Bei Neumarkt-St. Veit stürzte um 8.49 Uhr ein Lastwagen um. Der leere Neuntonner mit Anhänger kippte auf eine Wiese neben der Fahrbahn, der 48-jährige Fahrer aus Freyung-Grafenau konnte sich laut Polizeisprecher Uwe Schindler unverletzt aus dem Führerhaus befreien. Die Feuerwehren aus Thambach und Hörbering sperrten die Straße, bis eine Spezialfirma den LKW geborgen hatte.

Gegen 14 Uhr bäumte sich der Orkan kurzzeitig noch einmal auf, erreichte aber bei Weitem nicht die Stärke vom Morgen. Kreisbrandrat Lechertshuber zog zu diesem Zeitpunkt eine beruhigende Bilanz: „Bislang ist glücklicherweise niemandem etwas passiert.“

Baum und Straßenlaterne stürzten auf einen Mazda

In Waldkraiburg hatte an der Ecke Geretsrieder und Teplitzer Straße ein Autofahrer Riesenglück. Sein Mazda geriet beim Abbiegen unter eine umstürzende Fichte, die auch noch eine Straßenlaterne mitriss, berichtet Feuerwehr-Kommandant Bernhard Vietze.

„Alles ist glimpflich abgegangen“, bilanzierte auch Waldkraiburgs Polizeichef Georg Deibl. „Wir hatten Glück, unsere Gegend hat es nur am Rande erwischt“, sagte Feuerwehrchef Vietze. Im Vergleich zu Stürmen wie „Kyrill“ und vor allem „Wiebke“ 1990, an die sich der Feuerwehrmann noch gut erinnern kann, „war alles halb so schlimm“.

Besonders hart hat der Sturm Bahnreisende getroffen. Sie mussten sich rund um den Linienstern Mühldorf auf allen Linien Alternativen suchen.

Einer von ihnen war Andreas Moser aus Töging. Doch der IT-Spezialist nahm es gelassen. „Selten konnte ich mich derart frühzeitig und entspannt auf einen Zugausfall vorbereiten“, sagt er. Bereits am Sonntagmittag habe die Bahn via E-Mail konkret vor Zugausfällen gewarnt. „Da haben viele Kollegen und ich gleich entschiedenen, am Montag von zu Hause aus zu arbeiten.“

Betroffen waren laut Bahn über 30 000 Menschen, die jeden Tag die Züge rund um den Linienstern benutzen. Die Hauptlast trug wie immer die Strecke nach München, auf der an normalen Werktagen mehr als 16 000 Menschen unterwegs sind. Bis in die Abendstunden fuhren keine Züge.

Die zerstörerischen Geschwister:„Sabine“, „Niklas“ und „Kyril“l

Die Auswirkungen von „Sabine“ im Landkreis Mühldorf sind nach einer ersten Bilanz mit der des Sturmes „Niklas“ Ende März 2015 zu vergleichen. Umgestürzte Bäume, gesperrte Straßen und abgedeckte Dächer hielten die Menschen und die Einsatzkräfte in Atem, große Schäden gab es aber nicht, Menschen wurden nicht verletzt. Erst in den Tagen und Wochen nach „Niklas“ wurde offensichtlich, wie hoch die Schäden waren, die der Sturm vor allem in den Wäldern im Landkreis angerichtet hatte.

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Der Sturm „Kyrill“ fegte im Januar 2007 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Stundenkilometern über den Landkreis hinweg. Er forderte in Deutschland elf Todesopfer, der Landkreis kam vergleichsweise glimpflich davon. Zwar waren die Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW und Rettungsdiensten mit rund 200 Einsätzen mehr gefordert als gestern bei Sabine, doch es gab ausschließlich Sachschäden. 40 000 Festmeter Holz waren es, die der Sturm in den Landkreisen Altötting und Mühldorf umlegte.

So ein schöner Schultag

„Lotti Karotti“ satt ABC hieß es an der Grundschule Mößling. Vier Kinder waren laut Schulleiterin Beate Waldinger-Keindl gekommen und dazu Lehrer, die in der Nähe wohnen. „Es ist wunderschön“, freute sich die Rektorin über einen Tag voller Spiele und Lieder für Kinder und Lehrer statt des normalen Unterrichts.

In der Grundschule Mühldorf blieb Schulleiter Martin Wiedenmannott allein: keine Kinder, nach kurzer Zeit auch keine Lehrer mehr, der Sturm bescherte dem sonst so lebendigen Haus einen ungewohnt ruhigen Tag.

Ähnlich ruhig war es auch an den Waldkraiburger Mittelschulen und an der Dieselgrundschule: Lehrer waren zwar da, um eine Notbetreuung zu gewährleisten, Schüler sind aber keine gekommen. Mit Spielen und Lesen wurde der Vormittag an der Beethoven-Grundschule für ein Kind gestaltet. Immerhin drei Kinder waren es an der Goethe-Grundschule. „Wir hatten einen Notdienst, aber der Hort war so freundlich, die Schüler aufzunehmen, die nachmittags ohnehin immer im Hort sind“, sagt Rektorin Ruth Linsmeier.

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Schulamtsleiter Hans Wax bestätigt die Einschätzung der Schulleiter. Weil alle Schulen geschlossen blieben, war es in den Gebäuden sehr ruhig. „Wir haben zwar Betreuungsmöglichkeiten in Schulen angeboten, diese wurden aber nur sehr gering in Anspruch genommen“, sagte er

hon/hsc

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