Die wilde Schönheit

Ein namenloser Gast in den Terrassenritzen.
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Ein namenloser Gast in den Terrassenritzen.

Der Garten im Herbst ist doch eigentlich was Grausiges.

Halbfaules Laub gammelt zwischen den letzten Stauden vor sich hin, der Nachbar schaut jedes Mal genervt auf die noch immer ungeschnittenen Büsche, das Grauen vor dem Besuch des völlig überfüllten Wertstoffhofs stellt sich jeden Samstagmorgen ein.

Deshalb gibt es heute einen etwas wehmütigen Blick auf den letzten Lichtblick im Garten. Im Frühjahr vor zwei Jahren tauchte sie erstmals auf, eine kleine Schönheit zwischen den Terrassenritzen, in denen sonst nur Löwenzahn und Disteln sprießen. Zart und rosa, von niemandem gepflanzt – und im ziemlich unbotanisch veranlagten Haushalt namenlos.

Sie überstand den Winter, kehrte im Frühjahr zurück und blühte auch in diesem Sommer völlig selbstgenügsam vom ersten Tag an. Sie verlangte keine Gießkanne, keinen Dünger und ertrug alle Ameisenstraßen, die über sie hinwegführten.

Jetzt dürften auch ihre Tage gezählt sein, bald wird sie ihre Blüten einrollen und sich klein zwischen die Terrassenplatten ducken, um einen kalten Winter zu überstehen. Es bleibt die Hoffnung, dass sie im nächsten Frühjahr mit dem ersten Sonnenschein wild und schön zurückkehrt. Und irgendein Leser weiß, welchen Namen dieses Blümchen trägt.

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