Wenn Rheuma zum zweiten Ich wird: Die Geschichte von Gertraud Erl aus Mühldorf

Gertraud Ertl kämpft seit 28 Jahren gegen ihre Krankheit „Rheuma“ an, die ihr Leben in fast jeder Minute prägt. Damit leidet sie fast so lange krank, wie die Rheumaliga Altötting-Mülhdorf alt ist. In ihr finden Betroffene seit 30 Jahren Hilfe. Bartschies

Gertraud Ertl leidet seit 28 Jahren an einer Krankheit, die sie dominiert und jeden Tag bestimmt. Ihr Leben bewältigt sie trotz aller krankheitsbedingter Erschwernisse alleine. Hilfe hat sie in der Rheumaliga gefunden, die jetzt ihr 30-jähriges Bestehen feiert.

Mühldorf. „Gelenk- und Weichteilrheuma bestimmen mein Leben Tag und Nacht – oft quälend und voller Schmerz. Es ist eine Krankheit, die man nicht sieht. Es nagt in dir und es wird einem oft nicht geglaubt. Ich wache nach einer unruhigen Nacht auf und mir tut alles weh.“ Mit diesen Sätzen schildert Gertraud Ertl (70) ihr tägliches Leben. Und sie hat dafür einen markanten Titel gewählt, der mehr sagt als viele Sätze: „Rheuma - mein zweites Ich!“.

Es stimmt, man sieht der gepflegten älteren Dame die Krankheit nicht an. Eine Krankheit, die sie bei jedem Schritt, jedem Handgriff begleitet und die vor 28 Jahren mit einem „harmlosen“ Tennisarm begann. Nach einer Operation traten die Schmerzen im anderen Arm auf. Sie wurde mit Cortison und Schmerzmitteln behandelt – heute schluckt sie täglich zwölf Tabletten gegen die Schmerzen und einige Begleiterkrankungen .

Rheuma bestimmt das ganze Leben

Gertraud Ertl lebt in einer Wohnung in ihrem Elternhaus, in dem sie auch zur Welt kam. Sie ist allein, führt ihren Haushalt selbst. Wenn sie Einkäufe in den ersten Stock getragen hat, ist sie oft zu erschöpft, um sie noch einzuräumen. Dann hilft nur noch hinlegen und ausruhen. Und schwer heben kann sie gar nicht mehr. Aber auch das Klima, vor allem jetzt im Herbst, wirke sich auf die Krankheit und die Schmerzen aus: „Das feuchte Wetter macht es noch schlimmer, aber ich reiße mich zusammen, so gut ich kann.“

Der gesamte Oberkörper von Gertraud Ertl ist von Rheuma befallen – von den Fingern über die Ellenbogen bis hin zu den Schultern und dem Rücken. Deshalb kann sie meist nur schlecht schlafen. Wenn sie zu lange auf einer Seite liegt, wacht sie von den Schmerzen in der Schulter auf und muss ihre Position ändern. Morgens ausgeschlafen und erholt aufwachen, das bleibt für Gertraud Ertl ein Wunsch.

Sterne für den Christkindlmarkt

Trotz all der Beschwerden hat sich die Seniorin aber ihren Optimismus bewahrt, einen Optimismus, den sie von ihrem Vater geerbt hat, wie sie glaubt. Außerdem ist sie an einem 13. geboren „und deshalb habe ich immer wieder Glück im Unglück“. Das hat ihr in gewisser Weise auch das Leben bewiesen, denn Gertraud Ertl hat fünf schwere Autounfälle überstanden, alle unverschuldet, wie sie sagt. Sie selbst fahre seit 42 Jahren unfallfrei.

Nur noch wenige Freunde

Ihr Auto braucht sie heute noch, zum Beispiel um einmal in der Woche zum Treffen der Rheuma-Liga Altötting-Mühldorf in Ecksberg zu kommen. Dann steht eine Stunde Wassergymnastik auf dem Programm. Diese Übungen tun ihr gut, das hilft ihr für einen Tag. Zuhause bastelt sie gerne Sterne für den Mühldorfer Christkindlmarkt, für sie zugleich Beschäftigung und Training für die von Rheuma befallenen Finger.

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Gertraud Ertl bewältigt ihr Leben trotz aller krankheitsbedingter Erschwernisse alleine, Gesellschaft leistet ihr zuhause lediglich ihr Perserkater „Camillo“, „der mir oft in der schweren Zeit Kraft gibt. Denn Freunde hat man nur wenige, wenn man krank ist, weil man dann nicht mehr so kann, wie man will. Aber grad‘ da würde man einen Freund brauchen, der einen rausholt aus dem Teufelskreis mit Gesprächen, Kaffee trinken, einfach mal da sein.“ Vor etwa sieben Jahren ist Gertraud Ertl in Frührente gegangen. Ihre Krankheit hat sie begleitet, eine Krankheit, die vom ganzen Menschen Besitz ergreift, nicht nur von seinem Körper.

Die Rheumaliga

Die Deutsche Rheuma-Liga ist nach eigener Mitteilung mit über 300 000 Mitgliedern der größte deutsche Selbsthilfe-Verband im Gesundheitsbereich. Die Arbeitsgemeinschaft Mühldorf-Altötting feiert in diesem Monat ihr 30-jähriges Bestehen. Geboten werden unter dem Motto „Bewegung – Begegnung – Beratung“ ehrenamtliche Hilfe zur Selbsthilfe, persönliche Beratungsgespräche und Informationen zum Funktionstraining, Erfahrungsaustausch und gesellige Veranstaltungen sowie Gymnastikprogramme mit zertifizierten Therapeuten. Rheuma ist den Informationen der Selbsthilfegruppe zufolge ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen wie z. B. rheumatische Arthritis, Bechterew’sche Erkrankung, Arthrosen, Fibromyalgie und andere Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Ansprechpartner der Arbeitsgemeinschaft Mühldorf-Altötting ist Brigitte Wünsch, Telefon 0 86 31/9 87 13 31, E-Mail: cb.wuensch@web.de.

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