Mit zehn Mark nach Marokko

Dieter Cziczek ist seiner Vorliebe für geräumige Autos treu geblieben. Verändert hat sich nur seine Verkaufsstrategie: Während er heute zum Autohändler fährt, wählte er vor 32 Jahren mit seinem grünen R4 den Weg nach Marokko. Fotos hon/privat
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Dieter Cziczek ist seiner Vorliebe für geräumige Autos treu geblieben. Verändert hat sich nur seine Verkaufsstrategie: Während er heute zum Autohändler fährt, wählte er vor 32 Jahren mit seinem grünen R4 den Weg nach Marokko. Fotos hon/privat

Es sollte das große Geschäft werden: Als

Mühldorf - Er ist praktisch und preiswert, verbraucht wenig und schluckt auch ruppige Straßen klaglos. Er ist sehr robust, dank einer großen Heckklappe geräumig und vielseitig einsetzbar: Die französische Polizei nutzt ihn bei der Verbrecherjagd, deutsche Handwerker transportieren Werkzeug im großen Kofferraum und Studenten in ganz Europa schätzen ihn als komfortables Reisemobil, in dem man allein oder zu zweit in einen Schlafsack gekuschelt die Nacht gut übersteht.

Auch Dieter Cziczek liebt seinen grünen R4, der ihn sechs Jahre lang nicht nur durch Mühldorf sondern in viele Länder und bis auf den Balkan bringt. Der R4 des damals 24-Jährigen leidet aber schließlich unter der Krankheit, die fast alle Kultautos von Renault befällt: Er rostet. "Die Hohlprofile des Plattformrahmens korrodieren von innen her", heißt es auf einer der zahlreichen R4-Sei-ten im Internet.

Im Frühjahr 1979 steht für Dieter Cziczek fest: Der rostende Liebling muss weg. 500 Mark bietet ihm ein Händler, viel zu wenig für den damaligen Student. Und in Südfrankreich, schließt er messerscharf, sollte es für sein Auto doch wohl etwas mehr geben. Und Sonne und Erholung obendrein.

Ohne seine Eltern zu informieren, macht sich Cziczek an einem Sonntag im April mit seinem R4 auf den Weg nach Süden. Im Gepäck hat er einen Kanister mit 20 Litern Benzin, einige belegte Brote und 100 Mark. Denn Geld, so sein Plan, würde er nach dem Verkauf des Autos genügend haben.

"Es hat sich aber keiner dafür interessiert", sagt er heute, 32 Jahre später. Kein Problem, die nächsten Abnehmer vermutet er in Spanien, an der Küste geht es nach Süden bis Malaga. Ein paar Sandwichs, der Schlafplatz im Auto, viel benötigt der junge Mann nicht. Spanien bietet ihm Sonne satt, aber keinen Menschen, der sich für sein Auto interessiert. Auch kein Problem, denn: "In Afrika wird es sicherlich leichter", der schwarze Kontinent braucht dringend grüne Renaults.

Und der Mühldorfer Geld. Denn trotz seines spartanischen Lebens steht er fast vor dem Nichts: Ein Zehnmarkschein ist übrig, als er nach Ceuta, einer spanischen Enklave in Marokko übersetzt. Und siehe da: Noch bevor Cziczek die Grenze nach Marokko überschreitet spricht ihn ein Afrikaner auf Deutsch an: "Du willst verkaufen?" Bevor sie ihre 20 Kilometer lange Fahrt nach Tetuan antreten, einer Stadt in der marokkanisch Wüste, lotst Ali seinen deutschen Geschäftspartner hinter eine Sanddüne. Sie müssten reden, sagt er und offenbart: Er brauche Geld für Verhandlungen. Als Cziczek ihm sein Portemonnaie mit den verblieben zehn Mark zeigt, schüttelt der Araber erstaunt den Kopf: "Du kannst doch nicht mit zehn Mark von Deutschland nach Marokko fahren?"

An diesem Donnerstag bleibt Ali erfolglos, zusammen suchen sie eine Herberge für den Mühldorfer. Ein Ziegelbau, drei oder vier Stockwerke hoch, der Wirt liegt rauchend auf einem Canapé. Seine Antwort: "Keine Logis ohne Geld." Die Rettung naht in Gestalt eines Schweizer Geschäftsmanns. Der tritt plötzlich aus der Tür eines der Gastzimmer, bekleidet mit der Jelaba, dem typischen Kleidungsstück der Araber. Er nehme immer wieder ein Auszeit in dem Hotel, erzählt der Mann, zieht ein Bündel Geldscheine hervor und zahlt dem Mühldorfer die Nacht.

Am nächsten Tag schleppt Ali den Sohn eines Hafenzollmeisters an, der nach langen Verhandlungen den R4 haben will: "Warum hast du keinen Mercedes Diesel?", fragt er. 500 Dirham ist der Mann bereit zu zahlen, das sind etwa 500 Mark. "Der Junge war glücklich und ich auch", erzählt Cziczek. Dafür verlangt der Sohn des Hafenzollmeisters einen richtigen Kaufvertrag von einem Rechtsanwalt. "Ich habe den Vertrag, den ich nicht lesen konnte, unterschrieben."

150 Dirham bekommt Ali als Provision, dazu den von Dieter Cziczeks Freundin gestrickten Pullover und den Schlafsack. Ali besorgt noch die notwendigen Formulare, damit der Mühldorfer Marokko auch ohne das Auto verlassen kann. Mit dem Zug kommt Cziczek bis Lyon, dann ist sein Geld verbraucht.

Als Schwarzfahrer geht es weiter bis Paris, um 6.30 Uhr steht er am Samstagmorgen in der französischen Hauptstadt, dreckig, ungewaschen, hungrig und ohne einen Pfennig in der Tasche. Im Auto eines Ausbeiners geht es bis Straßburg, die Grenzer unterziehen den 24-Jährigen einer sehr privaten Drogenkontrolle. Der nächste Chauffeur kommt im Golf GTI, es folgt eine Nacht in der Jugendherberge Kirchheim-Teck, eine Dusche und etwas zu Essen gegen das Versprechen, Geld zu überweisen. Mit dem Traktor geht es zum Autobahnkreuz, in einem 3er-BWM schließlich nach München. 20 Pfennig erbettelt sich Dieter Cziczek von einem Mittramper und ruft seine ahnungslosen Eltern an. Die holen ihn ab und spendieren dem Sohn beim Stanglwirt in Neufahrn ein Steak.

Zu Hause geht er zur Polizei, das Auto als gestohlen zu melden. Das ist das einzige Delikt, das sich Cziczek hat zuschulden kommen lassen. Das aber ist nach 32 Jahren längst verjährt. hon

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